28. Juli 2020

Refresher

Blutgasanalyse richtig interpretieren 

Die Blutgasanalyse ist eine schnelle Methode, um sich eine Übersicht über den Stoffwechsel eines möglicherweise kritisch kranken Patienten zu verschaffen. In einem aktuellen Artikel präsentieren Dr. M. Michael und Kollegen ein einfaches, strukturiertes Vorgehen bei der Interpretation, das wir hier für Sie zusammenfassen und mit weiteren Informationen ergänzen. 1-3 

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Arteriell, kapillär, venös 

Eine BGA kann aus arteriellem, venösem und kapillärem Blut erfolgen. Die Wahl der Probenart ist abhängig von der Fragestellung. Eine venöse Probe lässt nur grobe Aussagen über den Sauerstoff- und CO2-Gehalt des Blutes zu, ist aber für einen ersten Überblick über den Säure-Basen-Haushalt des Patienten geeignet.1 

Sind die Ergebnisse plausibel?

In ihrem Artikel zur Interpretation der Blutgasanalyse legen die Ärzte der Uniklinik Düsseldorf dem Leser ans Herz, die Ergebnisse zunächst auf Plausibilität zu überprüfen. Passt die klinische Präsentation des Patienten zu den Ergebnissen? Ist das erhöhte Kalium vielleicht  durch eine zu lange Stauung bei der Abnahme erklärbar? Liegt eine Verdünnung der Probe vor, weil die Blutabnahme kranial von einer Venenverweilkanüle erfolgte? 2 

Sauerstoffpartialdruck ist altersabhängig  

Der Normwert des Sauerstoffpartialdrucks im Blut sinkt mit zunehmendem Alter und liegt arteriell zwischen 70-100 mmHg. Der normale Kohlendioxid-Partialdruck hingegen ist nicht abhängig vom Alter und liegt bei Männern zwischen 35-46 mmHg, bei Frauen zwischen 32-43 mmHg. Der normale pH-Wert liegt bei 7,35-7,45. 3 

Respiratorisch oder metabolisch? 

Ein Ungleichgewicht des Säure-Basen-Haushaltes kann eine atemabhängige Ursache haben oder durch Vorgänge des Stoffwechsels bedingt sein. Dabei kompensiert das respiratorische System die Entgleisung des metabolischen Systems und umgekehrt. Die Kompensation durch das metabolische System (allen voran den Nieren) ist jedoch deutlich langsamer. 

Ob eine nicht-kompensierte Azidose oder Alkalose vorliegt, ist sofort aus dem pH-Wert ersichtlich. Im nächsten Schritt sollte der pCO2 betrachtet werden, der in der arteriellen Blutgasanalyse Auskunft über die primäre Ursache der Problematik gibt. Abbildung 1 gibt eine Übersicht sowie Beispiele für typische Diagnosen.

Cave: Auch trotz eines normalen pH-Wertes kann eine Störung des Säure-Basen-Haushaltes vorliegen. Diese ist dann lediglich kompensiert.3 

Respiratorische Insuffizienz

Der pO2 ist in Bezug  zum Alter des Patienten sowie zu chronischen Vorerkrankungen zu setzen, bei denen ein niedrigerer Sauerstoffpartialdruck zu erwarten ist (z.B. COPD), sowie zur Sauerstoffzufuhr (FiO2) versus Raumluft. 2 

Bei einem niedrigen pO2 liegt eine hypoxämische respiratorische Insuffizienz vor (auch bekannt unter dem Begriff „respiratorische Partialinsuffizienz“). Ursächlich liegt hier ein Versagen des Lungenparenchyms mit einer Störung des Gasaustauschs vor.

Ist zu dem niedrigen pO2 noch der pCO2 erhöht, spricht man von einer hyperkapnischen respiratorischen Insuffizienz (respiratorische Globalinsuffizienz). Hier besteht ein Versagen der Atempumpe, das CO2 kann nicht adäquat abgeatmet werden, wobei das O2 erst sekundär abfällt. 3 

Bikarbonat und Basenabweichung 

Der normale Wert der Basenabweichung (Base Excess, BE) liegt zwischen – 2 und 2 mmol/l. Das Bicarbonat (HCO3-) ist mit 22-26 mmol/l in der Norm. Sind diese Werte erhöht, liegt eine metabolische Alkalose vor. 

Eine metabolische Azidose besteht, wenn BE und/oder HCO3- erniedrigt sind. Besteht gleichzeitig ein erhöhter pCO2 so ist von einem zusätzlichen, respiratorischen Problem auszugehen. Kompensiert das respiratorische System nämlich eine metabolische Azidose, so müsste CO2 vermehrt abgeatmet werden. 

Anionenlücke bei der metabolischen Azidose 

Liegt bei einem Patienten eine metabolische Azidose vor, dient die Berechnung der Anionenlücke der weiteren Abklärung. 

Dabei wird die Differenz zwischen den positiv geladenen Kationen, repräsentiert durch Natrium (Na2+) und den negativ geladenen Anionen, Chlorid (Cl2-) und Bikarbonat (HCO3-) gebildet: Natrium – (Chlorid+Bikarbonat)

Im Normalfall beträgt die Anionenlücke 3-11 mmol/l. Liegt bei einer metabolischen Azidose eine normale Anionenlücke vor, so ist von einem Bikarbonatverlust auszugehen, der durch Chlorid kompensiert wird (hyperchlorämische Azidose). Dies kann zum Beispiel bei Diarrhö der Fall sein, bei Fisteln in Pankreas oder Galle, oder bei fehlender renaler Rückresorption (renale tubuläre Azidose).  

Ist die Anionenlücke vergrößert, besteht eine Additionsazidose, sprich: es besteht ein Überschuss an Säuren, zum Beispiel von Laktat oder Ketonkörpern, oder aufgrund mangelnder Säurenausscheidung bei Niereninsuffizienz. Ebenso ist die vergrößerte Anionenlücke ein Hinweis auf eine Vergiftung mit Acetylsalicylsäure, Frostschutzmittel (Ethylenglykol) oder Methanol.  

  1. Amboss Bibliothek: Pulsoxymetrie und Blutgasanalyse (abgerufen am 28.07.2020) 
  2. Dr. M. Michael et al.: Einfach und praktisch: Interpretation der Blutgasanalyse. Notfall Rettungsmed, published 03.07.2020 
  3. Herold et al.: Innere Medizin. Eigenverlag 2019 (eBook-Version) ISBN: 978-3-9814660-8-9 

Titelbild: © Getty Images/ jarun011

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