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Leben als Arzt

13. Feb. 2025
Aus dem Kollegenkreis

Ruhestand – was nun?

Manchen Menschen können den Eintritt ins Rentenalter kaum erwarten – andere bleiben bis ins hohe Alter berufstätig. Wie ist das bei Ärztinnen und Ärzten? Wir werfen einen Blick auf 3 Gründe, aus denen viele Kolleginnen und Kollegen weiterarbeiten.

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Als Arzt im Ruhestand: Weiterarbeiten?
Den Arztkittel mit Erreichen des Renteneintrittsalters abzulegen mag verlockend erscheinen, doch nicht alle sind dazu bereit – aus verschiedenen Gründen. (Foto: Getty Images | Ocskaymark)

Kürzlich warf die Ärztezeitung die Frage auf, wie viele der Ärztinnen und Ärzte, die bereits über 65 Jahre alt sind, noch berufstätig sind. Das Ergebnis: 45.000 praktizieren noch – während 100.000 nicht mehr ärztlich tätig sind. Was sind die ausschlaggebenden Gründe dafür, den Arztkittel an den Nagel zu hängen oder weiter zu praktizieren? Wir haben in Ihrem Kollegenkreis nachgefragt und verschiedene Motivationen und Lebensentwürfe zusammengetragen.

3 Gründe, weiter berufstätig zu sein  

1. Des Geldes wegen

Ein naheliegender Grund, weiter berufstätig zu sein, ist finanzieller Natur. Der Traum, schuldenfrei in den Ruhestand einzutreten, lässt sich für manche nur realisieren, wenn sie noch ein paar Berufsjahre dranhängen. Das Warten auf den idealen Zeitpunkt – bedingt durch noch laufende Kredite oder den noch fehlenden Praxisnachfolger – kann die Bereitschaft, auf das ärztliche Einkommen zu verzichten, hinauszögern. Wobei es hier durchaus eine Option sein kann, das Arbeitspensum zu reduzieren. Ein Gedankenspiel, das sicherlich Viele kennen, beschreibt sylnlaeg aus der Gynäkologie: „Die entscheidende Frage, die ich mir auch wieder in diesem Urlaub stelle: Wieviel Geld brauche ich, um entspannt leben zu können? Und wage ich es, zu kürzen, ja, vielleicht auch 25% oder 50% von meinem KV-Sitz abzugeben?“

Aus finanziellen Gründen weiterzuarbeiten ist das eine – doch könnten finanzielle Anreize wie Steuervergünstigungen sogar dazu beitragen, Ruheständler zurück in die Erwerbsarbeit zu holen? Kürzlich regte der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, genau das an. Sein Argument: In Frankreich habe eine zielgerichtete Steuersenkung dazu geführt, dass 20.000 Kolleginnen und Kollegen in die medizinische Versorgung zurückgekehrt seien. Vielleicht ließen sich damit auch hierzulande einige der 100.000 Ärztinnen und Ärzte jenseits der 65 Jahre, die nicht mehr berufstätig sind, zurückgewinnen?

Ein Blick ins coliquio-Forum zeigt: Für viele Ärztinnen und Ärzte klingt die Idee wenig nachvollziehbar – zumal es lange Zeit eine fixe Altersgrenze gab. Wer das 68. Lebensjahr vollendet hatte, musste seine Zulassung zurückgeben – eine umstrittene Regelung, die 1993 in Kraft getreten war und Ende des Jahres 2008 wieder gekippt wurde. Dass nun, gut 15 Jahre später, der Vorschlag aufkommt, ältere Ärztinnen und Ärzte durch Steueranreize wieder anwerben zu wollen, sorgt bei vielen Ärztinnen und Ärzten erwartbar für Kopfschütteln.

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Ich habe für solcherlei Debatten kein Verständnis. Solange sowohl bei niedergelassenen Ärzten als auch bei Klinikärzten ein unbeschreiblich hoher Anteil der Arbeitszeit für Verwaltungs- und Administrationsaufgaben verschwendet wird, braucht man mir mit solchen Debatten nicht kommen.

Volker Schlautmann, Psychiatrie und Psychotherapie

Dennoch verleitet die Frage nach sinnvollen Anreizen zum Sinnieren. coliquio-Mitglied drfhm01, Innere Medizin, teilt im Forum seine persönliche Utopie und träumt von einer ärztlichen Tätigkeit ohne Telematik, Regress, Notdienstverpflichtung und ohne die unzähligen Vorschriften, die den Spaß an der Tätigkeit trüben.

Das finanzielle Einkommen scheint also nicht der wichtigste Grund zu sein, weiterzuarbeiten. Insbesondere, wenn die Praxis (und/oder das eigene Häuschen) abbezahlt sind, muss die Motivation anders gelagert sein.

