LGBTQ als Arzt – welche Hürden gibt es?
Dr. med. Fabian Mühlberg ist leitender Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Nephrologie im Helios-Klinikum Berlin Buch und hat vor zwei Jahren mit den Chirurginnen Dr. med. Franziska Renger und Dr. med. Miriam Baur die klinik-interne queere Community OUT@Helios gegründet.
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera
Herr Dr. Mühlberg, wenn Sie folgenden Satz hören: „Ob mein Kollege/meine Kollegin schwul/lesbisch ist, ist es mir doch egal. Legal ist es sowieso. Also warum muss man das Thema immer wieder aufwärmen?“ Was ist Ihre Antwort auf so eine Aussage?
Mir persönlich geht es im Alltag genauso. Ich kann aus meinem persönlichen Umfeld keinen konkreten Vorfall berichten, der dazu führen müsste, dass wir aus diesem Grund eine Community unbedingt brauchen. Aber bei der Idee unseres Netzwerks geht es in erster Linie nicht um uns als Gründungsmitglieder, die offen und problemlos mit dem Thema umgehen.
Ich glaube, es geht vor allem um die Menschen, die nichts zu dem Thema sagen oder sich nicht outen wollen, weil sie vielleicht doch mal diskriminiert worden sind oder immer noch diskriminiert werden. Oder weil sie sich in einem ganz frühen Stadium ihrer sexuellen Selbstfindung befinden und Ansprechpartner brauchen. Für diese Menschen ein Netzwerk zu schaffen, ist die Hauptidee unserer Community.
Es geht uns ganz klar nicht darum, belehrend mit dem Zeigefinger auf die Gesellschaft zu zeigen, sondern jeden Einzelnen zu erreichen, nicht nur die – in Deutschland – insgesamt positiv eingestellte Mehrheit. Das ist ein bisschen wie beim Thema Impfen. Es reicht eben nicht, wenn nur die einfache Mehrheit sich impfen lässt und so ist es auch bei den Themen Toleranz und Gleichberechtigung. Wenn wir Diskriminierung aus der Welt schaffen wollen, dann brauchen wir nicht nur die Mehrheit, sondern bestenfalls 100%. Dafür ist es wichtig, dass Toleranz und die Werte, für die die LGBTQ-Community steht, immer wieder offen und transparent dargestellt werden.
Wie kam die Gruppe zustande?
So wie viele gute Ideen entstand sie bei einem Bier abends am Wochenende. Die beiden Mitgründerinnen, Franziska Renger und Miriam Baur und ich sind schon vorher privat befreundet gewesen. Wir kamen auf das Thema LGBTQ zu sprechen und haben gemerkt: Mensch, das ist doch eigentlich ziemlich traurig, dass wir in einem Unternehmen arbeiten, das viele Tausend Mitarbeiter*innen und mehrere Milliarden Euro Jahresumsatz hat, in dem es aber so eine Community nicht gibt.
Es gab kein konkretes negatives Ereignis, was das irgendwie beeinflusst hat. Als junge Ärzt*innen identifizieren wir uns mit dem Thema und möchten es aktiv voranbringen. Als ersten großen Meilenstein haben wir uns dann den Christopher Street Day 2019 gesetzt, und wollten dort direkt mit einem großen Truck an den Start gehen.
Wir sind im ersten Schritt auf die Unternehmenskommunikation zugegangen, und die waren direkt Feuer und Flamme. Auch die Geschäftsführung war von Anfang an mit großem Enthusiasmus dabei. Die Gründung der Community und vor allem eine aktive Teilnahme am CSD kostet Geld und da braucht man von Anfang an Unterstützung aus dem Management.
Welches Ziel hat die Gruppe?
Die initiale Idee war es, ein Netzwerk zu bilden zusammen mit den Kolleg*innen, von denen wir wussten, dass sie zur LGBTQ-Community gehören. Wir haben mit denen zusammen einen regelmäßigen Stammtisch angefangen.
Im zweiten Schritt wollten wir zu einer Anlaufstelle werden für Menschen, die nicht so offen mit dem Thema umgehen können oder wollen; die einfach jemanden brauchen, auf den sie zukommen können.
Man muss dazu sagen, die Community ist noch im Aufbau. Wir haben durch die erfolgreiche CSD-Teilnahme viel Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit im Unternehmen bekommen, aber wurden durch die COVID-Pandemie etwas gebremst. Unterm Strich aber ist die Gruppe eine Anlaufstelle für alle, die sich der LGBTQ-Community offen oder halt auch privat und diskret zugehörig fühlen.
Was für Erfahrungen machen queere Ärzt*innen bei der Arbeit?
