22. Juni 2021

Profi-Fussball trotz implantiertem Defibrillator?

Der dänische Fußball-Profi Christian Eriksen hat, wie in den vergangenen Tagen berichtet wurde, einen Defibrillator implantiert bekommen und mittlerweile das Krankenhaus verlassen. Eriksen ist nicht der einzige Hochleistung-Sportler mit einem solchen potenziell lebensrettenden kleinen Gerät in der Brust.1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Seinem Freund, dem niederländischen Fußball-Nationalspieler Daley Blind, wurde ebenfalls ein Defibrillator implantiert, nachdem er im Dezember 2019 in einem Spiel für Ajax Amsterdam über Schwindelgefühle geklagt hatte und schließlich eine vorausgegangene Myokarditis diagnostiziert worden war. Ähnlich wie Eriksen erlitt Daniel Engelbrecht von den Stuttgarter Kickers auf dem Spielfeld einen Herzstillstand, den er dank erfolgreicher Reanimation überlebte. Auch er erhielt einen ICD (impantierbarer Defibrillator).

Der Stabhochspringerin Katharina Bauer wurde im April 2018 ein Defibrillator implantiert. Der belgische Kicker Anthony Van Loo spielte nach Implantation eines Defibrillators noch mehrere Jahre in der ersten belgischen Liga. Nachdem er zweimal auf dem Spielfeld zusammengebrochen war und der ICD ihn gerettet hatte, beendete er seine Fusssballer-Karriere. Ob Eriksen seine Profi-Karriere beenden oder fortsetzen wird, ist noch unklar. Sport wird er wahrscheinlich weiter treiben, denn ICD-Träger sollten laut aktuellen Empfehlungen der „European Association of Preventive Cardiology” (EAPC)  und der „European Heart Rhythm Association“ (EHRA) keineswegs auf körperliches Training verzichten. Im Gegenteil! Aktiv zu bleiben sei aufgrund der nachgewiesenen Vorteile, mental wie physisch, auch für ICD-Patienten wichtig, so die Autoren der Anfang dieses Jahr publizierten Empfehlungen. Frühere Empfehlungen zur sportlichen Betätigung bei ICD-Empfängern waren restriktiv, beschränkten sportliche Aktivitäten auf Sportarten wie etwa Golf; sie basierten allerdings hauptsächlich auf theoretischen Überlegungen, da wissenschaftliche Daten fehlten. 

Inzwischen liegen solche Daten vor. So wurden vor wenigen Jahre im Fachmagazin „Circulation“ Ergebnisse einer Auswertung der Daten von 440 Sportlern aus dem „Sports ICD Safety Registry” (393 organisierte Leistungssportler, 47 Athleten mit Hochrisiko-Sportarten) berichtet. Darüber hinaus liegen Ergebnisse von 80 Freizeitsportlern vor („European Journal of Preventive Cardiology“). Über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 44 Monaten traten keine reanimationspflichtigen SCD -Fälle (sudden cardiac death) auf, ausserdem keine signifikanten Schäden im Zusammenhang mit Arrhythmien oder einem Defibrillator-Schock und auch keine Generator-Fehlfunktionen. Die Überlebensrate der Elektroden lag nach fünf Jahren bei 94 Prozent und nach zehn Jahren bei 85 Prozent.

Schocks waren häufig: So erhielt jeder zehnte Patient einen angemessenen Schock während des Wettkampfs oder des Trainings. Schocks traten während des Trainings häufiger auf als in Ruhe (20 % versus 10 %), aber entgegen der landläufigen Meinung wurde kein Unterschied zwischen Wettkampf/Training und anderen Aktivitäten gefunden. Freizeitsportler erlebten jedoch weniger angemessene und unangemessene Schocks während der körperlichen Aktivität als Teilnehmer von Wettkampfsportarten. Darüber hinaus hörten nach Angaben der Autoren von den Sportlern, bei denen Schocks ausgelöst worden waren, etwa 30 Prozent zumindest vorübergehend mit dem Sport auf; dies deute auf psychologische Auswirkungen hin, die langfristig relevant sein könnten. In der Diskussion, ob man mit einem ICD Sport treiben sollte oder nicht, schlagen die Autoren der Fachgesellschaften vor, folgende „vier Ds” zu beachten: Danger, Disease, Device und Dysrhythmias (Gefahr, Krankheit, Gerät und Herzrhythmusstörungen). 

