21. Oktober 2020

Ein Patient mit akutem Thoraxschmerz im Rettungsdienst

Die Analyse aus Sicht des Juristen

Der Grundsatz, dass die Stellung einer Diagnose und die darauf aufbauende therapeutische Entscheidung als Ausübung ärztlicher Heilkunde dem approbierten Arzt vorbehalten ist, wird durch keine Regelung im Notfallsanitätergesetz („Vorabdelegation“) in Frage gestellt, so die rechtliche Sicht auf den vorliegenden CIRS-Fall. Lesen Sie hier die weiteren Erläuterungen der Juristen des CIRS-Meldesystems. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Beitrag beruht auf einem Bericht im Fehlermeldesystem CIRSmedical Anästhesiologie, Sommer 2020. Redaktion: Dr. Laura Cabrera, Dr. Nina Mörsch.1

Nur Arbeitsdiagnose anhand von Leitsymptomen

§ 4 Abs. 2 Ziff. 1 c NotSanG erlaubt den Notfallsanitätern keine Diagnosestellung im ärztlichen Sinn, sondern, entsprechend den Ausbildungsvorschriften, eine Arbeitsdiagnose im Sinn einer „Situationserkennung nach relevanten Leitsymptomen“ (siehe Bundesverband ÄLRD Deutsch-land e.V.: Rechtssicherheit – nicht nur für Notfallsanitäter/-innen, Kapitel 3.4 S. 22) und darauf aufbauend „angemessene medizinische Maßnahmen der Erstversorgung zu ergreifen“ bis zum Einsatz eines Notarztes, wenn „ein lebensgefährlicher Zustand vorliegt oder wesentliche Folge-schäden zu erwarten sind“.

Gabe von Glyceroltrinitrat fragwürdig

Die Ausführungen in der anästhesiologischen Analyse, dass „keine offenkundige vitale Bedrohung“ vorlag und die „Spannweite der möglichen Diagnosen sehr groß und präklinisch kaum sicher zu erfassen“ sind, spricht dafür, dass die Voraussetzungen nach § 4 Abs. 2 Ziff. 1 c NotSanG („Notfallkompetenz“) nicht vorlagen. Das heißt, es scheint keine Legitimation zur Verabreichung von Glyceroltrinitrat gegeben zu haben. Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob die Gabe nicht selbst bei Vorlage der Voraussetzungen der Notfallkompetenz als „kontraindiziert“ und damit behandlungsfehlerhaft zu werten wäre.

Ob und inwieweit eine „Vorabdelegation“ nach § 4 Abs. 2 Ziff. 2 c NotSanG die Notfallsanitäter zur Anlage eines Zugangs und insbesondere zur Verabreichung des Glyceroltrinitrats berechtigt haben könnte, wissen wir nicht, scheint aber unwahrscheinlich, sofern die Gabe des Medikaments bei Verdacht auf rechtsventrikulären Infarkt kontraindiziert ist.

Von welcher Verdachtsdiagnose der Notarzt ausging, bleibt offen, ebenso, ob die Medikation zumindest vertretbar war. Letztlich sind dies aber fachliche Fragen, die zu beurteilen der Jurist nicht berufen ist.

Ärztlicher Heilkundevorbehalt nicht infrage gestellt

Der Sachverhalt zeigt sehr deutlich, dass die zunehmende fachliche Qualifizierung der Notfallsanitäter nach wie vor den ärztlichen Heilkundevorbehalt nicht in Frage stellt und fachlich auch nicht in Frage stellen kann. Weder die „Notfallkompetenz“ noch die „erweiternden Delegationsmöglichkeiten“ schaffen ein Konkurrenzverhältnis zwischen Notfallsanitäter und Notarzt

Die Ausbildungsvorschriften wollen vielmehr notfallsanitätergerechte Heilkundeausübung dort ermöglichen, wo qualifizierte Ausbildung die Durchführung „angemessener“ – und beherrschter – medizinischer Maßnahmen eine Erstversorgung des Patienten bis zum Eintreffen einer Notärztin/ eines Notarztes ermöglicht und so einer Verschlechterung des Zustandes des Patienten in einer akuten Gefahrensituation begegnet werden kann.

Grenzen des fachlichen nicht ohne Dringlichkeit erproben

Dies setzt – auch unter haftungsrechtlichen Aspekten – eine sorgfältige Analyse der Situation vor Ort und der eigenen Möglichkeiten und Grenzen durch den Notfallsanitäter voraus. Das Notfallsanitätergesetz versteht den Notfallsanitäter als partnerschaftliche Ergänzung, nicht aber als Konkurrenz zum Notarzt. Letztlich lässt das NotSanG – auch unter Berücksichtigung der aktuellen Diskussion um ergänzende Formulierungen zur Notfallkompetenz – den (not-)ärztlichen Heilkundevorbehalt unberührt. Je weniger dringlich die Situation vor Ort, umso weniger empfiehlt es sich, die Grenzen des fachlich und damit rechtlichen zu erproben.

Take-Home-Message

Das NotSanG lässt, unbeschadet der „Notfallkompetenz“ und der Möglichkeit „Vorabdelegation“, den ärztlichen Heilkundevorbehalt unberührt.

Autoren:

  • Prof. Dr. med. T. Birkholz, Anästhesiologische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen
  • Prof. Dr. med. M. Hübler, Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinik Carl Gustav Carus, Dresden
  • Dr. iur. E. Biermann, Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Nürnberg
  • Prof. Dr. med. A. Schleppers, Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Nürnberg
  • Dipl.-Sozialw. T. Rhaiem, Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Nürnberg

  1. Ein Patient mit akutem Thoraxschmerz im Rettungsdienst; CIRS AINS; 19.10.2020.

Bildquelle: © gettyImages/simpson33

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