21. März 2018

Verzögerte Bluttransfusion nach Reanimation

Patientin klagt auf 500.000 Euro Schmerzensgeld

Eine Patientin muss während eines Eingriffs reanimiert werden und erleidet in der Folge starke Hirnschäden. Sie klagt auf Schmerzensgeld und bekommt vor dem Oberlandesgericht Hamm Recht. Lesen Sie hier, was in diesem Fall schiefgelaufen ist. (Lesedauer: 3 Minuten)

Der folgende Beitrag basiert auf einem aktuellen OLG-Urteil 1 und wird vertreten durch Alexa Frey, Fachanwältin für Medizinrecht.

47-Jährige mit massiver Hypermenorrhoe

Eine 47-jährige Patientin wurde durch ihren Gynäkologen wegen starker Hypermenorrhoe, mit Abgang eines Blutgerinnsels, in stationäre Behandlung eingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt bestand eine ausgeprägte Anämie, mit einem Hb-Wert von 7,5 g/dl. Der Oberarzt der gynäkologischen Abteilung riet der Patientin zu einer diagnostischen Hysteroskopie mit gegebenenfalls anschließender Hysterektomie.

Es wurde zunächst die Gebärmutterspiegelung durchgeführt. Im Anschluss daran wurde die Narkose durch den behandelnden Anästhesisten zur Vorbereitung der Gebärmutterentfernung vertieft. Dabei kam es über einen Zeitraum von zehn Minuten zu einem massiven Abfall des Blutdrucks und der Blutsauerstoffsättigung. Eingeleitete Gegenmaßnahmen blieben ohne Erfolg, sodass die Patientin reanimiert werden musste.

Bluttransfusion erst nach 10 Stunden

Anschließend wurde sie auf die Intensivstation verlegt. Dort wurde bei Hämoglobinwerten zwischen 5,7 g/dl und 6,2 g/dl die Gabe von Erythrozyten unterlassen. Etwa zehn Stunden nach Durchführung der Gebärmutterspiegelung ordneten die Ärzte die erste Bluttransfusion an. Die Patientin lag zweieinhalb Wochen im Koma, hat einen Hirnschaden erlitten und ist dadurch stark körperlich und geistig behindert.

Patientin verklagt Anästhesisten und Gynäkologen

Die Patientin hat ihre Klage neben einem Behandlungsfehler auch auf Aufklärungsfehler des Anästhesisten und Gynäkologen gestützt, da diese über das Risiko eines lebensbedrohlichen Herzstillstandes nicht aufgeklärt hätten. Ferner hätten die Ärzte sie über alternative Narkoseverfahren aufklären müssen. Auch das Risiko einer Embolie sei nicht genannt worden.

Das Oberlandesgericht bejahte wegen unterlaufener anästhesistischer Fehler einen Anspruch auf Schmerzensgeld. Die Klage gegenüber dem behandelnden Gynäkologen hatte hingegen keinen Erfolg.

Unverzügliche Gabe der Bluttransfusion war indiziert

Ein Behandlungsfehler der Anästhesisten bestand darin, dass nicht in unmittelbarem Anschluss an die Reanimation der Patientin – sondern erst ca. zehn Stunden später – eine Bluttransfusionen erfolgte, obwohl der Hb-Wert zwischen 5,7 g/dl und 6,2 g/dl lag.

Es bestehe weder ein wissenschaftlicher Beleg dafür, dass bei einem Hb-Wert unter 6,0 g/dl zu transfundieren sei, noch gebe die im Zeitpunkt der Behandlung geltende Transfusionsrichtlinie einen zwingenden Grenzwert an. Entscheidend für die Frage, ob transfundiert werden muss, ist das klinische Gesamtbild. Eine Reanimation sei allerdings ein Sonderfall. In Verbindung mit dem erheblichen Blutdruckabfall sei die unverzügliche Gabe einer Bluttransfusion erforderlich gewesen. Dies war absolut indiziert, da eine Sauerstoffunterversorgung zu befürchten gewesen sei, so der Sachverständige.

500.000 Euro Schmerzensgeld für schwere Gesundheitsschäden

Für die bei der Patientin vorliegenden Gesundheitsbeeinträchtigungen – Hirnschaden, linksbetonte Parese, Sprach- und Schluckstörung, Störungen des Gedächtnisses, Inkontinenz etc. – sei ein Schmerzensgeld in Höhe von 500.000 Euro gerechtfertigt, da die Patientin nie mehr ein eigenständiges Leben führen könne und lebenslang auf fremde Hilfe angewiesen sei.

Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Sie ist neben dem Arzthaftungsrecht in den Bereichen des Vertragsarztrechts der Ärzte, des Vertrags- und Gesellschaftsrechts, des Berufsrechts, des Vergütungsrechts der Heilberufe sowie des Krankenhausrechts tätig. Kontakt: frey@wws-ulm.de

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