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Leben als Arzt

10. Apr. 2025
Aus dem Kollegenkreis

„Ach übrigens...“ Wenn beiläufige Bemerkungen Leben retten

Sind es wirklich nur Kopfschmerzen – oder könnte eine Hirnblutung dahinterstecken? Manchmal gibt eine scheinbar unwichtige Bemerkung den Anstoß, genauer hinzuschauen. Lesen Sie hier, in welchen Situationen Ihre Kolleginnen und Kollegen hellhörig werden und wie es ihnen gelingt, fast unbemerkte Notfälle als solche zu erkennen.

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Aus dem Kollegenkreis: Notfall oder Bagatelle?
Unkritisch oder lebensbedrohlich? Manchmal reicht eine beiläufige Bemerkung aus, um auf den richtigen Diagnosepfad zu gelangen. (Foto: Getty Images | Tuomas A. Lehtinen)

Redaktion: Nathalie Haidlauf

Kürzlich berichtete ein Hausarzt, er sei durch Zufall auf eine lebensbedrohliche Diagnose gestoßen. Er habe mit einem Patienten geplaudert, wobei es unter anderem um dessen Lieblings-TV-Sendung „Let‘s dance“ ging. Der Patient berichtete, normalerweise die Werbepausen für ein Tänzchen mit seiner Frau zu nutzen. Dies halte er in letzter Zeit allerdings konditionell nicht mehr durch. Der Hausarzt sei daraufhin hellhörig geworden und habe ihn zur ambulanten Koronarangiografie überwiesen, welche eine bypasspflichtige Mehrgefäß-KHK ergab.

Was wäre gewesen, wenn der Arzt nicht genau hingehört hätte? Und wie gelingt es im Alltag, wichtige Hinweise nicht zu übersehen?

Bagatelle oder Notfall? Diese 3 Dinge helfen dabei, den Ernst der Lage zu erkennen

Wir wollten von den Ärztinnen und Ärzten auf coliquio wissen, ob sie auch schon einmal erlebt haben, dass medizinische Notfälle nur zufällig oder fast unbemerkt zur Sprache kamen. In der Diskussion berichteten sie, was sie im richtigen Moment aufhorchen ließ - und welche drei Eigenschaften dabei helfen, wichtige Details nicht zu übersehen.

1. Zwischen den Zeilen lesen

Manchmal sind es beiläufige Bemerkungen, die bei Ärztinnen und Ärzten die Alarmglocken schrillen lassen. So berichtet ein coliquio-Mitglied aus der Inneren Medizin von einem älteren Ehepaar, welches bislang immer gemeinsam zur Routineuntersuchung gekommen sei. Als der Ehemann eines Tages allein zum Termin erschien, fragte der Arzt nach dem Grund. Die Antwort, die Ehefrau habe schwarzen Stuhlgang und komme nicht aus dem Bett, veranlasste den Arzt, direkt den Rettungsdienst zu rufen. Zu Recht: Bei der Ehefrau wurde eine obere gastrointestinale Blutung (OGIB) festgestellt.

Einen ähnlichen Fall erlebte eine arbeitsmedizinische Kollegin, als sie einen Patienten wegen eines auffälligen Stuhltests telefonisch kontaktieren wollte. Ans Telefon ging die Ehefrau, die meinte, „das geht gerade schlecht, der will gar nicht richtig wach werden und sieht so komisch blau aus“. Die Kollegin hat sofort den Notarzt verständigt, woraufhin der Patient direkt beatmet und zur nächstgelegenen Intensivstation gebracht wurde. Die Ursache der Atemnot war ein schwerer Covid-19-Verlauf.  Der eigentliche Anlass des Anrufs stellte sich indes als harmlos heraus – „die spätere Koloskopie war unauffällig“ – der Anruf an sich jedoch war vermutlich lebensrettend.

2. Vorgeschichte berücksichtigen

Was sich in der Diskussion über fast unbemerkte Notfälle auch zeigte: viele Kolleginnen und Kollegen kennen Patientinnen und Patienten, die sich selbst bei schmerzhaften Verletzungen oder Erkrankungen nicht krankschreiben lassen und nur zum Arzt gehen, „wenn Feuer unterm Dach ist“ – wie es ein Kollege aus der Inneren Medizin beschreibt. Äußert dieser Patiententyp zum ersten Mal den Wunsch nach einer Krankschreibung, kann dies bereits ein Indiz für eine ernsthafte Erkrankung sein.  

