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Leben als Arzt

25. Apr. 2024

Warum halten so viele Ärzte an Aberglauben und Ritualen fest?

Aberglaube und das Durchführen von individuellen Ritualen ist unter Ärztinnen und Ärzten weit verbreitet. Was sind die Vor- und Nachteile dieser Praktiken und Überzeugungen?

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Freitag, der 13.
Unglückszahl 13? Auch unter Ärztinnen und Ärzten ist Aberglaube verbreitet. (Foto: © Getty Images / Maartje van Caspel)

Autor: Joe Kita | Redaktion: Marc Fröhling

Die Operationssäle im zweiten Stock des Krankenhauses Lehigh Valley in Allentown, Pennsylvania, sind fortlaufend nummeriert – bis auf den Operationssaal (OP) 13. Dieser heißt „OP M“. Das M steht nicht für „Maternity“ oder ein anderes Fachgebiet – vielmehr soll es in diesem hochmodernen Hightech-Gesundheitszentrum böse Geister abwehren.

„So wie höhere Gebäude in der Regel keine 13. Etage oder Hotels kein Zimmer 13 haben, geht es hier um den weit verbreiteten Aberglauben, dass die Zahl 13 Unglück bringt“, sagte ein Sprecher des Krankenhauses.

Die moderne Medizin ist wissenschaftlich fundiert. Doch als ich für diesen Artikel mit Ärztinnen und Ärzten sprach, entdeckte ich etwas ausgesprochen Unwissenschaftliches: In OPs und Notaufnahmen, in kleinen Arztpraxen und großen Krankenhäusern herrscht eine gewisse Angst vor Vollmond und vor Freitag, dem 13., und niemand wagt es, das R-Wort auszusprechen (wie z. B. „Heute ist es wirklich ruhig“). 

Damit würde man den Zorn der medizinischen Götter riskieren und sich den Ruf eines Pechvogels oder Unglücksraben einhandeln. Ebenso werden die Lieder „Stairway to Heaven“ oder „Another One Bites the Dust“ niemals in einem Wartezimmer, einem Aufzug oder einem OP zu hören sein.

Wenn es um Aberglauben und Rituale in der Medizin geht, scheint tatsächlich jeder eine Geschichte oder eine Überzeugung zu haben, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Ein 2-stündiges Ritual

Dr. Carmen Fong, Chirurgin für kolorektale Chirurgie in New York City, hatte ein präoperatives Ritual, für das sie fast 2 Stunden brauchte. „Ich wachte jeden Tag zur gleichen Zeit auf, packte zwei hart gekochte Eier und eine Thermoskanne Kaffee in meine kleine Ledertasche, ging auf dem gleichen Weg zur Arbeit und betrat den OP-Vorbereitungsraum, während ich der Rezeption zuwinkte", erzählte sie. 

„Ich sprach mit dem Patienten, unterschrieb die Einverständniserklärung mit demselben Kugelschreiber, ging nach oben in mein Büro, zog die OP-Kleidung an [dieselbe Haube und dieselben Danskos], schaltete meinen Computer ein und trank einen Schluck Kaffee, bevor ich wieder in den OP ging. 

Ich nahm immer meinen Ausweis ab und legte ihn in der Nähe des Schwesternzimmers ab, dann legte ich dem Patienten die SCDs [sequentielle Kompressionsgeräte, „sequential compression devices"] selbst an. Ich hielt die Sauerstoffmaske fest und sagte dem Patienten: „Bis später". Niemals 'Es wird alles gut' oder 'Schlafen Sie gut'. Immer 'Bis später.'“

Fong tat dies 5 Jahre lang vor mehr als tausend Operationen. Sie tat es, weil es ihr das Gefühl gab, ruhig zu sein und die Kontrolle zu haben, was zu erfolgreicheren Operationen führte. „Es hat mich nie im Stich gelassen.“

Wonder Woman Clogs

Dr. Anureet Bajaj, plastische Chirurgin in Oklahoma City, trug jahrelang Wonder Woman Clogs im OP, weil „ich mich damit stärker fühlte und meine Operationen besser verliefen“. Sie ist auch sehr wählerisch, was ihre OP-Playlist angeht: „Es muss 80er-Jahre-Musik sein.“ 

Und eine Zeit lang trug sie ein Freundschaftsarmband, das eine ihrer Mitarbeiterinnen gemacht hatte, um das Überstehen eines besonders schweren Tages zu feiern. „Wenn ich es vergaß, sank mein Herz und meine Angst stieg“, sagte sie. „Es zu tragen, gab mir Sicherheit und das Vertrauen, dass der Tag gut verlaufen würde.“

Ein Moment der Stille

Dr. Juliet Emamaullee ist Chirurgin für Leber- und Nierentransplantationen am Keck Hospital and Children's Hospital Los Angeles. Aufgrund der Komplexität ihrer Operationen muss sie jeden Aspekt der Krankengeschichte ihrer Patientinnen und Patienten kennen. Dies führt zu einem Grad an Vertrautheit, den die meisten Menschen mit ihren Ärzten nie haben. „Transplantationschirurgen spielen in vielerlei Hinsicht Gott“, sagt sie. 

