02. März 2020

Prof. Uwe Janssens zu Covid-19

„Wir haben zu lange gewartet und nichts getan“

Sind deutsche Krankenhäuser wirklich auf eine Corona-Epidemie vorbereitet? Und wie sieht die Situation in Arztpraxen aus? Was können wir heute noch machen, um die Ausbreitung einzudämmen? Prof. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), beantwortet hier die wichtigsten Fragen und gibt seine Prognose zur weiteren Virus-Ausbreitung ab.

Lesedauer: 4 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

Was sind die Schwachstellen in unserem Gesundheitssystem, die eine Eindämmung des Coronavirus SARS-CoV-2 erschweren könnten?

Prof. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Foto: Thomas Weiland
Prof. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Foto: Thomas Weiland

Prof. Janssens: Das ist die schwierigste Frage überhaupt. Aktuell sehe ich die dezentrale Steuerung der Abläufe in unserem föderalistischen Land als sehr problematisch an. Das Virus richtet sich nicht nach Ländergrenzen. Es ist in Baden-Württemberg nicht anders zu behandeln als sonst irgendwo. Der Bundesgesundheitsminister gibt zwar die Rahmenbedingungen vor, aber alles Weitere wird an die Länder weitergegeben, die erneut zusammenkommen müssen, um ihre eigenen konkreten Pläne davon abzuleiten. Ist dies tatsächlich effizient? Ich glaube, nicht! Wir sollten versuchen, solche Situationen zukünftig zentral zu steuern. Es müssen verbindliche Regeln geschaffen werden, die für alle gelten. Warum sollte man mit bestimmten Verhaltensweisen im Norden anders umgehen als im Süden?

Wurden aus Ihrer Sicht bereits Fehler gemacht?

Prof. Janssens: Am 28. Januar 2020 wurde der erste Fall in Deutschland bekannt. Danach war es etwas ruhiger um das Virus geworden. Und alle haben gedacht, es kann uns nichts passieren. Wir haben nichts gemacht, obwohl wir wussten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Virus auch bei uns ankommt. Man wusste doch eigentlich schon, dass bestimmte Schutzmittel knapp werden. Warum hat man z. B. keine zusätzlichen Produktionsketten gestartet? Wir waren überhaupt nicht vorbereitet. Nun hat selbst das medizinische Personal keine geeigneten Schutzmittel (wie z. B. FFP2-Masken) in ausreichender Menge zur Verfügung.

Es wird auch heute immer noch nicht gesagt, dass es sich um eine große Gefahr handelt, sondern nur um eine mäßige. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, es erstaunt mich schon, dass keine klaren Pandemiepläne zum SARS-CoV-2 vorbereitet wurden. Auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts findet man die Pandemiepläne 2015 oder 2016 und eine retrospektive Betrachtung des Epidemie-Stopps in Nordrhein-Westfalen, aber nichts Konkretes. Letztendlich haben wir in der Klinik die verschiedenen, zum Teil wirklich sehr guten, Hinweise auf den RKI-Seiten zusammengetragen und in eine Form gegossen, nach der wir nun täglich arbeiten. Dabei setzen wir uns morgens für eine Stunde in einem großen Team aus Infektiologen, den Mitarbeitern der Hygiene und den Leitern der betroffenen Abteilungen zusammen und besprechen die ganz konkrete Vorgehensweise basierend auf der aktuellen deutschlandweiten und regionalen Entwicklung.  

Sind die radikalen Maßnahmen Italiens aus Ihrer Sicht auch hierzulande sinnvoll?

Prof. Janssens: Es ist natürlich eine Güterabwägung, bei der auch wirtschaftliche Interessen eine große Rolle spielen. Sage ich nun alle Großveranstaltungen ab? In Berlin z. B. ist bisher noch kein Fall bekannt,*würden jetzt auf einmal 10, 20, 30 Infektionen auftreten, dann bin ich mir relativ sicher, dass man die Notbremse ziehen wird. Die Internationale Tourismus-Börse (ITB) wurde bereits abgesagt. Ich gehe davon aus, dass weitere Einschränkungen vorgenommen werden.

*Anm. der Redaktion: Zum Zeitpunkt des Interviews war in Berlin noch kein Fall gemeldet.

Die Verantwortlichen versichern, dass Kliniken gut vorbereitet sind. Was ist mit Praxen? Viele niedergelassenen Ärzte, die oft die ersten Ansprechpartner sind, fühlen sich allein gelassen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Prof. Janssens: Viele Kolleginnen und Kollegen aus dem niedergelassenen Bereich berichten mir, dass sie nur unzureichend auf die aktuelle Situation vorbereitet sind. Insgesamt sind die Informationen für den ambulanten Bereich bisher aus meiner Sicht schon etwas unterschwellig. Das Heimtückische bei dem SARS-CoV-2 ist, dass 85% aller Infizierten nur leichte allgemeine Symptomatik zeigen, mit der sie natürlich zu niedergelassenen Ärzten gehen. Doch leider wurde im Vorfeld nicht für genügend Diagnostik-Mittel gesorgt – auch die Vergütung war unklar. Anfänglich durften nur die unmittelbar aus China angereisten Patienten überhaupt getestet werden bzw. nur diese Kosten wurden von den Kassen übernommen – das ist lächerlich! Dass erst eine Verordnung des Bundesgesundheitsministers die Vergütung der Testungen sicherstellte, ist schon bemerkenswert.

