12. November 2019

Stichverletzung mit genmodifizierten Pockenviren

Eine Laborantin aus den USA verletzt sich mit einer Nadel und infiziert sich mit einem genetisch veränderten Virus. Da sie nicht entsprechend geimpft ist, verwenden die Ärzte ein Medikament, das die Regierung zum Schutz vor Bioterrorismus hortet. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Artikel beruht auf dem Bericht von Whitehouse et al. im “Morbidity and Mortality Weekly Report“ des Center for Disease Control and Prevention (2019).1 Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Schnelle Reaktion nach Arbeitsunfall

Im September 2018 beginnt eine 26-jährige Laborantin ihre Arbeit an einem Forschungsprojekt, in dem sie mit dem Vaccinia-Virus arbeitet. Dieses Virus wurde, dank seiner Verwandtschaft mit dem Pockenvirus (Variolavirus), für die Impfung verwendet und führte somit zur Ausrottung der Pocken. Die Studienviren sind genetisch verändert und in der Untersuchung werden zwei verschiedene Stämme verwendet.

Der Arbeitsmediziner legt der Laborantin eine Pockenimpfung nahe, zum Schutz vor einer Erkrankung im Falle einer Nadelstichverletzung, doch die junge Frau lehnt aus Sorge um Nebenwirkungen ab.

Vier Monate später passiert es: Nachdem sie einer Maus einen Vaccinia-Stamm in die Schwanzvene injiziert, sticht sie sich mit der Nadel selbst in den linken Zeigefinger. Sie spült die Wunde und erstattet umgehend Bericht an die Laborleiter, die sie in die Notaufnahme schicken.

Zwar wird die junge Frau nicht stationär aufgenommen, aber über die nächsten Tage von zwei verschiedenen Hausärzten begleitet. Keiner von ihnen empfahl spezielle Hygienemaßnahmen zum Schutz anderer. Am zehnten Tag entwickelt sie eine Schwellung und eine Blase an der Einstichstelle. Die Arbeitsmediziner, die sich nun mit ihr befassen, melden den Fall an das Center for Disease Control und beobachten sie weiter.

Weitere Symptome treten auf

An Tag 12 schließlich leidet die Frau unter Fieber (38° C). Ihre linken, axillären Lymphknoten sind vergrößert, auch der Finger schwillt immer weiter an. Die Ärzte sind besorgt, primär befürchten sie ein Kompartmentsyndrom des Fingers, doch ebenso bestand die Gefahr einer weiteren Dissemination der Infektion.

Leider weiß niemand, welcher der beiden Virenstämme, die in der Studie verwendet wurden, für die Infektion verantwortlich ist, die Laborantin selbst auch nicht. Auch war noch nicht ausgeschlossen, ob von der Maus übertragene Erreger mit im Spiel waren. Deshalb verabreichten die Ärzte neben Clindamycin und Cephalexin spezifische Immunglobuline gegen Vaccinia-Viren. Zusätzlich erhielt die Frau ein Mittel namens Tecovirimat, das als antivirales Therapeutikum gegen Pocken von der Food and Drug Administration zugelassen ist und zum Schutz gegen Bioterrorismus auf Lager gehalten wird.

Therapie mit Regierungsmedikament schlägt an

Unter diesem intensiven Therapieregime bessert sich der Zustand der Laborantin, ihr Fieber verschwindet innerhalb von 48 Stunden. Sie berichtet über leichte Nebenwirkungen, darunter Übelkeit und Juckreiz. An der Fingerkuppe bildet sich jedoch ein nekrotisches Areal um die Einstichstelle, das erst nach über drei Monaten abheilt. Die Entwicklung der Läsion ist im Titelbild dargestellt.

Gravierende Fehler mit glimpflichem Ausgang

In diesem Fall ist einiges schief gegangen. Die Laborantin war nicht geimpft und gab später an, dass sie die Risiken einer Pockeninfektion unterschätzt hat. Aus dem Artikel geht jedoch hervor, dass eine arbeitsmedizinische Aufklärung über den Erreger, mit dem sie zu tun bekam, stattgefunden hat.

Außerdem konnte sie sich nicht daran erinnern, welchen der Virenstämme sie der Maus injiziert hat, und auch nicht in welcher Konzentration. Wie das geschehen konnte, erklären die Autoren nicht. Gerade in wissenschaftlichen Studien im Labor muss eine sorgfältige Dokumentation des Vorgehens und der verwendeten Substanzen erfolgen. Es bleibt offen, ob dies ein Organisationsfehler der Laborantin selbst war, oder ein Resultat des Schreckens über den Vorfall.

Als sie schließlich in ärztlicher Behandlung war, erfolgte zunächst keine Isolierung oder andere Schutzmaßnahmen zur Prävention der Übertragung. Es sei somit als Glücksfall zu werten, so die Autoren, dass niemand angesteckt wurde.

  1. Whitehouse ER, Rao AK, Yu YC, et al. Novel Treatment of a Vaccinia Virus Infection from an Occupational Needlestick — San Diego, California, 2019. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2019;68:943–946.

Bildquellen:

  • Titelbild: © Center for Disease Control
  • Artikelbild: © Getty Images/vkovalcik

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