Danger 

Dazu gehörten Überlegungen zur Sicherheit des Sportlers und seines Umfelds. Vermutlich habe jeder Mensch das Recht, über sein eigenes Leben und die in diesem Zusammenhang eingegangenen Risiken zu entscheiden: Doch dabei sollte die Sicherheit anderer berücksichtigt werden. Dies bedeutet den Empfehlungen zufolge, dass Situationen, vermieden werden sollten, in denen etwa ein Bewusstseins-Verlust andere Menschen gefährde (Beispiele: Motorsport, Tauchen, Bergsteigen). 

Disease 

Die zugrundeliegende Herzerkrankung spiele eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über eine sportliche Betätigung, da diese die Erkrankung verschlimmern oder Herzrhythmusstörungen verursachen oder provozieren könne. Daher sollten krankheitsspezifische Überlegungen berücksichtigt werden. 

Device 

Sport könne den Defibrillator auf verschiedene Weise beeinflussen. Für die Elektroden und einen ICD gälten die gleichen Risiken und Überlegungen zur Implantation wie für Herzschrittmacher.  Zusätzlich müsse der Gerätetyp (Einkammer-, Zweikammer-, subkutaner ICD) berücksichtigt werden, obgleich es hierzu keine gesicherten Daten bei Sportlern gebe. Nach einer postoperativen sechswöchigen (relativen) Ruhephase könne eine Rückkehr zum Sport erlaubt werden, vorzugsweise nach einem Belastungstest. Kampf-Sportarten wie Boxen sollten unterlassen werden. Bei Sportarten mit hohem Kollisionsrisiko wie etwa Fuss- oder Handball müssten Abschirmung und Polsterung diskutiert werden, obwohl deren Wirksamkeit nie nachgewiesen worden sei. 

Ausserdem müsse die Geräteprogrammierung beachtet werden: Der Sportler muss sich der programmierten Grenzwerte bewusst sein, damit er diese während des Trainings nicht erreicht. Umgekehrt müsse der ICD so programmiert werden, dass  ausreichend hohe Herzfrequenzen möglich seien. Für die Beurteilung einer Sinustachykardie seien vorherige Belastungs- und Langzeit-EKG-Aufzeichnungen wichtig: Wenn ein unangemessener Schock aufgrund einer Sinustachykardie zu erwarten sei, müsse der Patient klare Anweisungen zur Aktivitätseinschränkung und/oder der Einleitung einer bradykarden Therapie (wenn möglich mit Betablockern) erhalten.

Dysrhythmias 

Sowohl atriale als auch ventrikuläre Rhythmusstörungen müssen berücksichtigt werden: Eine  ventrikuläre Tachyarrhythmie könne sowohl Schocks als auch einen hämodynamische Folgen haben. Dies erfordert ein aggressives Management mit einer niedrigen Schwelle für eine VT-Ablation. Nach einem ICD-Eingriff oder einer VT-Ablation müsse eine 6 wöchige Sportbeschränkung beachtet werden. 

Angesichts der Tatsache, dass viele dieser ICD-Träger und Sportler jung seien, bestehe bei mehreren implantierten Elektroden ein höheres Risiko für langfristige Elektroden-Komplikationen: Daher sei bei der Implantation von komplexeren ICD-Systemen und deren Indikation Zurückhaltung geboten. Eine Fernüberwachung könne die Sterblichkeit der ICD-Träger senken. Sie habe  auch das Potenzial zur Früherkennung von Arrhythmien und Geräte-Defekten. Daher wird dringend empfohlen, die Sportler routinemäßige in Fernüberwachungs-Programme einzubeziehen.

Zusammenfassend lässt sich nach Angaben der Autoren sagen, dass Sportler mit ICDs sorgfältig untersucht und beraten werden sollten, was die möglichen Auswirkungen ihrer Aktivität auf den ICD und umgekehrt angehe.

Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.

Bidlquelle: © gettyImages/Dmytro Aksonov

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