Auch die Abläufe sind unklar. Am Anfang wurde kein genaues Ablaufprozedere zur Verfügung gestellt. Die Hausärzte wurden aus meiner Sicht wirklich allein gelassen. Der ambulante Bereich sollte zukünftig auf eine solche Infektionswelle viel besser vorbereitet sein. Auch hier ist aus meiner Sicht eine länderübergreifende Regelung zur Sicherstellung der Patientenversorgung zwingend erforderlich.

Alle wichtigen Informationen zum Vorgehen bei einem Corona-Verdacht in Arztpraxen finden Sie in unserem Beitrag „Covid-19-Verdachtsfälle: So gehen Sie Schritt für Schritt vor”.

Sind die deutschen Intensivstationen für eine landesweite Epidemie vorbereitet?

Prof. Janssens: Ja, würde ich schon sagen – vor allem auch, weil die meisten Stationen sehr gut miteinander vernetzt sind. Wir können in Echtzeit sehen, welche Kliniken welche Kapazitäten haben. Ich gehe nicht davon aus, dass wir plötzlich Hunderte Schwerstfälle haben. Von 100 Erkrankten müssen etwa 15 ins Krankenhaus und davon müssten vielleicht weniger als die Hälfte intensivmedizinisch versorgt werden.  Wie viele dieser Patienten dann eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) benötigen, ist schwer zu sagen. Es handelt sich nach derzeitigem Kenntnisstand um eine überschaubare Anzahl und sollte in einer bundesweiten und länderübergreifenden Kooperation der Kliniken kein Problem sein.

Die Voraussetzung dabei ist, dass die Krankenhäuser den elektiven Betrieb reduzieren und somit beispielsweise alle elektiven Eingriffe absagen. Dies zieht auch eine andere Problematik nach sich – nämlich, die ökonomische Seite. Eine Problematik, die aus meiner Sicht in der Öffentlichkeit bisher noch gar nicht diskutiert wurde. Wir haben den Auftrag, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, aber wenn Krankenhäuser nachhaltig finanziellen Schaden erleiden, sollte dies seitens der Politik entsprechend kompensiert werden.

Welche dringenden Maßnahmen müssen aktuell umgesetzt werden?

Prof. Janssens: Aufklärung ist aus meiner Sicht unheimlich wichtig. Deeskalieren, und zwar nicht, indem man alles verharmlost, sondern die Menschen wachsam werden lässt. Weniger Fokus auf Schutzmasken für Patienten, die bekanntlich nicht sehr viel nutzen, sondern eher auf Händewaschen – vielleicht wären auch kurze How-To-Videos sinnvoll. Mittlerweile hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung tatsächlich solche kurzen Clips produziert. Der Zugriff auf diese Informationsquelle ist aber nur marginal.

Die wichtigsten Verhaltensregeln für Patienten mit Verdacht auf Coronavirus finden Sie in einem aktuellen Patienteninformationsvideo von Prof. Uwe Janssens. Zum Video >>

Die meisten Patienten gehen mit dem Händewaschen sehr leichtsinnig um.  Menschen mit bestehenden gesundheitlichen Risiken (Immunsupprimierte, alte gebrechliche Menschen, Patienten mit Diabetes mellitus, chronischen Nierenerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sollten zudem große Veranstaltungen meiden.

Welche Grunderkrankungen sind mit den schweren Verläufen assoziiert?

Prof. Janssens:

  • Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen, die per se einen schlechten Immunstatus haben
  • Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen
  • Raucher
  • Patienten unter Immunsuppressiva
  • Schwangere (basierend auf den Daten der Influenza-A-Virus H1N1-Epidemie hatte diese Patientengruppe besonders schwere Verläufe)
  • Ältere multimorbide Patienten
  • Patienten mit Diabetes mellitus
  • Unter Umständen auch übergewichtige Patienten (ebenfalls basierend auf den Daten der Influenza-A-Virus H1N1-Epidemie)

Wird sich das Coronavirus in Deutschland weiterhin rasant ausbreiten? Oder ist die Panik übertrieben?

Prof. Janssens: Ich würde sagen, lassen Sie uns in einer Woche noch einmal sprechen. Ich vermute, dass die nächsten 7 bis 14 Tage diese Frage ziemlich sicher beantworten werden. Über die Karnevalstage ist offensichtlich Einiges passiert – wir müssen also die nächsten zwei Wochen abwarten, um das tatsächliche Ausmaß einschätzen zu können. Ich hoffe, dass es nicht explosionsartig steigt, sondern im Rahmen bleibt.

Umfrage zu Covid-19: Die aktuelle Lage in Praxis und Klinik

Professor Dr. med. Uwe Janssens ist Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Herr Janssens ist darüber hinaus Sprecher der DIVI-Sektion Ethik.

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