„Während der Entnahme, nachdem wir den Spender vorbereitet und abgedeckt haben und kurz bevor ich den Schnitt mache, halten alle im OP einen Moment der Stille, um die Spende zu würdigen. Wenn das Organ transportiert wurde, spreche ich ein Gebet für mich selbst, dass ich mit diesem großzügigen Geschenk des Lebens gute Arbeit leiste.“

Magisches Denken

An diesem Punkt möchte ich klarstellen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Ritualen und Aberglauben wie den eben genannten und Routinen und Praktiken wie Händewaschen oder der doppelten Überprüfung, ob es die rechte Hüfte ist und nicht die linke. Alle Piloten haben eine Checkliste vor dem Flug, die für die Sicherheit notwendig ist, aber einige machen vielleicht auch das Kreuzzeichen.

Dr. Lester Gottesman ist seit fast 50 Jahren Chirurg an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York City. Er ist der Meinung, dass Rituale und Aberglaube in der Medizin weiter verbreitet sind als in jedem anderen Berufszweig, obwohl es keine eindeutige Forschung gibt, die ihre Wirksamkeit bestätigt.

Eine der wenigen Studien, die sich mit Aberglauben unter Ärzten befasst, wurde 2021 in den Annals of Surgery veröffentlicht. Die Wissenschaftler analysierten die Operationsberichte von 27.914 Patienten, die sich einer Allgemein-, Viszeral- oder Gefäßoperation unterzogen. Sie fanden keine Assoziation von Mondphasen, Tierkreiszeichen oder dem Datum „Freitag, der 13.“ mit schlechten Ergebnissen. 

Auch das Auftreten eines akuten Koronarsyndroms an einem Freitag, dem 13. hatte keinen Einfluss auf die 13-Jahres-Sterblichkeitsrate im Vergleich zu anderen Tagen im Jahr. Und obwohl 70 % der Ärzte glauben, dass einige Kolleginnen und Kollegen das Unglück förmlich anziehen, ergab eine Analyse von 96 Ärzten und 6.149 Patientenaufnahmen kein solches Muster. Natürlich handelt es sich nur um eine einzelne Analyse, aber die Ergebnisse sind nicht überraschend. Niemand glaubt wirklich daran. Warum existiert es dann immer noch?

Gottesman zitierte eine Episode aus der beliebten medizinischen Fernsehserie Grey's Anatomy, in der die Chefärztin Meredith Grey es so formuliert: „Aberglaube liegt in dem Raum zwischen dem, was wir kontrollieren können, und dem, was wir nicht kontrollieren können. Wir verlassen uns auf Aberglauben, weil wir klug genug sind, um zu wissen, dass wir nicht alle Antworten haben und dass das Leben auf mysteriöse Weise funktioniert. Verleugnen Sie das Juju nicht, egal woher es kommt.“

„Aberglaube und Wissenschaft setzen beide am selben Punkt an – bei der Erklärung eines unerklärlichen Ereignisses“, sagt Gottesman, der seine Nähte am Ende einer Operation immer in der Reihenfolge überprüft, in der er sie gesetzt hat. „Wenn die Wissenschaft eine schlüssige Antwort liefert, dann soll es so sein. Wenn nicht, wird das menschliche Bedürfnis nach Ordnung die Kausalität ansonsten unbelebten Objekten, nicht-kausalen Ereignissen oder göttlichem Einfluss zuschreiben.“

Mit anderen Worten: Je mehr Ungewissheiten und Ängste, desto größer ist die Tendenz zu dem, was Gottesman „magisches Denken“ nennt. Und wenn man die lange Geschichte der Heilung betrachtet, wird einem klar, dass Rituale und Aberglaube die Medizin jahrhundertelang geprägt haben. 

Gottesman wies darauf hin, dass die moderne Medizin erst geboren wurde, als Hippokrates um 430 v. Chr. Religion und Aberglauben von der Krankheit trennte. Da Ärzte aber immer noch nicht alles wissen, bleibt ein magisches Element bestehen.

Die Frage ist, ob dieser hartnäckige Glaube in unserem hochtechnisierten Zeitalter noch einen Platz hat. Hilft er den Ärztinnen und Ärzten oder behindert er sie? Und die wichtigste Frage – hat er Auswirkungen auf das Outcome von Patientinnen und Patienten?

