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Leben als Arzt

21. Feb. 2025
Eis, Wüste oder Dschungel

Arzt auf Expedition: Zwischen Notfallmedizin und Abenteuer

Expeditionsmediziner müssen unter extremen Bedingungen improvisieren, mit minimalen Ressourcen arbeiten und oft schwierige Entscheidungen treffen. Dr. med. Peter Stein hat diese Erfahrung bereits mehrfach gemacht – als Arzt auf Expeditionen in Eis, Wüste und Dschungel. Hier erzählt er von seinen Einsätzen und den besonderen Anforderungen der Medizin in Extremsituationen.

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Expeditionsmedizin
Expeditionen führen Ärztinnen und Ärzte in die abgelegensten Gebiete. (© Ärztefortbildungen GmbH)

Interview und Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Herr Dr. Stein, was hat man sich unter dem Begriff „Expeditionsmedizin“ vorzustellen?

Expeditionsmedizin ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Einsatzbereiche eines Arztes, denen allen gemein ist, dass sie fernab der Zivilisation stattfinden. Der Begriff kann weiter untergliedert werden in die Teilbereiche Berg- und Höhenmedizin, maritime Medizin, Tauchmedizin, Tropenmedizin, Wüstenmedizin, Luft- und Raumfahrtmedizin und Kältemedizin.

Dr. Peter Stein auf Expedition in der Arktis
Dr. Peter Stein auf Expedition in der Antarktis

Für jeden Bereich sind sowohl spezielle fachliche Kenntnisse erforderlich als auch die Fähigkeit, mit viel Improvisationstalent und den limitierten Ressourcen auf die jeweiligen Herausforderungen zu reagieren. Gleichsam muss ein Arzt, der eine Expedition begleitet, den gleichen physischen Herausforderungen und Entbehrungen gewachsen sein, wie die anderen Teilnehmer.

Welche fachlichen Qualifikationen benötigt man – und welche sonstigen Eigenschaften sollte man mitbringen?

Es gibt dahingehend keine festen Regeln. Bevorzugte Fachrichtungen sind Anästhesie, Chirurgie, Allgemeinmedizin, bzw. Innere Medizin. Anästhesisten eignen sich gut aufgrund der notfall- und intensivmedizinischen Erfahrung, aber für Antarktisüberwinterungen z.B. wird oft chirurgische Erfahrung gefordert, falls eine Operation unumgänglich ist.

Zusätzlich gibt es ein breites Angebot an Ärztefortbildungen, die als Vorbereitung auf den Einsatz von enormer Bedeutung sind, denn in vielen Situationen ist die klinische Erfahrung nicht auf den Ernstfall in der Wildnis anwendbar.

Für interessierte Ärztinnen und Ärzte

Das Fortbildungsportal Ärztefortbildungen GmbH hat sich auf anspruchsvolle Fortbildungen für Medizinerinnen und Mediziner in exotischen Reisezielen (Antarktis, Arktis, Südsee, Afrika, Kuba, u.a.) spezialisiert. Zu den Fortbildungen zählen Schiffsarztkurse, Expeditionsmedizin-Kurse, Reisemedizin-Weiterbildungen, Fachkunden, Tropenmedizinfortbildungen, Palliativmedizin-Weiterbildungen, Hygieneschulungen u.v.m. Alle hier angebotenen Ärzteweiterbildungen sind von den Ärztekammern zertifiziert und mit Fortbildungspunkten versehen. Mehr erfahren Sie auf der Internetseite des Fortbildungsportals.

Wie häufig gehen Sie selbst auf Expedition? Gibt es Kolleginnen und Kollegen, die dies hauptberuflich machen?

Außer dem Schiffsarzt ist Expeditionsmedizin eine Leidenschaft, die nur in absoluten Ausnahmefällen hauptberuflich ausgeübt wird. In der Regel werden für den Arzt sämtliche Reisekosten übernommen und auch ein kleines Gehalt gezahlt, aber keiner geht dieser Tätigkeit aus finanziellen Gründen nach.

Ich selbst habe bislang im Jahr zwei bis drei Expeditionen begleitet. Meist größere Veranstaltungen in den Alpen, aber auch fünf Reisen in die Polargebiete, sowie wissenschaftliche Studien in Afrika und Südamerika durchgeführt. Gerne erinnere ich mich auch an ein humanitäres Projekt in Papua-Neuguinea zurück.

