26. Mai 2021

8 Trigger des plötzlichen Herztodes

Der plötzliche Herztod kann durch verschiedene Alltagsaktivitäten getriggert werden. Welche die wichtigsten Auslöser sind, hat ein aktuelles systematisches Review untersucht.

Lesedauer: 4 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Plötzlicher Herztod: In 40% der Fälle von Alltagstriggern ausgelöst

Der plötzliche Herztod (sudden cardiac death, SCD) ist für rund die Hälfte aller Todesfälle, die auf kardiovaskuläre Erkrankungen zurückzuführen sind, verantwortlich. Bei Personen unter 35 Jahren wird der plötzliche Herztod meist durch strukturelle Herzerkrankungen verursacht, bei Älteren ist SCD überwiegend eine Folge der koronaren Herzkrankheit. Das Auftreten von SCD ist wie beim akuten Myokardinfarkt mit bestimmten Auslösern assoziiert. Viktor Čulić et al. von der kroatischen Universität Split haben nun in einer systematischen Übersichtsarbeit herausgefunden, dass bis zu 40% aller Fälle von SCD durch Alltagssituationen und -handlungen ausgelöst werden.

In ihrer Arbeit haben die Forscher aus über 2.800 Publikationen acht Studien identifiziert, anhand derer sie acht Situationen und Handlungen ermitteln konnten, die als potenzielle Trigger für das Auftreten des plötzlichen Herztodes infrage kommen. Ziel ihrer Untersuchung war es, die Relevanz der jeweiligen Trigger im Alltag abzuschätzen und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung zu vergleichen. Mit Ausnahme von psychischem Stress fanden alle Handlungen unmittelbar vor dem Krankheitsereignis statt.

Stärkster Risikoanstieg bei körperlicher Anstrengung

Das höchste relative Risiko (RR), einen plötzlichen Herztod zu erleiden, bestand bei vorübergehender starker körperlicher Anstrengung (RR 5,0). Als weitere starke Trigger konnten Kokain- und Alkoholkonsum (RR 4,1 und 3,0) identifiziert werden. Eher schwächere Trigger waren Kaffeekonsum (RR 1,7), Amphetamin- und Cannabismissbrauch (RR 2,1 und 1,1), im Vormonat des SCD existente psychische Belastungen (RR 1,7) und eine Influenzainfektion (RR 1,3).

Prävalenz in der Bevölkerung: Episodischer Alkoholkonsum ganz vorne

Betrachtet man nun, welche Bedeutung diese Auslöser bevölkerungsweit haben – also mit Blick auf das attributable Risiko (population atrributable fraction, PAF) – zeigte sich eine veränderte Reihenfolge: Episodischer Alkoholkonsum ist laut der Studie für 14,5% der plötzlichen Herztode verantwortlich, gefolgt von körperlicher Anstrengung (9,4%), Kokainmissbrauch (6,9%), Kaffeekonsum (6%), psychoemotionaler Stress im Vormonat (3%), Amphetaminkonsum ((1,7%) und grippalen Infekten (0,3%).

