22. Juli 2021

Die Macht der Worte

So stigmatisieren Ärzte ihre Patienten in Berichten und Dokumentation

In Klinik und Notaufnahme dokumentieren Ärztinnen und Ärzte nicht nur um sich rechtlich abzusichern, sondern auch um Kollegium und Pflegende auf die jeweiligen Patienten vorzubereiten. Dabei kann die Wortwahl Konsequenzen für die weitere Behandlung haben.1

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Erst mal in die Vorberichte schauen …

Jede medizinische Fachkraft kennt es: Eine Patientin oder ein Patient wird angekündigt oder aufgenommen und der Blick geht zunächst in die Akte. Falls es dort bereits Einträge gibt, verschafft man sich einen Überblick und stößt dabei mitunter auf eindeutige Formulierungen wie „einfach gestrickt“, „fordernd“, „trotz mehrfacher Aufklärung immer noch keine Compliance“.

600 Verlaufseinträge linguistisch analysiert

Ein Forschungsteam von der Johns Hopkins Universität um Mary Catherine Beach untersuchte 600 Verlaufseinträge aus Patientenakten in einer internistischen Klinikambulanz. Dabei interessierte sie, in welcher Art Ärztinnen und Ärzte sich positiv oder negativ, explizit oder implizit, über die Patientinnen und Patienten äußern. Unterstützung bekamen sie von Expertinnen und Experten für Linguistik und Informatik.1

Anhand der 600 Verlaufseinträge, die zufällig aus über 10.000 Einträgen gezogen wurden, kategorisierte das Forschungsteam 5 Arten, mit denen Ärztinnen und Ärzte sich negativ wertend über die Patientinnen und Patienten äußerten, aber auch 6 positive.

Zu den negativen Kategorien gehören:

  • Hinterfragen der Glaubwürdigkeit: „insistiert auf Schmerzen im Knie“, „behauptet, die Medikation wirke nicht“.
  • Implizite Missbilligung: „Er ist fest davon überzeugt, keinen Prostatakrebs zu haben, weil seine ‚Verdauung gut funktioniert‘“, „wurde aufgeklärt darüber dass es keine Hinweise dafür gibt, besteht aber weiterhin darauf“.
  • Stereotypisierung: Im Englischen Zitierung von afroamerikanischer Umgangssprache, grammatikalisch unkorrekter oder ungeschickter Formulierungen.
  • Darstellung als schwierigen Patienten oder schwieriger Patientin: „dies schien den Patienten zu beschwichtigen“, „Ich informierte sie dass Antibiotika nicht hilfreich seien und sprach stattdessen über Rauchstopp. Sie sagte sie werde ihren ‚Nebenhöhlen-Arzt‘ um Antibiotika bitten.“
  • Einseitige Entscheidung des Patienten mit Betonung der ärztlichen Autorität.

    • Explizite Komplimente.
    • Anerkennung für Resilienz oder Reflexionsfähigkeit.
    • Explizite Nennung positiver Emotionen: „Ich freue mich, die Patientin weiter zu behandeln“.
    • Schuld minimieren: „Aufgrund ihres eingeschränkten Kurzzeitgedächtnisses fiel es ihr schwer die Interventionen wie empfohlen durchzuführen“.
    • Persönliche, positive Informationen über den Patienten, z.B. Haustiere oder Hobbies.
    • Gemeinsam getroffene Entscheidungen, die Wünsche der Patienten werden respektiert.

Der Wortwahl selten bewusst: Vorschnelle Urteilsbildung?

Eine solche Wortwahl hat mehrere Gründe: Man ist unter Zeitdruck, man ist frustriert, der Austausch mit der Patientin oder dem Patienten ist nicht konstruktiv. Ein bisschen schreibt man sich den Frust von der Seele – doch vor allem sollte man für einen Zwischenfall oder zukünftige Rückfragen abgesichert sein.

Was man in diesem Moment jedoch selten bedenkt, ist die Wirkung auf Mitarbeitende, die aus diesem Verlaufseintrag zum ersten Mal mit der Patientin oder dem Patienten in Berührung kommen und sich daran ein vielleicht vorschnelles Urteil bilden. Solche Urteile können jedoch weitreichende Konsequenzen haben, auch ohne dass die Betroffenen in der Dokumentation explizit negativ beschrieben wurden.

Negativer Bias wird weitergegeben

So konnten Forschende in einer früheren Studie feststellen, dass Betroffene mit einer Abhängigkeitserkrankung von den lesenden Ärztinnen und Ärzten negativer eingeschätzt wurden, wenn Betroffene im Brief als „Drogenabhängige“ („substance abuser“) bezeichnet wurden – und positiver, wenn im Brief „hat eine Abhängigkeitserkrankung“ stand.

Konsequenzen für die klinische Versorgung

Noch einen Schritt weiter ging eine randomisierte Studie aus dem Jahr 2018: Ein fiktiver Patient mit Sichelzellanämie hatte eine vaso-okklusive Krise, ein äußerst schmerzhafter, akuter Zustand mit disseminierten Gefäßverschlüssen. Bei gleichbleibenden klinischen Daten, wurde der junge Mann einmal neutral (Beispiel: „tolerierte Sauerstoffmaske nicht“ , „weiterhin 10/10 Schmerzintensität“) und einmal negativ konnotiert beschrieben („verweigert Sauerstoffmaske“, „insistiert Schmerz sei ‚immernoch bei 10‘“). In der negativen Konnotation gingen die Ärzte signifikant weniger aggressiv bei der Schmerzstillung vor als bei der neutralen.2

Für so gebrandmarkte „Problempatientinnen und -patienten“ entsteht ein Teufelskreis aus negativ voreingenommenem Personal, einer selbsterfüllenden Prophezeiung und dem nächsten ungünstigen Verlaufseintrag. Die Autoren weisen ebenfalls darauf hin, dass diese Art des Dokumentierens gelehrt und als normal akzeptiert ist in der medizinischen Profession, aber noch aus einer Zeit stammt, in der Ärztinnen und Ärzte eine paternalistische Einstellung gegenüber Erkrankten hatten.

  1. Park et al.: Physician Use of Stigmatizing Language in Patient Medical Records. JAMA Netw Open. 2021;4(7):e2117052. doi:10.1001/jamanetworkopen.2021.17052
  2. Goddu et al.: Do Words Matter? Stigmatizing Language and the Transmission of Bias in the Medical Record.  J GEN INTERN MED 33, 685–691 (2018). https://doi.org/10.1007/s11606-017-4289-2

Bildquelle: © Getty Images/wanderluster

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