10. Oktober 2019

Nachts in der Klinik

Trotz dringender Bitten des Patienten kommt kein Arzt

Ein junger, selbstmordgefährdeter Mann wird aufgrund einer selbst zugefügten Schnittwunde in einem Regelkrankenhaus chirurgisch versorgt. Nachts verlangt er wegen psychischer Probleme mehrfach erfolglos nach einem Arzt. Bei der Morgenvisite kommt es schließlich zu einem dramatischen Ereignis. 

Lesedauer: 1,5 Minuten

Der Fall

Ein 26-jähriger Patient wird aufgrund einer drogeninduzierten Psychose stationär psychiatrisch behandelt. Unmittelbar nach der Entlassung fügt er sich in suizidaler Absicht eine Schnittwunde am linken Arm zu und wird zur chirurgischen Versorgung in eine Klinik der Akut- und Regelversorgung zugeführt.

Die Frage nach akuter Suizidalität verneint der junge Mann zu diesem Zeitpunkt. Die Ärzte fordern ihn auf sich zu melden, sollte es ihm psychisch schlechter gehen. Nach operativer Versorgung verbleibt der Patient über Nacht im Aufwachraum.

Keine ärztliche Reaktion trotz wiederholter Klagen des Patienten

Ab 0.30 Uhr klagt er wiederholt über psychische Probleme und verlangt nach Hilfe. Das betreuende Pflegepersonal erlebt den Patienten als psychisch stark angeschlagen und verständigt den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Die Pflege dokumentiert um 1.30 Uhr nachts wörtlich: „Keine Reaktion ärztlicherseits erfolgt, Ignoranz der Problematik.“

Der Oberarzt wurde am Morgen gebeten, den Patienten deshalb möglichst früh zu visitieren. Um 9.15 Uhr wird festgehalten, dass der Patient sehr wortkarg gewesen sei. Weitere Angaben zum psychischen Zustand werden nicht dokumentiert, allerdings solle der Patient im Aufwachraum bleiben.

Patienten springt im Beisein des Oberarztes aus dem Fenster

Unmittelbar nach der Visite öffnet der Patient ein Fenster und springt hinaus. Beim Sturz zieht er sich ein epidurales Hämatom zu, das in einer Notfalloperation entlastet wird. Dazu kommen ein mittelschweres gedecktes Schädel-Hirn-Trauma mit Kontusionsblutung, ein traumatisches Querschnittsyndrom ab C5 bei HWK-7-Luxationsfraktur, eine Orbitadach- und Seitenwandfraktur und ein Thoraxtrauma mit Brustbeinfraktur.

Zustand bei Entlassung

Bei seiner Entlassung war der Patient voll orientiert bei unauffälliger Bewusstseinslage. Die Motorik an den oberen Extremitäten wies Kraftgrade von 3 bis 5 auf, die unteren Extremitäten waren plegisch. Es bestanden Blasenentleerungsstörungen und Defäkationsprobleme. Eine umfangreiche Hilfsmittelversorgung einschließlich Rollstuhl war erforderlich.

Patient beanstandet ärztliche Maßnahmen

Patientenseitig wurde das Unterlassen ärztlicher Hilfeleistungen und organisatorischer Maßnahmen zum Schutz des Patienten als grob behandlungsfehlerhaft angesehen.

Gutachten und Entscheidung der Schlichtungsstelle

Lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags, welche Stellung das Krankenhaus zu diesem Fall bezogen hat, zu welchen Kernaussagen der Gutachter kommt und wie die Schlichtungsstelle den Vorfall letztlich bewertet hat.

1. Dr. med. M. Koller, Christine Wohlers, Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik, Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern: Trotz dringender Bitten des Patienten erfolgte keine ärztliche Untersuchung

Bild: © Getty Images/vasiliki

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