Wenn Ärztinnen und Ärzte krank arbeiten
Während Ärzte Patienten ohne Weiteres schon bei leichten Erkältungssymptomen krankschreiben, arbeiten sie mit den gleichen Krankheitszeichen wie selbstverständlich weiter. Was sind die Gründe dafür? Und wie lässt sich diese Einstellung ändern – zum Wohl der Ärzte, aber auch ihrer Patienten?1
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Der folgende Beitrag aus dem Hamburger Ärzteblatt 11/2020 wird vertreten von Prof. Dr.med. Jörg Braun, Chefarzt Innere Medizin und Ärztlicher Direkter Klinik Manhagen und 1. Vorsitzender der Stiftung Arztgesundheit.
Leider fällt es uns Ärztinnen und Ärzten schwer, uns um uns selbst zu kümmern. Dies zeigt sich zum Beispiel in der weit verbreiteten Selbstdiagnostik und Selbsttherapie, die immer wieder dazu führt, dass schwerwiegende Erkrankungen falsch oder zu spät diagnostiziert und nicht angemessen behandelt werden.
Ärzte habe eine hohe Erwartungshaltung an sich selbst
Einer der Gründe für den medizinisch schwierigen Umgang mit uns selbst liegt in den hohen Ansprüchen, die wir an uns haben (Tab. 1). Selbstverständlich handelt es sich hierbei um eine „Mission impossible“, da diese Ziele allein aus Zeitgründen schon nicht miteinander kompatibel sind und die erforderlichen Rollenkombinationen unmöglich in einer Person zu vereinbaren sind.
- alles wissen (zumindest aus dem eigenen Spezialgebiet)
- keine Fehler machen
- hohe kommunikative Kompetenz aufweisen
- gegenüber den Patienten immer freundlich, gelassen und zugewandt sein
- wirtschaftlich hoch erfolgreich sein
- selbstverständlich gesund sein!
- auch außerhalb des Berufs Erfolg haben: eine tolle Ehe führen, engagierte Eltern sein, soziales Engagement zeigen, anspruchsvolle Hobbys pflegen (Musik, Golf, Marathon)
Über 80 Prozent arbeiten trotz Erkältung
Die hohen Erwartungen an uns zeigen sich besonders deutlich bei der Frage, mit welchen Krankheiten man als Ärztin oder Arzt eigentlich arbeitsunfähig ist. So arbeiten über 80 Prozent der Kolleginnen und Kollegen mit Erkältungskrankheiten, für die sie, ohne zu zögern, ihre Patienten krankschreiben würden. Dabei stellt sich zum einen die Frage, inwieweit die Erkrankung zu einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit zum Beispiel in Bezug auf operative Eingriffe oder schwierige Differenzialdiagnosen führt. Zum anderen gefährdet ein Arzt mit Infektionskrankheit auch seine Patientinnen und Patienten.
Folgende Kasuistiken könnten dafür typisch sein:
- Eine 30-jährige Stationsärztin arbeitet (in der Zeit vor Corona) mit grippalem Infekt. Sie trägt einen Mundschutz und gibt nicht die Hände. Nachdem die Stimme „weg“ ist, macht sie die Visite mit einem großem Schild „Wie geht es Ihnen?“, das sie mit einem etwas gezwungenen Lächeln jedem Patienten präsentiert und dabei auf ihren Hals zeigt. Sie meldet sich erst krank, nachdem auch das Kind erkrankt ist.
- Eine besorgte OP-Schwester informiert den Ärztlichen Direktor einer Klinik, dass der Operateur wegen Durchfalls jetzt schon zum dritten Mal vom Tisch abgetreten ist, und fragt, ob dies hygienisch vertretbar sei. Nach einem Verbot durch den Ärztlichen Direktor, die OP fortzuführen, ließ sich der Operateur bereitwillig durch seine Frau abholen. Als Durchfallursache war eine Norovirus-Infektion zu vermuten.
Wann sind Sie „unfit for work ̋?
Mit welchen Erkrankungen würden Sie sich als „unfit for work“ fühlen, bzw. mit welchen Krankheiten können Sie noch hinreichend funktionieren? Arbeiten Sie mit Erkältung („früher“ hätten dies die meisten von uns bestätigt)? Mit Kopfschmerzen (die bei Ärzten „Migräne“ heißen)? Fieber? Durchfall? Einem neu diagnostizierten Malignom? Urämie?
Bei allen diesen Erkrankungen habe ich Ärztinnen und Ärzte erlebt, die sich bestenfalls widerwillig davon abhalten ließen, weiter zu arbeiten. Dabei findet sich häufig weder im Krankenhaus noch in der Praxis jemand, der den kranken Kollegen nach Hause schickt.
Präsentismus: “Gefahr für die öffentliche Gesundheit”
In einer Publikation aus 2010 wurde dieser ärztliche Präsentismus als „Public health hazard“ bezeichnet, also als Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Dies betrifft mindestens 80 Prozent der Kollegen. In den wenigen Publikationen, die es zu dem Thema gibt, konnte weder ein Geschlechterunterschied noch ein Fachgruppen-Ranking nachgewiesen werden, auch wenn gerade Chirurgen besonders stolz darauf sind, auch mit erheblichen Einschränkungen noch funktionsfähig zu sein („Nur die Harten kommen in den Garten!“).
Ursachen für dieses Verhalten untersuchte Cowman 2019. Er fand „positive“ Gründe wie eine hohe Arbeitszufriedenheit (der Arztberuf als „high rewarding job“), eine hohe Identifikation und entsprechend hohes Engagement sowie ein ausgeprägtes Teambewusstsein – neben dem Verantwortungsgefühl für den Patienten. „Negative“ Gründe für den ärztlichen Präsentismus waren
- Personalknappheit,
- hohe Arbeitslast,
- befristete Verträge oder
- der Verdienstausfall in einer Praxis.
Ein Krankheitsausfall war deshalb „eigentlich“ nicht möglich, da kein anderer die Aufgabe übernehmen konnte. Auch mit zunehmender Berufserfahrung werden die Sorgen der Ärztinnen und Ärzte nicht weniger (Tab. 2).

Krankheitsbedingte Praxisschließung nahezu unmöglich?
Während in der Klinik in der Regel Kollegen einen kranken Mitarbeiter ersetzen können – zumindest theoretisch –, stellt sich die Situation in der Praxis vielleicht noch schwieriger dar, denn in einer Einzelpraxis ist eine krankheitsbedingte Praxisschließung nahezu unmöglich: Allein das Ab- bzw. Umbestellen von Patienten ist sehr aufwendig und eine kurzfristige Terminabsage natürlich eine Negativwerbung. Häufig fehlt eine Ausfallversicherung. In einer Gemeinschaftspraxis führt krankheitsbedingtes Fehlen zwangsläufig zur Überlastung der verbliebenen Kollegen. Hinzu kommt, dass viele Patienten lange auf einen Termin gewartet und möglicherweise einen weiten Anreiseweg angetreten haben, für den sie sich extra freigenommen haben. Viele Patienten wollen zwar nicht von einem kranken Arzt behandelt werden („Der Doktor hat mich angesteckt!“), gleichzeitig sind sie empört, wenn ihnen kein Termin in der Sprechstunde ermöglicht wird.
Was muss sich ändern?
Erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, weshalb viele Ärzte und Ärztinnen nur einen unzureichenden Impfschutz aufweisen und welche Einstellungen und Mechanismen sich ändern müssen, um ärztlichem Präsentismus entgegenzuwirken.

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