22. März 2019

Schmerzensgeld nach vergessener OP-Nadel

Eine 30-Jährige lebt seit bereits vier Jahren mit einer Nadel im Unterleib. Ärzte haben sie bei einer Operation dort aus Versehen zurückgelassen. Nun sprach das Gericht der jungen Frau Schmerzensgeld und Schadenersatz zu.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag wird vertreten durch Alexa Frey, Fachanwältin für Medizinrecht. Redaktion: Marina Urbanietz

Der Fall

Die damals 26-jährige Patientin war 2014 in einem baden-württembergischen Klinikum wegen einer Nierenbeckenabgangsstenose laparoskopisch operiert worden. Neben der Pyeloplastik wurde eine Nierensteinentfernung durchgeführt. Postoperativ klagte die 26-Jährige über Schmerzen. Im Rahmen einer Computertomographie fiel auf, dass eine 1,9 cm lange Nadel (0,4 mm Stärke) in ihrem Körper verblieben war. Die Patientin wurde hierüber einen Monat später informiert. Eine Entfernung der Nadel lehnte sie jedoch ab.

Das Urteil

Das zuständige Landgericht hatte der Frau in erster Instanz 13.000 Euro und rund 2.000 Euro Schadenersatz zugesprochen. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt. Nun sprach das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart der Klägerin ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro und 2.000 Euro materielle Schäden zu (Urteil vom 20.12.2018 – 1 U 145/17). 1

Zählkontrollen sind erforderlich

Laut dem OLG Stuttgart müssten Ärzte alle möglichen und zumutbaren Sicherungsvorkehrungen gegen das unbeabsichtigte Zurücklassen eines Fremdkörpers im Operationsgebiet treffen. Es musste daher nach der Operation eine Zählkontrolle aller Instrumente inklusive der verwendeten Nadeln erfolgen. Eine solche Kontrolle konnte im Verfahren nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Da der Patientin der Verbleib der Nadel erst einen Monat nach der Operation mitgeteilt wurde, forderte sie zunächst einen groben Behandlungsfehler anzunehmen. Das Gericht sei allerdings nicht von einem groben, sondern nur von einem einfachen Behandlungsfehler ausgegangen, da der Patientin keinerlei Therapieoptionen genommen worden sind. So hätte die Nadel keinesfalls schon 1 bis 2 Monate nach der Operation entfernt werden können, da es sich um ein entzündliches Gewebe gehandelt habe. Die in der verspäteten Information liegende Pflichtverletzung hatte daher keinerlei Folgen für die Betroffene.

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Regelmäßige Kontrollen nötig

Da die heute 30-jährige Patientin den Fremdkörper weiterhin im Körper trägt, bedarf es einer regelmäßigen Lagekontrolle alle sechs bis zwölf Monate, womit eine Strahlenbelastung verbunden ist. Zudem fühlt sie sich in ihrer Freizeitgestaltung durch die Nadel eingeschränkt. Sie gehe nicht mehr joggen und habe ihren weiteren Kinderwunsch aufgegeben. Schmerzen verursache die Nadel jedoch nicht.

Die Summe angemessen, aber auch ausreichend

Das OLG hat der Patientin unter Berücksichtigung dieser Umstände ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro zugesprochen. Aufgrund der jährlichen Kontrollen und der persönlichen Beeinträchtigung der Patientin, sei diese Summe angemessen, aber auch ausreichend. Da die 30-Jährige derzeit keine Entfernung der Nadel anstrebt und die behandelnden Ärzte aufgrund der mit der Operation verbundenen Risiken davon abraten, wurde lediglich die psychisch belastende Ungewissheit in die Entscheidung über die Höhe des Schmerzensgeldes einbezogen und nicht die Operation selbst.

Neben dem Schmerzensgeld sind zudem die materiellen Schäden der Klägerin (Fahrtkosten, Rechtsanwaltskosten, etc.) in Höhe von 2.000 Euro durch die Klinik zu ersetzen. Zudem muss die Klinik alle zukünftigen materiellen Schäden, die durch den Behandlungsfehler, bspw. für die Kosten der Operation für die Entfernung der Nadel tragen.

Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Sie ist neben dem Arzthaftungsrecht in den Bereichen des Vertragsarztrechts der Ärzte, des Vertrags- und Gesellschaftsrechts, des Berufsrechts, des Vergütungsrechts der Heilberufe sowie des Krankenhausrechts tätig. Kontakt: frey@wws-ulm.de

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  1. Oberlandesgericht Stuttgart, Urteil vom 20.12.2018 – 1 U 145/17

Bildquelle: ©istock.com/kieferpix

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