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Eine mir jahrelang bekannte Patientin wollte NIE einen Krankenschein. Egal ob der Knöchel dick und gestaucht war oder ein fiebriger Infekt sie heimsuchte. Eines Tages stellte sie sich mit den Worten vor, sie habe solche Kopfschmerzen, dass sie heute nicht arbeiten könne. Ich dachte nur: Hirnblutung. Der Radiologe rief mich dann zurück und fragte, ob ich durch den Kopf gucken könne. Mit kleiner Entlastungs-OP ist dann alles gut gegangen.

coliquio-Mitglied aus der Allgemeinmedizin

Ähnlich erging es einem Fachkollegen mit einem bislang immer gesunden 60-jährigen Patienten. Am Ende des Praxisbesuch – schon während der Verabschiedung – habe der Mann noch beiläufig erwähnt, dass manchmal beim morgendlichen Fußweg zum Bahnhof ein Oberbauchschmerz auftrete. Sein Hausarzt wurde hellhörig, veranlasste die notwendigen nächsten Schritte und „schon weniger als 24 Stunden später hatte er vier Bypässe“.

Dass solche Fälle selbstverständlich auch im privaten Umfeld auftreten können, weiß eine Kollegin aus der Allgemeinmedizin zu berichten. Sie sei von der Praxis nachhause gekommen und habe erfahren, dass die geplante Verabredung ihres Ehemannes geplatzt sei. Der Grund: Sein Freund, mit dem er verabredet war, bekomme in letzter Zeit so schlecht Luft, dass er kaum noch die Treppen hochkäme. Die Kollegin fand dies ungewöhnlich – „normalerweise kannte ich den Freund als gesunden Mann mittleren Alters“ – und fragte ihren Mann, ob sein Freund in letzter Zeit eine Operation gehabt habe.

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Tatsächlich habe er vor ein paar Wochen eine Kniespiegelung gehabt, berichtete mir mein Mann. Wir riefen zusammen besagten Freund an und ich riet ihm, sofort in ein Krankenhaus zu fahren, um eine Lungenembolie auszuschließen. Er war ziemlich ungläubig, fuhr aber hin und wurde dort mit ausgedehnter beidseitiger Lungenembolie sofort auf die Intensivstation aufgenommen.

coliquio-Mitglied aus der Allgemeinmedizin

3. Auf das Bauchgefühl vertrauen und notfalls insistieren

Auf das eigene Bauchgefühl zu hören und dafür einzustehen, ist für Ärztinnen und Ärzte unerlässlich – auch dann, wenn sie noch am Anfang ihrer Berufslaufbahn stehen. Diese Erfahrung machte ein Kollege, der als diensthabender Assistenzarzt in der Klinik einen Patienten mit Schwindel, Druck im Kopf und epigastrischen Beschwerden aufnahm: „Er sah komisch aus, bis zum Thorax livide mit leicht gestauten Venen, die Beine blass und schlank“. Der Kollege zog einen Oberarzt hinzu, der die Beschwerden jedoch nicht ernst genommen habe.

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Ich holte meinen Oberarzt mit der Begründung, dass der Patient mir nicht gefällt. Mein Oberarzt sah ihn an, fragte, wie viel er am Tag trinke und sah mich nach der Antwort („Naja, schon mal ein Bier“) wissend und lächelnd an. Ich wollte trotzdem unbedingt eine Diagnostik.

coliquio-Mitglied aus der Allgemeinmedizin

Die Intuition des Assistenzarztes war gerechtfertigt: eine Computertomographie ergab eine Aortendissektion Typ A und der Patient musste eilig in ein Herzzentrum verlegt werden. Tage später habe ein Kollege aus besagtem Herzzentrum sich telefonisch für das schnelle Handeln bedankt und mitgeteilt, dass die Not-OP gut verlaufen sei.  

Im richtigen Moment genauer hingeschaut hat auch ein coliquio-Mitglied aus der Radiologie, zu dem eine Patientin für eine Computertomographie der Halswirbelsäule überwiesen wurde. Beim Eingangsgespräch sei ihm an der Patientin eine „'Steifigkeit' der Kopfdrehung“ aufgefallen. Da der Orthopäde, der die Patientin überwiesen hatte, nicht erreichbar gewesen sei, habe der Radiologe kurzerhand noch eine cCT (kraniale Computertomographie) gemacht, welches ein Hämangioblastom des Kleinhirns ergab. Der Kollege sei über den Befund allerdings nicht erfreut gewesen: „Der Orthopäde rief mich später an und hat sich tatsächlich über meine Frechheit der Erweiterung des Zielauftrags beschwert. Meine bisher einzige Todsünde in 40 Berufsjahren.“

Allein auf weiter Flur lassen sich medizinische Entscheidungen eigenverantwortlich nach bestem Wissen und Gewissen treffen – doch was, wenn die Kolleginnen und Kollegen auf Station den geäußerten Verdacht nicht teilen und beschwichtigend von weiteren Untersuchungen abraten? Ein coliquio-Mitglied bringt es mit dem Satz „Eskaliere, wenn notwendig" auf den Punkt. Denn: Auf das Bauchgefühl zu vertrauen und alles zu tun, was nötig ist, um ernsthafte Erkrankungen oder Verletzungen auszuschließen, kann für Patientinnen und Patienten lebensrettend sein.

Danke an alle, die sich an der Diskussion beteiligt und ihre Erlebnisse geteilt haben! Hier geht's zur Forumsdiskussion >>

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