30. April 2019

Kaffee, Zigarette oder Kaugummi: Nüchternheit vor der Operation

Für feste Nahrung (6 Stunden) und klare Flüssigkeiten (2 Stunden) gibt es klare Vorgaben für die präoperative Nüchternheit. Doch wie ist die Situation bei Kaffee, Kaugummikauen oder Zigaretten?

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel in der Fachzeitschrift Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, den Christoph Renninger für Sie zusammengefasst hat.1

Kaffee: Auch ein Café au Lait ist möglich

Um nach der Aufnahme von klaren Flüssigkeiten 50% des Magenvolumens zu entleeren, dauert es etwa 12-15 Minuten. Kaffee wird jedoch häufig kritischer gesehen, aufgrund erhöhter Azidität oder einer verzögerten Magenentleerung. Allerdings zeigte sich in einer Untersuchung kein Unterschied auf das gastrale Residualvolumen oder den pH-Wert bei Verzicht auf Kaffee zwei Stunden vor Anästhesiebeginn und über einen längeren Zeitraum.

Da fettlösliche Lebensmittel die Magenentleerung verzögern können, wird in den aktuellen Leitlinien darauf hingewiesen, dass die 2-Stunden-Regel für Milch nicht gilt.2 Allerdings ist der Effekt der Gerinnung im Magen bei geringen Milchmengen im Kaffee klinisch nicht relevant. Ein Milchvolumen von bis zu 50% des Kaffeegetränks hat keinen Einfluss auf das gastrale Residualvolumen nach zwei Stunden.

Zigaretten: Rauchverzicht für Risikogruppen

Ein kurzfristiger Nikotinverzicht reicht nicht aus, um perioperative Risiken zu senken und die vorteilhaften Effekte treten erst verzögert auf. Rauchen an sich erhöht verschiedene Risiken wie:

  • perioperative Pneumonien (Odds-Ratio 2,1)
  • maschinelle Nachbeatmung (OR: 1,5)
  • Herzinfarkt (OR: 1,8)
  • Schlaganfall (OR: 1,7)
  • Sepsis (OR: 1,3)

Bei chronischen Rauchern hat ein nächtlicher Verzicht keinen Einfluss auf den pH-Wert des Magensafts oder das Residualvolumen. Der Ösophagussphinktertonus ist nach dem Rauchen reduziert, allerdings hält dieser Effekt nur wenige Minuten an und kann daher vernachlässigt werden.

Bei Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit (KHK) ist auch eine kurzfristige Nikotinkarenz sinnvoll. Tabakrauchen erhöht die CO-Hämoglobin-Konzentration im Blut, welche bei KHK-Patienten mit dem Risiko für intraoperative Myokardischämien korreliert. Da die CO-Eliminierung 2-5 Stunden benötigt, wird für diese Patientengruppe eine Rauchabstinenz von 12 bis 48 Stunden empfohlen.

Kaugummi: Nur minimale Auswirkungen

Durch das Kauen von Kaugummi steigt das gastrale Flüsssigkeitsvolumen an. Allerdings sind die Auswirkungen nur gering (bei einem 75 kg schweren Patienten eine Steigerung von 20 ml auf 36 ml). Angesichts einer täglichen Magensaftproduktion von 2-3 Litern ist der Effekt von Kaugummi zu vernachlässigen. Auf die Azidität hat Kaugummi keinen Einfluss.

Alkohol: Nüchtern im wörtlichen Sinne

Für alkoholhaltige Getränke gilt ein strenges Nüchternheitsgebot, da die normale Magenentleerung erheblich verzögert wird (Kaloriengehalt, erhöhte Osmolarität, nicht-alkoholische Nebenprodukte aus Gärungsprozessen in Bier und Wein). Die Halbwertszeiten sind wesentlich höher:

  • Bier: 39 Minuten
  • Wein: 73 Minuten
  • Wasser: 12-15 Minuten

Bei einer akuten Alkoholaufnahme empfehlen die Autoren eine Rapid Sequence Induction („Blitzintubation“) in Betracht zu ziehen.

Orangensaft: Vorsicht bei Fruchtfleisch

Orangensaft hat keinen Einfluss auf den pH-Wert oder das gastrale Residualvolumen. Allerdings wurden in den Studien keine Angaben zum Fruchtfleischgehalt der untersuchten Fruchtsäfte gemacht. Aufgrund fehlender Evidenz geben die Autoren die Empfehlung bei fruchtfleischhaltigen Säften ein 6-stündiges Nüchternheitsintervall einzuhalten.

Vorsicht vor der OP: Medikamente absetzen

Es gibt eine Reihe von Medikamenten, die vor einer Narkose abgesetzt werden sollten. Erhalten Sie einen Überblick im Beitrag “Anästhesie: Diese Medikamente sollten Sie vorher absetzen”.

  1. Schieren M & Wappler F. Kaffee, Kippe, Kaugummi – Mythen und Fakten zur präoperativen Nüchternheit. Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2019; 54(02): 142-145.
  2. Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin; Deutsche Gesellschaft für Chirurgie; Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Berufsverband der Deutschen Chirurgen. Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten und des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen. Perioperative Antibiotikaprophylaxe. Präoperatives Nüchternheitsgebot. Präoperative Nikotinkarenz. Anästh Intensivmed 2016; 57: 231-233

Bildquelle: © istock.com/vovashevchuck

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