Was läuft falsch in der Gesundheitspolitik?
Derzeit ist in der Gesundheitspolitik vieles im Umbruch. Wir haben nachgefragt: Wie beurteilen Sie die derzeitigen Veränderungen? Und was muss sich darüber hinaus dringend ändern? 1.271 Ärztinnen und Ärzte haben uns ein aktuelles Stimmungsbild geliefert.
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Redaktion: Nathalie Haidlauf
1. Ärzte drängen auf Entbudgetierung
Sucht man nach den größten Baustellen im Gesundheitssektor, gibt es viele Kandidaten. Einige drängende Themen sind bereits vonseiten des Gesundheitsministeriums in Arbeit – für andere gibt es noch keine konkreten Konzepte. Wir haben die Ärztinnen und Ärzte auf coliquio gefragt, welche Herausforderung in diesem Jahr im Fokus stehen sollte. Gewinner ist die Entbudgetierung mit 68 %, dicht gefolgt vom Fachkräftemangel, den 65 % der Befragten als eine der dringendsten Herausforderung betrachten. Auf Platz 3 steht der Wunsch nach einer GOÄ-Novelle: 50 % der befragten Ärztinnen und Ärzte halten das in diesem Jahr für dringend notwendig.

Dass es aktuell nicht die eine große Baustelle gibt, sondern viele verschiedene, zeigt sich auch in der aktuellen Befragung. 18 % der Ärztinnen und Ärzte hatten sich bei der Frage nach den größten Herausforderungen für „Sonstiges“ entschieden und uns ihre Sicht mitgeteilt. Vielfach genannt wurde der dringend nötige Bürokratieabbau sowie eine faire Vergütung (GOÄ, GOZ und EBM) und die Beendigung der Ökonomisierung der Medizin. Ein/e Befragte/r formulierte es folgendermaßen: „Meines Erachtens bedarf es einer Reform des kompletten Sozialsystems. Die medizinische Versorgung wird letztendlich zu teuer werden. Ärzte sollen gute Medizin machen und dabei auch noch kostengünstig sein. Meines Erachtens sind ökonomische Prinzipien in der Medizin nicht zielführend.“
2. Zu viel Bürokratie macht Niederlassung unattraktiv
Sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen ist offenbar out: Die Zahl der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie Zahnärztinnen und Zahnärzte ist in vierzehn bzw. fünfzehn Bundesländern rückläufig, wie eine aktuelle Analyse zeigte. Gleichzeitig steigt die Zahl der Angestellten stark an. Wie lässt sich dieser Trend erklären? Fragt man die Ärztinnen und Ärzte, schrecken viele vor dem hohen bürokratischen Aufwand zurück, den die Selbständigkeit mit sich bringt.

34 % der Befragten sehen darin den Hauptgrund dafür, dass sich immer weniger Ärztinnen und Ärzte für die Selbständigkeit entscheiden. 24 % sagen, das hohe finanzielle Risiko sei ausschlaggebend, und 17 % sehen einen zu hohen zeitlichen Aufwand. Für viele ist es auch das Zusammenspiel aller genannten Gründe, was letztlich das Angestelltenverhältnis attraktiver macht.
3. Infrastruktur für ambulantes Operieren muss geschaffen werden
Seit Jahresbeginn gilt ein neuer Vertrag für ambulantes Operieren (AOP). Die Neufassung zeigt einen deutlichen Schritt in Richtung Ambulantisierung: 208 weitere Operationen und Behandlungsmaßnahmen, die bislang vorwiegend stationär erfolgt sind, sollen nun ambulant durchgeführt werden. Wie stehen Deutschlands Ärztinnen und Ärzte dazu?
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Grundsätzlich positiv sehen es 62 % der Befragten. Sie finden die Reform sinnvoll, sofern die nötigen Strukturen dafür geschaffen werden. 23 % lehnen den jüngsten Schritt in Richtung Ambulantisierung ab. Einige kritische Stimmen bemängeln, dass die Nachsorge nicht ausreichend vergütet würde und sehen darin eine versteckte Kürzung von Leistungen. Andere sind der Ansicht, die Entscheidung, ob ein Eingriff ambulant oder stationär durchgeführt wird, sollte grundsätzlich den Behandelnden in Abstimmung mit den Patientinnen oder Patienten überlassen werden.
4. Notaufnahme muss entlastet werden
Der Ärzteverband Hartmannbund fordert im Zuge der geplanten Krankenhausreform eine finanzielle Eigenbeteiligung für Menschen, die ohne triftigen Grund eine Klinik-Notaufnahme aufsuchen. Hintergrund ist, dass Kliniken über Überlastung durch sogenannte falsche Notfälle klagen. Forderungen nach einer solchen Gebühr tauchten auch in früheren Debatten um die Klinik-Notaufnahmen schon auf und stoßen jetzt wieder auf Resonanz: 60 % der von uns befragten Ärztinnen und Ärzte stimmen der Forderung des Verbands voll und ganz zu. Weitere 22 % stimmen eher zu. Nur 13 % sind dagegen.

5. Die Arbeitsbedingungen müssen sich ändern
„Überfordert – unterbezahlt“, „Come in and burn out" – mit diesen und ähnlichen Slogans folgten kürzlich tausende Medizinerinnen und Mediziner dem Streik-Aufruf des Marburger Bunds. Und auch jenseits der Streiks wird in aktuellen gesundheitspolitischen Debatten viel Unmut geäußert. Wie attraktiv ist der Arztberuf unter den derzeitigen Umständen noch? Oder noch wichtiger: was muss sich ändern, damit junge Leute sich auch weiterhin für den Arztberuf entscheiden?

Das aktuelle Stimmungsbild macht deutlich: Geld ist nicht alles. Zwar ist immerhin ein Fünftel der 1.271 Befragten der Ansicht, eine bessere Vergütung sei notwendig, um den Arztberuf attraktiver zu machen. Doch die nichtmonetären Rahmenbedingungen spielen offenbar eine noch größere Rolle. 55 % der Befragten sehen in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen den größten Hebel, um den Beruf attraktiver zu machen. Konkret wünschen sich viele einen Bürokratieabbau, geregeltere Arbeitszeiten und mehr Zeit für die Arbeit am Patienten.

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