Welche Expeditionsziele sind möglich?

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt - vom Mariannengraben bis zum Mars ist alles möglich. Aber die Klassiker sind natürlich die Stationen und Schiffe in Arktis und Antarktis, Trekking und Alpinismus in den Anden, Alpen und Himalaya, humanitäre Einsätze in Afrika und anderen strukturschwachen Gegenden dieser Erde.

Bei größeren Veranstaltungen in den Bergen, wie Mountainbike-Rennen oder Cross-Country-Läufen, sind meist Teams mit mehreren Ärzten oder Sanitätern im Einsatz.

Wie läuft die Vorbereitung auf eine Expedition ab?

Es gibt im Vorfeld drei verschiedene Aspekte der Vorbereitung: Die eigene physische und mentale Vorbereitung, Antizipation von Problemen und Voruntersuchung der Teilnehmer sowie entsprechende fachliche Fortbildung und Zusammenstellung des Equipments nach Erfordernissen.

Daneben gibt es Aspekte, die nicht mehr in der Verantwortlichkeit des Arztes liegen, welche aber auf Augenhöhe mit dem Expeditionsleiter diskutiert werden müssen, weil es sich häufig sowohl um organisatorische als auch um medizinische Entscheidungen handelt. Daher sollte der Arzt im Vorfeld in die Geografie, Routenplanung, Wetterkunde, Landessprache, kulturelle und strukturelle Gegebenheiten vor Ort gut eingearbeitet sein.

Wie sieht der Alltag eines Expeditionsarztes / einer Expeditionsärztin aus?

Die meisten Expeditionsmediziner gehen einer geregelten klinischen Tätigkeit nach, die ihren Alltag bestimmt. Auf einer Expedition gibt es dann keinen Alltag mehr.

Eine immer wiederkehrende Vorgehensweise hat sich jedoch für alle Arten von Expeditionen bewährt. Am Vorabend oder spätestens am Morgen eines jeden Tages wird ein Briefing durchgeführt. Darin wird das Tagesziel festgelegt, die Route und das zu erwartende Wetter besprochen. Die Aufgabe des Arztes ist die Planung auf Durchführbarkeit in Bezug auf die Grenzen des Leistungsvermögens und der Gesundheit der Teilnehmer zu prüfen.

Über welche medizinische Ausstattung verfügen Ärztinnen und Ärzte auf einer Expedition?

Für den begleitenden Arzt stellt es den besonderen Reiz dar, Diagnosen ohne aufwändige Gerätemedizin nur anhand seiner Erfahrung und der klinischen Untersuchung zu stellen.
Gleichzeitig muss aber auch angemerkt werden, dass es viele medizinische Geräte in das Reisegepäck geschafft haben, die früher nur in Kliniken anzutreffen waren.

Pulsoxymeter, die den Sauerstoffgehalt des Blutes messen, werden sogar von Laien schon regelhaft mitgeführt und an die Stelle radiologischer Diagnostik tritt die sonographische Bildgebung. Diese Geräte sind nicht größer als ein Handy und stehen den Geräten in der Klinik kaum noch in etwas nach. Viele Teilnehmer führen mittlerweile Pulsuhren mit, die auch eine einfache EKG-Funktion haben. An Bord großer Schiffe befindet sich meist ein Bordhospital, dass einem klinischen Setting schon sehr nahekommt. Zur weiteren Ausstattung zählt in der Regel ein Stethoskop und Blutdruckmessgerät, ein kleines chirurgisches Besteck und Verband- und Nahtmaterial, entsprechend den Gegebenheiten ausgewählte Medikamente, Schmerzmittel und Antibiotika, Infusionslösungen, Bergungsmittel und Biwak/Rettungsdecke, Funkkommunikation/GPS und Satellitentelefon, ggf. ein Defibrillator und Intubationsbesteck.

Welche besonderen Herausforderungen bringt die medizinische Versorgung unter Extrembedingungen mit sich? Mit welchen Notfällen muss man rechnen?

