20. Oktober 2021

Leichenschau

Richtiges Verhalten am Tatort

Bei einem Notarzteinsatz an einem mutmaßlichen Tatort ist umsichtiges Verhalten seitens des Rettungsteams gefragt, um die kriminalistische Tatortarbeit zur Aufklärung des Sachverhalts später nicht zu erschweren oder gar zu verhindern.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel „Einfach und praktisch: rechtliche Grundlagen und Verhalten an Einsatzorten mit Verstorbenen“ von Wilmes et al. Notfall + Rettungsmedizin (2021). Redaktion: Dr. Linda Fischer

Bei Hinweis auf einen Tatort: Leichenschau stoppen

Ist beim Eintreffen am Einsatzort unklar, ob es sich „nur“ um einen Leichenfundort oder um einen Tatort handelt, sollte vorausschauend und vorsichtig agiert werden. Kristallisiert sich vor oder während der Leichenschau heraus, dass es sich um einen ungeklärten oder nichtnatürlichen Todesfall handelt,

  • darf nach der Todesfeststellung keine Leichenschau durchgeführt werden, bzw.
  • wird die Leichenschau sofort abgebrochen.

Ermittlungsbehörden informieren

Ermittlungsbehörden, also Polizei oder Staatsanwaltschaft, sollten sofort informiert werden. Darüber hinaus sollte sowohl am Leichnam als auch am Einsatzort nur noch so wenig wie möglich verändert werden.   

Weitere Situationen, in denen eine vollständige Leichenschau nicht möglich ist, ohne die jedoch kein natürlicher Tod bescheinigt werden darf, sind die Folgenden:

  • Fäulnisveränderter Leichnam
  • Unklare Identität
  • Tod in der Öffentlichkeit
  • Räumliche Enge
  • Schlechte Lichtverhältnisse
  • Unmöglichkeit der Leichenschau in Anwesenheit von Angehörigen
  • Unerwartete Todesfälle im Kindes- oder Säuglingsalter (werden grundsätzlich durch Obduktion geklärt)

In diesen Situationen sind ebenfalls die Ermittlungsbehörden zu informieren. Außerdem ist dafür zu sorgen, dass die Leichenschau an einem hierfür besser geeigneten Ort durchgeführt wird – beispielsweise in einem rechtsmedizinischen Institut oder bei einem Bestatter. Jeglichem Druck auf die Bescheinigung eines natürlichen Todes, etwa durch Ermittlungsbehörden oder Angehörige, darf nicht stattgegeben werden. Sowohl bei der Meldung an die Polizei oder die Staatsanwaltschaft, als auch im Falle der Weitergabe an die ärztliche Kollegschaft, ist der Ereignisort gegen den Zutritt Unbefugter zu sichern – etwa durch die informierte Polizei.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema: Leichenschau – Abrechnung, Fehler & Tötungsdelikte
Bei der Leichenschau kommt es immer wieder zu offenen Fragen und Fehlern, durch welche möglicherweise auch Verbrechen nicht entdeckt werden. Erfahren Sie mehr über wichtige Regeln, häufige Versäumnisse und Honorare. Zum Beitrag>>

Veränderungen am Leichnam und dessen Umgebung dokumentieren

Für spätere Ermittlungsverfahren sollte – im Falle eines ungeklärten oder nichtnatürlichen Todes – ein Gedächtnisprotokoll bezüglich der Veränderungen erstellt werden, die am Leichnam vorgenommen wurden (beispielsweise Lageveränderung des Leichnams zu Reanimationszwecken). Mit gesundem Menschenverstand gilt es, die Umgebung zu registrieren und zu dokumentieren. Dazu gehören:

  • Verschlussverhältnisse der Wohnung
  • Abschiedsbriefe
  • Medikamente bzw. geleerte Tablettenblister
  • Durchwühlte Wohnung
  • Kampf- und Blutspuren
  • Hinweise auf Drogen- und/oder Alkoholkonsum

Medizinisches Equipment belassen

Zugänge, Tuben und Elektroden sollten nach der Todesfeststellung – für die spätere Reproduzierbarkeit des Hergangs – vollständig am Leichnam belassen werden. So kann etwa die Punktionsstelle an der Ellenbeuge später eindeutig als medizinischer Zugang identifiziert und nicht mit einem intravenösen Drogenkonsum verwechselt werden. Auch Rippenbrüche können so später auf die Reanimationsmaßnahmen zurückgeführt, und nicht als Folge von Gewalteinwirkung gedeutet werden. Belassenes Equipment kann darüber hinaus in rechtsmedizinischen Untersuchungen Auskunft über die Güte und Gründlichkeit der notfallmedizinischen Maßnahmen geben.  

Das Zerschneiden von Klamotten ist generell zu vermeiden. Sollte dies dennoch notwendig sein, ist darauf zu achten, nicht direkt an Stellen mit Textildefekten zu schneiden, die von Schnitten, Stichen oder Schüssen stammen könnten.

Leichenfundort nicht verändern

Auch vermeintlich banale, unwichtige Details, die am Tatort verändert werden, können später zum Beispiel die Einschätzung des Todeszeitpunktes erschweren. Dazu gehört

  • das Öffnen und Schließen von Türen und Fenstern, sowie
  • das Hoch- oder Herunterdrehen von Heizungsventilen.

Ebenso können für Ermittlungen wichtige Spuren verloren gehen durch

  • das Benutzen der Toilette und
  • Händewaschen am Fundort.

Es empfiehlt sich, in der Umgebung des Leichnams einen kleinstmöglichen Aktionsradius und eine Spurenfährte beim Betreten und Verlassen des Fundorts zu wählen, welche von jeder Person, die den Fundort betritt oder verlässt, genutzt und nicht überschritten wird.

In jedem Fall: Selbstschutz vor Fremdschutz

Um Gefahren zu vermeiden, ist unbedingt nach der Maxime „Selbstschutz vor Fremdschutz“ zu agieren. Zu diesen vermeidbaren Gefahren zählen beispielsweise:  

  • Kohlenmonoxidvergiftung
  • Stromunfälle durch ungesicherte Stromleitungen
  • Infektionen durch Nadeln/Spritzenbesteck
  • Verletzungen durch andere Personen

  1. Wilmes et al.: „Einfach und praktisch: rechtliche Grundlagen und Verhalten an Einsatzorten mit Verstorbenen“ Notfall + Rettungsmedizin (2021)

Bildquelle: © Getty Images/CRISTINA PEDRAZZINI/SCIENCE PHOTO LIBRARY

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