2. Aus Spaß an der Arbeit

Auch wenn der Arztberuf ohne Zweifel herausfordernd und mitunter kräftezehrend ist, so kann er doch – trotz allem – sehr erfüllend sein. coliquio-Mitglied urmayr aus der Psychologischen Psychotherapie beschreibt treffend, der Beruf vermittle „das Gefühl etwas Wesentliches zu tun, etwas das bleibt“. Insbesondere wenn Patientinnen und Patienten über lange Zeit hinweg begleitet werden oder wenn in kritischen Fällen schließlich Behandlungserfolge sichtbar werden, wird dies als Bereicherung empfunden. Auch die Dankbarkeit und Wertschätzung von Patientenseite zählt für viele Kolleginnen und Kollegen zu den schönen Momenten, die im Ruhestand dann oftmals abrupt aufhören. 

Daher tendieren viele Kolleginnen und Kollegen dazu, noch einige Jahre weiterzuarbeiten, solange sie gesund und fachlich in der Lage sind, den Beruf weiter auszuüben. Entweder in derselben Funktion wie bislang oder in reduzierter Form. Beispielsweise berichtet coliquio-Mitglied micuebmlfa aus der Allgemeinmedizin davon, nun in Teilzeit die positiven Seiten des Berufs genießen zu können:  

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Jetzt mit 67 zwei halbe Tage völlig selbstständig in einer fremden Praxis zu arbeiten macht Spaß, da man gut gelaunt einen lockeren Umgang mit den MFAs und den Patienten pflegen kann ohne die geringste Spur der Überlastung. Das ist in meinem Fach unproblematisch machbar und erwünscht und das werde ich, solange keine Sauerbruchsche Selbstfehleinschätzung vorliegt, auch noch eine Weile weitermachen, dafür brauche ich keine Anreize.

micuebmlfa, Allgemeinmedizin

3. Aus purem Pflichtbewusstsein

Ein Grund, über das Renteneintrittsalter hinaus weiterzumachen, kann auch dem eigenen Verantwortungsgefühl geschuldet sein. Insbesondere, aber nicht nur, auf dem Land ist die ärztliche Versorgung dünn gesät. Viele Ärztinnen und Ärzte schätzen die über die Jahre gewachsene persönliche Beziehung zu vielen Patientinnen und Patienten. Weiterhin für sie da sein zu wollen, kann ein Grund sein, weiter zu praktizieren. Dieses Motiv trat kürzlich auch im coliquio-Forum zutage, als diskutiert wurde, ob die Rückgabe der Kassenzulassung – unabhängig vom Alter – unethisch gegenüber den Patientinnen und Patienten wäre. Ein Kollege aus der Neurologie vermutet, nicht ohne schlechtes Gewissen die Kassenzulassung zurückgeben zu können. Der Grund: Viele seiner Patientinnen und Patienten könnten sich eine rein privatärztliche Behandlung nicht leisten:

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Ich bin sicher, dass es mir außerhalb des Systems besser ginge, meinen Patienten aber wahrscheinlich nicht.

Charly Gaul, Neurologie

Dieses Pflichtbewusstsein kann nicht Jede und Jeder automatisch im Alter von 65 Jahren ablegen. Dann kommt es vor, dass Kolleginnen und Kollegen eigentlich – aus persönlichen Gründen – durchaus in den Ruhestand eintreten würden, aber aus Sorge um die Gesundheitsversorgung ihrer Patientinnen und Patienten davor zurückschrecken und die Entscheidung immer wieder vertagen.

Wenn allerdings zunehmend der Eindruck entsteht, aufgrund bürokratischer oder wirtschaftlicher Vorgaben eine optimale Behandlung gar nicht mehr gewährleisten zu können, schrumpft auch das Pflichtbewusstsein, wie verschiedene Äußerungen in der Diskussion deutlich machen. Eine Kollegin aus der Kinder- und Jugendmedizin beispielsweise schildert ihren Eindruck, ihr blieben pro Tag nur fünf bis zehn Minuten Zeit für Medizin, was auf Dauer frustrierend sei. Diese Wahrnehmung kann mit zunehmendem Alter zum relevanten Faktor werden, wenn es um die Frage "Weiterarbeiten – ja oder nein" geht. Ob dann eine Reduzierung der Stunden, ein Wechsel in ein neues Angestelltenverhältnis oder in ganz andere Berufsfelder infrage kommt, kann nur Jede und Jeder für sich beantworten.

Und wie ist das bei Ihnen?

Welche Gründe sind für Sie maßgeblich für die Gestaltung Ihres Ruhestandes? Machen Sie sich bereits Gedanken oder haben Sie Ihre Entscheidung bereits getroffen? Danke an alle, die ihre Erfahrungen und Beweggründe im Kollegenkreis teilen oder bereits geteilt haben.

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