Die Herausforderungen sind so vielfältig wie die Einsatzbedingungen selbst: Von extremer Hitze und Kälte, Schnee und Eis, dünner Luft, Einsätzen bei Tag und Nacht, schlechten hygienischen Bedingungen über Arbeiten in ausgesetztem oder sogar absturzgefährdetem Gelände bis hin zur Zusammenarbeit mit Hilfskräften vor Ort in unbekannten Kulturen und Strukturen.

Die Teilnehmer befinden sich in einer Ausnahmesituation. Gruppendruck und selbst auferlegte Erwartungen beeinflussen häufig ihr Urteilsvermögen und verlangen dem Arzt viel Einfühlungsvermögen ab, wenn es darum geht, unpopuläre Entscheidungen im Sinne der Sicherheit zu treffen.

Als Arzt auf Expedition
Bei Expeditionen hängt die medizinische Versorgung oft von einer einzigen Person ab, die mit begrenzten Ressourcen das gesamte Team betreut.

Was passiert, wenn eine medizinische Entscheidung getroffen werden muss, aber keine optimalen Ressourcen vorhanden sind?

Da es mittlerweile zahlreiche Messinstrumente schon im Taschenformat gibt, sind viele erst mal erstaunt, was in der Wildnis diagnostisch und therapeutisch alles möglich ist. Dennoch ist es das Wesen der Expeditionsmedizin, mit den begrenzten Ressourcen die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. Ärzte und Teilnehmer sind sich bewusst, dass diese häufig kompromissbehaftet sind. Jedes Abenteuer bringt seine Risiken mit sich. Sonst wäre es keines.
Lässt sich ein Problem vor Ort nicht lösen, kommen die im Vorfeld erarbeiteten Pläne zur Evakuierung zum Tragen. Ist dies z.B. aufgrund des Wetters nicht möglich, wird eine Therapie zur Stabilisierung der Vitalfunktionen zur Überbrückung eingeleitet. Liegt im Extremfall eine lebensbedrohliche Erkrankung oder Verletzung vor und eine Rettung ist nicht möglich, muss zumindest eine ausreichende Symptomkontrolle durch den Arzt gewährleistet sein.

Wie ist die Vergütung? Gibt es darüber hinaus besondere Vorteile für mitreisende Ärztinnen und Ärzte?

Für den Arzt werden die Reisekosten übernommen und oft auch eine Aufwandsentschädigung geleistet. Mir ist jedoch kein Kollege bekannt, der diese Tätigkeit aus finanziellen Gründen ausübt, denn gemessen an dem, was man leisten muss, ist das Gehalt eher von symbolischer Natur. Da der mitreisende Arzt jederzeit noch die Gesundheit und Energie haben muss, um für sich und andere da zu sein, wird für ihn auf bestmögliche Reiseumstände geachtet.

Wie kann man sich als Ärztin oder Arzt für Expeditionen bewerben?

Es gibt Ausschreibungen, die auch manchmal im Ärzteblatt zu finden sind. Aber auch über eine Mitgliedschaft in den jeweiligen Gesellschaften wird man über künftige Projekte informiert. Und es gibt Vermittlungen und Börsen, die sich als Bindeglied zwischen Ärzten und Veranstaltern verstehen.

Gab es für Sie besonders prägende oder unvergessliche Erlebnisse auf einer Expedition?

Darüber könnte man ein Buch schreiben, aber spontan fällt mir die Rettung einer jungen Mutter in Papua-Neuguinea ein, die so viel Blut verloren hatte, dass die Schamanen des Stammes schon mit den Riten zur Begleitung in das Reich der Toten begonnen hatten. Sie konnte mit einer direkten Blutspende von Freiwilligen, wie sie bei uns nicht möglich, aber auch nicht nötig gewesen wäre, gerettet werden.

Zur Person

Der Expeditionsmediziner Dr. med. Peter Stein, D.E.S.A. ist Facharzt für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin. Schon seit seiner Kindheit ist er in den Bergen unterwegs und leitet seit 2010 die Arbeitsgruppe Expeditionsmedizin an der Universitätsklinik Frankfurt. Besonders fasziniert ihn dabei nicht nur die wissenschaftliche Pionierarbeit, sondern auch die interkulturelle Zusammenarbeit fernab vertrauter Infrastruktur.

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