Fünf Vorteile

Noch einmal: Es gibt keine Studien, die belegen, dass Wonder Woman Clogs chirurgische Superkräfte vermitteln oder dass der Verzehr von zwei hartgekochten Eiern die Leistung im OP steigert. Aber anekdotisch geben viele Ärztinnen und Ärzte zu, dass sie spürbare Vorteile durch ihre Macken erfahren. Fangen wir mit den angeblichen Vorteilen an:

Weniger Stress: Laut einer Bain-Umfrage aus dem Jahr 2022 erwägt ein Viertel der US-amerikanischen Ärzte einen Berufswechsel, vor allem aufgrund von Burnout. „Die Tatsache, dass [Rituale und Aberglaube] in einem so stressigen Bereich so weit verbreitet sind, kann kein Zufall sein", sagt Fong. „Die Abwälzung eines Teils der Verantwortung auf irgendwelche Götter ist eine Möglichkeit, unsere Ängste zu zähmen, damit wir besser funktionieren können.“

Hyperfokus: Emamaullee hat in der High School und im College Volleyball gespielt. Sie erklärte, dass sich ihre Routine vor der Operation nicht allzu sehr von ihrem Aufwärmen vor einem Meisterschaftsspiel unterscheidet. Es ist ein habituelles Verhalten, das dazu beiträgt, einen Zustand erhöhter Konzentration, Zuversicht und Versunkenheit hervorzurufen. Sportler nennen das „in the zone“ oder „state of flow“, und Emamaullee sagte, sie erlebe das Gleiche im OP.

Mehr Kontrolle: „In Krisensituationen, in denen es mehr Ungewissheiten gibt, werden Rituale und Aberglaube noch wichtiger", sagt sie. „Ich kann vielleicht nicht kontrollieren, was passiert, aber ich kann mich selbst kontrollieren. Rituale helfen dabei, ein gewisses Maß an Normalität und Organisation wiederherzustellen, und sie geben mir ein Gefühl der Ruhe,“ sagt Fong.

Bessere Leistung: Eine Reihe von Experimenten mit der allgemeinen Bevölkerung, die 2010 in der Zeitschrift Psychological Science veröffentlicht wurden, kam zu dem Schluss, dass „glücksbezogener Aberglaube“ das Selbstvertrauen bei der Bewältigung anstehender Aufgaben stärkt und die motorische Geschicklichkeit, das Gedächtnis und die allgemeine Leistung verbessert.

Placebo-Effekt: Dieses Phänomen ist in der Medizin wohlbekannt. Wenn man Menschen eine spezielle Pille oder Behandlung verabreicht, wird ein erheblicher Teil von ihnen behaupten, davon zu profitieren. „Placebo ist magisches Denken“, sagt Gottesman. „Es hat identifizierbare und quantifizierbare Auswirkungen auf menschliche Krankheiten“. Und vielleicht auch auf das medizinische Fachpersonal. Wenn eine Ärztin glaubt, dass ihr Freundschaftsarmband besondere Kräfte hat und ihr hilft, eine bessere Ärztin zu sein, dann kann das durchaus zutreffen.

Vier Nachteile

Zwanghaftes Verhalten: Wenn abergläubische Überzeugungen oder repetitive Verhaltensweisen anfangen, persönliches Leid zu verursachen, die täglichen Aufgaben zu beeinträchtigen oder sich negativ auf die Patientenergebnisse auszuwirken, dann gibt es ein Problem. Auf Quora gibt es eine Geschichte über einen Neurochirurgen, der vor Operationen immer zwei Hostess Ho Hos-Schokoladenkuchen aß. Als er dies eines Tages vergaß, ließ er angeblich seinen Patienten auf dem Tisch liegen und lief los, um das Gebäck zu essen. Auch wenn es sich dabei um eine urbane Legende handelt, ist es doch ein nützliches Beispiel für eine Eigenart, die die Arbeit stört.

Weniger Flexibilität: Jeder menschliche Körper und jede Operation ist anders. „Wenn ritualisierte Verhaltensweisen oder Gewohnheiten so starr werden, dass man die Fähigkeit verliert, sich anzupassen, dann wird es für den Patienten gefährlich“, so Fong. "Die Kunst der Medizin besteht, ähnlich wie beim Jazz, oft in der Improvisation.“

Selbstzweifel: So wie Rituale und Aberglaube Kraft geben und ein Gefühl der Kontrolle vermitteln können, können sie sich schnell gegen Ärzte wenden, die einen Teil ihrer Routine vergessen oder ihren Talisman auf dem Schreibtisch liegen lassen. Statt Zuversicht vermitteln sie dann Zweifel. Das Karma wird zum Kryptonit.

Die Vermeidung von Verantwortung: Nach Jahren der Freundschaftsarmbänder und Wonder Woman Clogs bemüht sich Bajaj bewusst darum, das magische Denken aus ihrer Praxis zu verbannen. „Es kann dich zurückhalten, wenn du nicht aufpasst“, sagt sie. "Wenn man anfängt, es als Krücke zu benutzen, wenn etwas schief geht – wie 'Oh, ich hatte heute meine Clogs nicht an und deshalb hat meine Lappenplastik versagt' – dann geht man nicht seiner Sorgfaltspflicht nach, nämlich herauszufinden, was wirklich passiert ist." Anstatt dem Aberglauben die Verantwortung dafür zuzuschieben, dass ihr Tag gut gelaufen ist, versucht sie, die Verantwortung selbst zu übernehmen und bewusster zu leben.

Dieser Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com. Im Rahmen des Übersetzungsprozesses nutzt unsere Redaktion gegebenenfalls auch Software zur Textbearbeitung inklusive KI.

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