Ich glaube, das ist sehr individuell und unterscheidet sich gar nicht so sehr von anderen Berufsgruppen. Jeder Einzelne hat unterschiedliche persönliche Erfahrungen gemacht. Ich habe das Gefühl, dass es in der Medizin, wo berufsbedingt Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen in Form unserer Patient*innen im Mittelpunkt stehen, es grundsätzliche eine sehr respektvolle Grundeinstellung gibt.
Im Klinikalltag gab es jedenfalls für die Gründung des Netzwerks durchgehend sehr positives Feedback.
Gibt es Hürden?
Nach den Rückmeldungen aus der Arbeitsgruppe würde ich sagen, dass es in der Medizin eher eine respektvolle Grundhaltung gibt.
Ich rede aber natürlich aus einer Berliner Perspektive, wo ein sehr großer Teil der Bevölkerung kosmopolitisch, tolerant und liberal denkt. Helios hat aber über einhundert Akut- und Rehakliniken im ganzen Land und da kann es regional schon sehr große Unterschiede geben.
Ich glaube deshalb, dass die Hürden eher auf der ganz individuellen Ebene liegen. Das zeigt sich oft gar nicht so sehr im Umgang mit den Kollegen oder weil bei der Arbeit konkrete Probleme auftreten. Ich denke eher, dass viele LGBTQ-Kolleg*innen im Rahmen des eigenen Coming Outs oder im Rahmen von Ereignissen, die gar nicht im Krankenhaus stattfanden, Probleme mit der sexuellen Orientierung haben kann und deshalb stärkere Bedenken haben, sich früh und offen gegenüber allen Kollegen zu outen.
Würden Sie Ärzt*innen, die zur LGBTQ-Community gehören, raten, sich vor Kollegen zu outen?
Am Arbeitsplatz sollte jeder Mensch den Zeitpunkt, die Art und Weise und den Grad der Offenheit selbst bestimmen. Aber abraten würde ich nie.
Sobald man abraten müsste, gibt es ein ganz anderes Problem, nämlich offensichtlich das einer unterschwelligen Diskriminierung oder zumindest eine Angst vor Diskriminierung im Team. Und ich glaube, das hat dann eher etwas mit dem Team-Gedanken zu tun.
Also die kurze Antwort: Ich würde niemandem davon abraten, sich im Team zu outen. Ich würde aber jemandem, der davor Angst hat, raten, herauszufinden, woher die Ängste kommen. Gespräche mit anderen Community-Mitgliedern können ein guter Anfang sein und dafür ist unser Netzwerk auch gegründet worden.
Und vor den Patienten?
Gegenüber Patient*innen sollte man, das ist aber meine persönliche Meinung, sich in der Regel nicht outen. Ich denke, die Arzt-Patienten-Beziehung sollte immer eine gewisse Neutralität haben. Ich frage die Patienten in der Regel auch nicht nach sexuellen Vorlieben, außer es ist medizinisch relevant.
Lernt man im Medizinstudium genug über die Belange von Patienten aus der LGBTQ-Community?
Wir drei haben nichts im Studium darüber gelernt. Ich glaube nicht, dass das bei jeder Krankheit und jedem Arzt-Patienten-Kontakt eine Rolle spielen muss.
Aber zumindest sollte es eine Sensibilisierung für das Thema geben, dass bei bestimmten Krankheiten, Symptomen, vielleicht psychischen Auffälligkeiten, auch mal Fragen in Richtung des Themas gestellt werden können. Das lernen wir im Studium zumindest nicht strukturiert.
Für Patienten im Krankenhaus sind wir Klinikärzte in der Regel keine stetige Begleitung, sondern nur für eine kurze Zeit zuständig. Deshalb spielen Themen wie ein mögliches Coming Out oder andere Fragen und Probleme im Zusammenhang mit der sexuellen Identität eher selten eine Rolle.
Ich weiß aber aus dem privaten Umfeld, dass das Thema bei Kollegen, die beispielsweise in der Praxis hausärztlich tätig sind, relevant ist. Es gibt mehrere Praxen hier in Berlin, die hausärztlich speziell Patienten aus der LGBTQ-Community behandeln. Diese LGBTQ-Praxen werden in Berlin gut angenommen. Viele fühlen sich dort einfach besser aufgehoben als bei einem Hausarzt oder einer Hausärztin, der oder die nicht in der Community ist. Zum Beispiel in Schöneberg, wo die Gay-Community historisch verwurzelt ist, gibt es mehrere solcher Praxen.
Schätzen Sie den LGBTQ-Anteil in der Medizin ähnlich ein wie in der Gesamtbevölkerung?
Mir war so, als hätte ich darüber schon mal was gelesen, dass der LGBTQ-Anteil in der Medizin etwas höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Aber ich habe keine wissenschaftlich belastbaren Daten dazu. Für mich spielen die Zahlen aber keine wichtige Rolle. Jeder Mensch, egal, wie selten es ihn oder sie gibt, ist gleich wichtig.

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