„Ich möchte den freien Tag nicht mehr missen“
Viele Ärztinnen und Ärzte sind überlastet und wünschen sich mehr Erholung von der zunehmend anstrengenden Arbeit. Ein möglicher Lösungsansatz besteht darin, die Arbeit auf vier Tage zu verteilen. Doch ist die 4-Tage-Woche überhaupt in Arztpraxen möglich – und was gibt es bei der Umsetzung zu beachten? Dr. med. Cornelia Friedrich teilt ihre Erfahrungen.
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Interview: Nathalie Haidlauf
In Kliniken werden bereits vielerorts flexible Arbeitszeiten angeboten – auch um trotz Fachkräftemangel Personal zu gewinnen. Doch nicht nur in der Klinik pochen Ärztinnen und Ärzte zunehmend auf Flexibilität. Auch viele Niedergelassene wünschen sich mehr Freiraum und längere Erholungszeiten. Kürzlich haben einige Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrungen mit der 4-Tage-Woche im coliquio-Forum geteilt. Nun sind wir nochmals tiefer in das Thema eingetaucht und haben eine niedergelassene Gynäkologin, die schon seit Jahren die 4-Tage-Woche lebt, zu den Vor- und Nachteilen dieses Arbeitszeitmodells befragt.
Interview: Die 4-Tage-Woche und ihre Vor- und Nachteile
Frau Dr. Friedrich, wie setzen Sie die 4-Tage-Woche in Ihrer Praxis um und seit wann?
Friedrich: Wir haben schon seit vielen Jahren für jeden von uns die Vier-Tage-Woche. Wir sind zwei Ärztinnen und können somit an dem jeweils freien Tag der anderen die Vertretung übernehmen. Bei den Mitarbeiterinnen ist es ebenso.
Woher kam die Idee, dieses Modell zu wählen – von wem ging die Initiative aus?
Friedrich: Die Idee zu diesem Modell hatte ich zusammen mit meiner Kollegin, da sie zu diesem Zeitpunkt noch kleine Kinder hatte und somit einen zusätzlichen freien Tag für die Kinder hatte. Mittlerweile haben wir uns gut dran gewöhnt und möchten den freien Tag nicht mehr missen.
Wie wird die 4-Tage-Woche bei Ihnen konkret ausgestaltet: werden 100 % Arbeitspensum auf 4 Tage verteilt oder wurde die Arbeitszeit reduziert?
Friedrich: Jede von uns Ärztinnen arbeitet jeweils 25 Stunden pro Woche. Diese werden auf jeweils vier Tage aufgeteilt. Wir haben außerdem vier Mitarbeiterinnen, darunter eine Hebamme. Unsere Mitarbeiterinnen teilen sich die Sprechstunden entsprechend ihrer Stunden so auf, dass immer mindestens zwei anwesend sind. Die wöchentliche Stundenzahl ist unterschiedlich von 10 bis 38 Stunden pro Woche.
Haben Sie den Wechsel auf die 4-Tage-Woche selbst organisiert oder hatten Sie Unterstützung? Gelang die Umstellung reibungslos oder musste sich das neue Modell zuerst einspielen?
Friedrich: Wir haben das selbst organisiert. Wir haben einfach damit angefangen und es hat von Anfang an super funktioniert. Auch die Patientinnen akzeptieren es, wenn „ihre“ Ärztin an deren freiem Tag im Notfall nicht in der Praxis ist.
Wo sehen Sie Vorteile Ihres Modells – und gibt es auch Nachteile?
Friedrich: Die Vorteile sind, dass man einen geplanten freien Tag hat und in dieser Zeit auch private Termine wahrnehmen kann. Außerdem ist die Erholungsphase von der doch sehr anstrengenden Arbeit (zunehmend höhere Anspruchshaltung der Patientinnen, hohe Auflagen von „oben“, finanzielle und Freizeitwünsche der Mitarbeiterinnen usw.) länger, weil man an dem freien Tag die privaten To-Dos erledigt oder zu Fortbildungen geht und dann immer noch genügend Zeit zum Entspannen hat.
Nachteile sind, dass man an dem freien Tag nicht für die Patientin zur Verfügung steht, wenn es gerade um eine akute Erkrankung oder Kontrolle von auffälligen Befunden geht. Außerdem hat man insgesamt weniger Patientinnen im Vergleich dazu, wenn man noch einen Tag mehr arbeiten würde.
Was raten Sie Kolleginnen und Kollegen in Einzelpraxis, die eine 4-Tage-Woche bislang nicht umsetzen aufgrund der Sorge, die 4-Tage-Woche würde bei Patientinnen und Patienten schlecht ankommen?
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Ich würde erstmal mit einem zusätzlichen freien Tag im Monat anfangen und dann auf ein zweiwöchiges Intervall steigern. In dieser Zeit empfehle ich, mit den Patienten zu reden und zu erklären, warum, wieso, weshalb man nun nur noch vier Tage pro Woche verfügbar ist. Man sollte ihnen klarmachen, dass nur ein fitter Arzt auch ein guter Arzt ist. Außerdem finden unsere Fortbildungen nur an den Wochenenden statt.
Dr. med. Cornelia Friedrich, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Sexualmedizin
Natürlich braucht man für diese freie Zeit eine gute Vertretung. Vielleicht findet sich ja jemand, der es ebenso machen möchte, mit dem/der man sich absprechen könnte? In der Regel haben Patienten dafür Verständnis und angesichts des Ärztemangels ist auch nicht erwarten, dass sie sich anderweitig einen Arzt suchen.
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