  • Alkoholkonsum: Ein gesunder Lebensstil mit moderatem Alkoholkonsum, mediterraner Ernährungsweise und regelmäßiger Bewegung scheint das Risiko für SCD zu senken. Episodischer Alkoholkonsum dagegen kann bei prädisponierten Personen als Auslöser eines SCD in Erscheinung treten. Die Triggerwirkung ist weniger stark als bei körperlicher Anstrengung oder Kokainmissbrauch. Dass Alkohol dennoch als wichtigster Auslöser für den plötzlichen Herztod gilt, ist den Autoren zufolge auf seine große Verbreitung in der Bevölkerung zurückzuführen. Eine Studie von Šelb-Šemerl et al. zeigt außerdem die Anfälligkeit für durch episodischen Alkoholkonsum ausgelösten SCD von Personen, die regelmäßig Kaffee trinken, Raucher waren, körperlich aktiv sind sowie Personen, die unter chronischem Stress stehen.
  • Körperliche Anstrengung: Gewohnheitsmäßige körperliche Aktivität wirkt sich nachweislich auf das Risiko für einen SCD aus, wobei Personen mit der geringsten gewohnheitsmäßigen Aktivität dem größten Risiko unterliegen. Dennoch kann körperliche Aktivität den Autoren zufolge gelegentlich schädlich sein: Sie vermuten einen großen Einfluss dieses Triggers auf die Bevölkerung. Vor allem Personen mit undiagnostizierten kardiovaskulären Erkrankungen unterliegen hier einem Risiko, da sie eher unter körperlicher Anstrengung leiden. Die Autoren betonen die Notwendigkeit einer besseren Identifizierung asymptomatischer, gefährdeter Patienten.
  • Kaffeekonsum: Die Forscher beschreiben einen bedeutenden Einfluss von episodischem Kaffeekonsum auf SCD. Es gibt Hinweise darauf, dass Koffein keinen Einfluss auf Herzrhythmus und –frequenz hat und langfristiger Kaffeekonsum das Risiko abnormaler Herzrhythmen sogar senken kann. Bei einem SCD der durch Kaffeekonsum getriggert wurde, vermutet man daher ein akutes Koronarsyndrom als Initialereignis. Das Risiko hierfür scheint bei regelmäßigen Rauchern, ehemaligen Trinkern, körperlich aktiven Personen und Menschen, die emotionalem Stress ausgesetzt sind, erhöht zu sein. Viele Menschen mit diagnostizierter Herzerkrankung sind sich laut den Autoren der Triggerwirkung von Alkohol- und Kaffeekonsum nicht bewusst.
  • Psychoemotionaler Stress: Psychoemotionaler Stress im Monat vor dem Ereignis scheint ein mäßig starker Trigger für SCD zu sein. Eine vermehrte Aktivität des Symphatikus kann bei Personen mit genetischer Veranlagung oder bestehender Herzerkrankung eine maladaptive Stressreaktion einschließlich SCD hervorrufen. Proarrythmische Eigenschaften von Antidepressiva und Antipsychotika können außerdem einem Teil der SCD zugrunde liegen. Ebenfalls mit SCD in Verbindung gebracht wurde Stress, der durch Massenereignisse wie Krieg oder Erdbeben ausgelöst wird. Außerdem existieren Hinweise, dass akute emotionale Zustände, wie zum Beispiel Ärger, mit einer Induktionszeit von bis zu 2 Stunden einen akuten Myokardinfarkt auslösen können.
  • Substanzmissbrauch & Influenza: Laut Schätzungen der Autoren sind Kokain-, Amphetamin- und Cannabismissbrauch für rund 10% aller Fälle von SCD verantwortlich. Dieses Ergebnis unterstreicht die kardiovaskulären Auswirkungen dieser Substanzen vor allem bei jüngeren Erwachsenen. Vor allem Kokain scheint eine starke Triggerwirkung zu haben: Die Prävalenz der Substanz in der Bevölkerung war demnach nicht hoch, allerdings war der Gebrauch mit einer großen Risikoerhöhung für SCD verbunden. Bei Cannabis zeigte sich dagegen trotz großer Exposition nur eine kleine Risikoerhöhung. Sowohl bei Amphetaminmissbrauch also auch bei Influenza-Erkrankungen war das attributable Risiko aufgrund geringer Risikoerhöhung und geringerer Exposition eher gering.

Revaskularisation: Vermeidung bestimmter Alltagstrigger

Die Studie bietet den Autoren zufolge eine gute Perspektive auf die Bedeutung der genannten Faktoren für die öffentliche Gesundheit. Eine Einschränkung ist allerdings, dass die Ergebnisse nicht zwischen vollständig vermeidbaren und aufgeschobenen Fällen unterscheiden können. Laut den Autoren sind die Erkenntnisse ihrer Forschung jedoch vor allem für Patienten relevant, die kardiovaskulär gefährdet sind. Etwa bei Patienten mit anstehender Revaskularisation könne der Versuch, Auslöser aus dem täglichen Leben bis zum Therapiebeginn zu meiden, hilfreich sein. Entsprechende Maßnahmen können dabei helfen, das Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, signifikant zu reduzieren, bis eine geeignete Behandlung durchgeführt werden kann, so Čulić und Kollegen.

1. Čulić, Viktor et al:  Public health impact of daily life triggers of sudden cardiac death: A systematic review and comparative risk assessmen. Resuscitation; Volume 162, May 2021, Pages 154-162; DOI: https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2021.02.036.
2. Schumacher, Beate: Alkohol wichtigster Trigger für plötzlichen Herztod. ÄrzteZeitung; 29.03.2021.

Titelbild: © Getty Images/Moussa81

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