03. November 2021

Häuslicher Kollaps

88-minütige Reanimation eines 34-Jährigen mit Erfolg

Ein junger Mann kollabiert zu Hause im Beisein seiner Ehefrau, die umgehend mit der Laienreanimation beginnt. Da das nächstgelegene Krankenhaus der Maximalversorgung 100 km weit entfernt ist, führen Notarzt und Rettungssanitäter die Reanimation fast eineinhalb Stunden fort. Weshalb sie dabei von den Leitlinien abweichen und wie dieser außergewöhnliche Fall ausgeht, erfahren Sie hier.

Lesedauer: 4 Minuten

Den folgenden Fall schildern Herzchirurgen und Anästhesisten des Klinikum der Universität Regensburg in der Fachzeitschrift Notarzt 2021; 37: 278–282, Georg Thieme Verlag. Dr. Nina Mörsch fasst das Wichtigste für Sie zusammen.

Laut aktuellen Leitlinien des Europäischen Wiederbelebungsrat (ERC) sollte der Abbruch von Reanimationsmaßnahmen bei Asystolie ohne Wiederherstellung des Spontankreislaufs („return of spontaneous circulation“, ROSC) nach 20 Minuten in Erwägung gezogen werden – häufig keine sehr leichte Entscheidung. Im folgenden Fall hat sich das Rettungsdienstteam jedoch für eine deutlich längere Fortführung der Reanimation entschieden.

Der Fall

Am späten Vormittag (12:55 Uhr) bricht ein 34-Jähriger in seinem Haus in Niederbayern plötzlich zusammen. Am Tag zuvor hatte er über Sodbrennen geklagt. Seine Frau beginnt sofort mit der Reanimation.

8 Minuten nach Alarmierung des Rettungsdienstes trifft dieser ein, führt die Reanimation mit Maskenbeatmung fort und legt einen intravenösen Zugang. Nach weiteren 7 Minuten trifft auch der Notarzt ein, der Kammerflimmern feststellt und eine erste Defibrillation mit 200 Joule durchführt– ohne Erfolg.

Der Patient wird intubiert und erhält 1 mg Suprarenin und 300 mg Amiodaron sowie weiterhin eine Infusion von Vollelektrolytenlösung. Nach Gabe von 5000 IE Heparin persistiert das Kammerflimmern und alle weiteren Defibrillationsversuche (insgesamt 5) bleiben ohne Rhythmisierung.

Universitätsklinikum 103 km entfernt

Zirka 45 Minuten nach dem Kollaps des jungen Mannes fragt der Notarzt bei der über 100 km entfernten Universitätsklinik Regensburg eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) sowie einen Rettungshubschrauber an.

Der Patient erhält 7 mg Midazolam und 300 µg Fentanyl, weitere Amiodaron- und Suprarenin-Boli sowie weiterhin eine Infusion mit Vollelektrolytlösung (kumulativ 1800 mg Amiodaron, 6 mg Suprarenin). Schließlich kann ein Sinusrhythmus hergestellt werden, jedoch ohne suffizienten Kreislauf. Bis zum Eintreffen des Rettungshubschraubers etabliert das Team vor Ort eine mechanische Reanimationshilfe sowie einen intraossären Zugang am rechten Tibiakopf.

Aufgrund einer unzureichenden Ableitung der Sauerstoffsättigung wird der Patient über Kapnometrie gesteuert beatmet. Hierfür werden sämtliche tragbaren Sauerstoffflaschen verbraucht, sodass das Team den Sauerstofffluss der letzten Flasche auf 6 l/min reduzieren muss.

Um 14.10 Uhr trifft der Rettungshubschrauber ein und das Team legt eine femorofemorale venoarterielle ECMO an. 15 Minuten später setzt die hämodynamische Unterstützung ein und die Thoraxkompressionen werden beendet. Der Patient wird per Hubschrauber in die herzchirurgische Intensivstation des Universitätsklinikums Regensburg transportiert, wo er um 15.49 Uhr eintrifft.

