04. Februar 2021

Rotationsassistenten

Notaufnahme: Der gefährliche Sprung ins kalte Wasser

Kliniken ignorieren immer noch die psychische Belastung bei Berufsanfängern. Doch wie kann man verhindern, dass aus dem Einsatz in der Notaufnahme ein persönliches Trauma wird?

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf dem Vortrag von Prof. Dr. med. Michael Bernhard, der im Rahmen des Kongresses der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (02.-04.12.2020) vorgestellt wurde. 5 Redaktion: Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin.

Notaufnahme als Charakterschule?

Der “drohende” Einsatz in der Notaufnahme ist für die meisten Berufsanfänger ein Angstthema, berichtet PD Dr. med. Michael Bernhard, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme (ZNA) an der Uni Düsseldorf. Kein Wunder, denn nach wie vor werden Berufsanfänger kaum auf diese entscheidende Phase ihrer Ausbildung vorbereitet. Fachartikel und Auffrischungskurse reichen nicht aus, um den persönlichen Stress in den Griff zu bekommen, gibt er zu bedenken. Offenbar gilt an unseren Kliniken die Notaufnahme immer noch als Charakterschule, in der sich eben die Spreu vom Weizen trennt.

“Sprung ins kalte Wasser”, die preiswertere Variante

Selbst Universitätskliniken bieten keine adäquate Vorbereitung auf diese schwierige Ausbildungsphase an. An der Düsseldorfer Uniklinik etwa gibt es zwar einen Ultraschall-Schnellkurs, organisatorische Einführungen und einen USB-Stick mit Literatur für alle ZNA-Anfänger. Das war es auch schon. Aber ist das zeitgemäß?

Das Zauberwort heißt eigentlich Simulationstraining: Bei der Ausbildung von Rettungssanitätern sind solche realitätsnahen Trockenübungen längst Standard. 1 Warum nicht auch bei Ärzten in der Notaufnahme? Schließlich sind sie ja für die Weiterversorgung der Patienten zuständig. Die Fachverbände DGINA und DGSiM setzen sich seit Jahren dafür ein, diese Lücke zu schließen. Bisher vergebens. Es bleibt beim “Sprung ins kalte Wasser”, der preiswerteren Variante.

Psychische Extrembelastung

Aber das geht auf Kosten der psychischen Gesundheit der Rotationsassistenten. Eine aktuelle Studie belegt, dass Berufsanfänger durch die anfängliche Überforderung in der Notaufnahme in extreme psychische Ausnahmesituationen geraten können. Parameter für Stress und Depression schlagen gerade bei Anfängern maximal aus. 2

Notfallsimulationen im Team

Drei entscheidende Aspekte müssen klinische Simulationsübungen abdecken, fordert die Fachgesellschaft in ihrem Positionspapier. 3 Wichtige manuelle Skills, wie zum Beispiel das Legen einer Thoraxdrainage lassen sich an Übungspuppen trainieren. Entscheidend ist auch, dass die, für den Notfall konzipierten, Handlungsalgorithmen eingeübt werden. Unter Umständen sogar mit speziell dafür trainierten Schauspielern. Im Notfall bricht oft das Chaos aus. Deshalb sind Notfallsimulationen im Team besonders wichtig.

Akronyme als Gedankenstütze

Doch selbst an einer Uniklinik wie der in Düsseldorf ist man von solchen Standards noch weit entfernt. Da hilft es wenig, wenn man den Berufsanfängern mit Akronymen unter die Arme greift, die diagnostische und therapeutische Abläufe zusammenfassen. So gilt in der Düsseldorfer Uniklinik bei der Abklärung eines Sepsisverdacht das LUCCAASS-Prinzip. Es fasst die wichtigsten Infektionsherde in einem leicht zu merkenden Akronym zusammen: Lung, Urine, CNS, Cardiac, Abdomen, Arthritis, Skin und Spine). Erst wenn diese Aspekte in der ZNA diagnostisch abgeklärt sind, dürfen Patienten auf die Station verlegt werden, berichtet der Düsseldorfer Notfallmediziner.

“Sprung ins kalte Wasser” – ein verfehltes Konzept

Kliniken haben eine Fürsorgepflicht für ihre Angestellten und die umfasst auch deren psychische Gesundheit. Schon deshalb ist der “Sprung ins kalte Wasser” ein verfehltes Konzept. Ein Prinzip, das auch nur scheinbar Kosten einspart. Denn regelmäßiges Simulationstraining in Notfallabteilungen hilft auch gegen Personalfluktuation und Krankschreibungen. Das Betriebsklima verbessert sich und das Zusammengehörigkeitsgefühl wird gestärkt. Die Folgen: Die Personalfluktuation sinkt ( – 66 %) und die Krankheitstage nehmen ab ( – 88 %). 4

Schlechte Ausgangslage

Doch das alles ist, wie Dr. Bernhard berichtet, selbst an der Universitätsklinik Düsseldorf noch Zukunftsmusik. Hier beschränkt man sich bei Fortbildungsmaßnahmen in der ZNA auf kurze Fallvorstellungen im Rahmen der täglichen Dienstübergaben. Vielmehr sei aufgrund des Dienstsystems einfach nicht drin, meint der ärztliche Leiter der ZNA.

  1. Meldung – DRK-Landesschule Baden-Württemberg gGmbH (drk-ls.de), 01.07.2019.
  2. Stein C. The effect of clinical simulation assessment on stress and anxiety measures in emergency care students. African Journal of Emergency Medicine 10 (2020) 35 —39.
  3. Gal J. et al. Klinische Notfallmedizin – Implementierung der Simulation in die Weiterbildung Gemeinsames Positionspapier der DGINA und der DGSiM. Notfall Rettungsmed DOI 10.1007/s10049-016-0178-1.
  4. Radia El Khamali et al. Effects of a Multimodal Program Including Simulation on Job Strain Among Nurses Working in Intensive Care Units, JAMA. 2018;320(19):1988-1997. doi:10.1001/jama.2018.14284.
  5. 20. Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e. V., Weiterbildung in der Notaufnahme – Wo ist die Not am größten? Michael Bernhard, Düsseldorf “Notfallmedizin für Einsteiger Aufnahme im … – DIVI.“ Aufgerufen am 2. Jan. 2021.

Bildquelle: © GettyImages/upixa

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