In der Klinik

Die venöse Blutgasanalyse zeigt einen ausgeglichenen metabolischen Status sowie eine leichte Hyperkaliämie. Das Labor ergibt ein erhöhtes Troponin (869 ng/l) und erhöhte CK-MB-Werte (45 ng/ml). Mittels CT schließen die Kliniker eine Aortendissektion sowie eine Pulmonalarterienembolie aus. Auch finden sich weder Hinweise auf eine Hirnblutung noch auf Ischämiefrühzeichen.

Die anschließende Koronarangiographie weist schließlich auf einen akuten Verschluss der rechten Koronararterie hin, der sich mittels Ballondilatation (Percutane transluminale coronare Angioplastie PTCA) und Einsetzen eines medikamentenfreisetzenden Stents (“Drug eluting stent”) rekanalisieren lässt.

Da jedoch weiterhin die Myokardkontraktilität stark beeinträchtigt ist, wird der Patient so lange an der ECMO belassen, bis sich die Funktion des Herzmuskels nach etwa 3 Tagen gebessert hat.

Hypothermie für 24 Stunden

Anschließend erfolgt eine therapeutische Hypothermie auf 34 °C für 24 Stunden – eine Maßnahme, die sowohl von europäischen als auch von den US-amerikanischen Leitlinien für Patienten empfohlen wird, die außerhalb einer Klinik einen Herzstillstand erlitten hatten und erfolgreich reanimiert wurden.

Erfreuliches Ergebnis der Reanimation

Erfreulicherweise zeigt der Patient nach Absetzten der Sedativa und Analgetika keine Hinweise auf ein fokal-neurologisches Defizit. Nur das Kurzzeitgedächtnis ist eingeschränkt. Er erholt sich sehr schnell und ist bald wieder voll beweglich.

Die Ärzte verordnen ihm den AT1-Rezeptor-Antagonisten Candesartan und den Betablocker Bisaprolol. Außerdem starten sie eine zweifache Thrombozyteninhibition mit Acetylsalicylsäure und Prasugrel für 1 Jahr und geben dem Patienten eine Defibrillatorweste mit. 11 Tage nach seinem Zusammenbruch kann der junge Mann die Klinik wieder verlassen.

Auch 3 Monate nach dem Ereignis geht es dem jungen Mann nach eigenen Angaben sehr gut: Er ist körperlich wieder aktiv und zeigt keine relevante Beeinträchtigung.

3 Gründe für den günstigen Ausgang der Reanimation

Das erfreuliche Ergebnis der langen Reanimation ist sicherlich ein Einzelfall, geben die Autoren zu Bedenken. Der Fall verdeutliche aber, wie notwendig das individuelle und situationsbezogene Abwägen für oder wider den Abbruch einer Reanimation ist. Was hat hier zu dem günstigen Ausgang beigetragen? Die Autoren nennen folgende Aspekte:

  1. Das beherzte Eingreifen der Ehefrau, die umgehend nach dem Kollaps ihres Mannes mit der Herzdruckmassage begonnen hat, sehen sie als wichtigsten Punkt.
  2. Der Notarzt war selbst in dem kontaktierten Universitätsklinikum tätig, weshalb er frühzeitig mit dem ECMO-Zentrum Kontakt aufnehmen und relevante Daten schnell übermitteln konnte. Zudem war er mit der extrakorporalen kardiopulmonalen Reanimation (ECPR) und den entsprechenden Entscheidungskriterien vertraut.
  3. Der Rettungshubschrauber war kurzfristig verfügbar.

Gabe von kumulativ 1800 mg Amiodaron führte zur Re-Rhythmisierung

Der erfahrene Notarzt, der seit vielen Jahren auf der herzchirurgischen Intensivstation tätig war, ist im geschilderten Fall von den aktuellen Reanimationsleitlinien abgewichen: Er hat dem jungen Mann im Verlauf der Reanimation kumulativ 1800 mg Amiodaron verbreicht und sich zur Gabe von Adrenalin bereits nach der 1. Defibrillation entschlossen. Dieses Vorgehen erschien ihm angesichts des persistierenden Kammerflimmerns als alternativlos.

  1. Floerchinger B, Philipp A, Kieninger M: Eine prolongierte Reanimation nach häuslichem Kollaps, Notarzt 2021; 37: 278–282
DOI 10.1055/a-1418-7086

Bild: © GettyImages/Pixel_away

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigter Geschäftsführer:
Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653