Titelbild von Klinik-Wissen kompakt
Logo von Klinik-Wissen kompakt

Klinik-Wissen kompakt

21. März 2025
Sie sind doch Arzt?

Privater Notfallkoffer: Mögliche Ausstattung

Ein Bewusstloser im Treppenhaus, ein Nachbar mit Schmerzen oder Angehörige mit einer schweren Erkältung – außerhalb der Klinik sind Ärzte auf solche Situationen oft nicht vorbereitet. Das muss nicht sein. Auch richtig versichert sollte jeder sein, der in der Nachbarschaft Erste Hilfe leistet.

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Notfallkoffer privat
(Foto: © Getty Images / artisteer)

Dieser Beitrag wurde inspiriert durch die Forumsdiskussion „Was gehört in einen Notfallkoffer der sowohl daheim als auch unterwegs tauglich ist?“. Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, hat seine persönliche Auswahl für ein privates Notfallset zusammengestellt. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit | Redaktion: Marina Urbanietz

Der private Notfallkoffer 

Auch wenn Klinikärztinnen und -ärzte rechtlich nicht verpflichtet sind, sich auf Notfälle außerhalb der Klinik vorzubereiten, kann ein gut ausgestattetes privates Notfallset entscheidend sein. Es muss keine vollständige Notfallausrüstung umfassen, sollte jedoch eine durchdachte Auswahl an Hilfsmitteln und Medikamenten enthalten, sowohl für Unpässlichkeiten als auch für bedrohliche Notfälle.

Aus rechtlichen Gründen ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht darum geht, in der Nachbarschaft zu behandeln, sondern es handelt sich um die Überbrückung, bis der Rettungsdienst kommt oder um die Hilfe bei mehr oder weniger Bagatellerkrankungen. Hier ein paar Ideen für die konkrete Vorbereitung.

Checkliste für den Notfallkoffer

Basis-Set 

Fieberthermometer (idealerweise mit flexibler Spitze für Kinder) 

Stethoskop 

Pulsoximeter 

Medikamente: 

Fiebersenkende Mittel (Paracetamol, Ibuprofen; auch in pädiatrischer Dosierung) 

Buscopan (bei Krämpfen) 

Antiemetika (bei Übelkeit) 

Cetirizin (bei allergischen Reaktionen)

Nitro-Spray (Angina pectoris, Hypertonie)

Traubenzucker (Dextrose) Tabletten 

Adrenalin i.m. oder i.v. Injektion und Solu-Decortin i.v. (bei gesicherter Anaphylaxie)

Wundversorgung: 

Pflaster in verschiedenen Größen 

Sterile Kompressen 

Breite elastische Binde (für Kompressionsverbände) 

Nichtalkoholisches Desinfektionsmittel 

Sterile Pinzette (für Fremdkörperentfernung)

Guedeltuben (drei Größen: Kinder, kleine und große Erwachsene) 

Blutdruckmessgerät (z. B. Handgelenkgerät) 

Einmalhandschuhe

Optionale Ausstattung

Automatischer externer Defibrillator (AED) 

Extremitäten-Tourniquet (für arterielle Blutungen) 

Ambubeutel mit Maske (ggf. Larynxmaske für Profis) 

Smartwatch mit EKG-Funktion

Erkältungen, fieberhafte Infekte und Allergie

Gerade im Winter sind Erkältungen in der Familie oder Nachbarschaft ein häufiger Anlass für medizinische Beratung. Zur Einschätzung der Situation empfiehlt sich ein digitales Fieberthermometer, idealerweise mit flexibler Spitze für Kinder, und ein Stethoskop zur Auskultation der Lunge. Ein Pulsoximeter gehört genauso dazu wie fiebersenkende Medikamente (z. B. Ibuprofen), auch in pädiatrischer Dosierung. Damit ist eine fundierte Erstversorgung sichergestellt. Ebenso können antipyretische Zäpfchen für Kinder mit hohem Fieber hinzugefügt werden. Das in der Klinik übliche Diazepam-Zäpfchen bei Fieberkrampf ist für den Hausgebrauch nicht unbedingt geeignet, weil nach der Applikation ein erhöhter Überwachungsaufwand gewährleistet sein muss.

Bei Anaphylaxie, was relativ selten vorkommt, benötigt man entweder Adrenalin, das man dann am besten intravenös gibt (alternativ i.m.), und Kortison i.v. oder i.v. Antihistaminika.

Hypoglykämie 

Erstaunlich viele insulinpflichtige Diabetes-Patienten sind oft nur schlecht auf eine Hypoglykämie vorbereitet. Deshalb muss das Notfallset auch ein Päckchen Traubenzucker enthalten, um in der Nachbarschaft aushelfen zu können. Nach jeder Hypoglykämie besteht allerdings das Risiko eines erneuten Abfalls des Blutzuckers, entsprechende Vorkehrungen sind deshalb obligatorisch.

Akute Wundversorgung 

Schnittverletzungen können stark bluten. Dann ist ein Kompressionsverband erforderlich. Dafür sind nicht nur sterile Kompressen, sondern auch eine breite elastische Binde notwendig. Mullbinden sind ungeeignet. Neben den Einmalhandschuhen gehört auch ein alkoholfreies Desinfektionsmittel zur Vorbereitung für Alltagsverletzungen. Eine sterile Pinzette sollte für die Entfernung kleiner Fremdkörper wie Splitter bereitliegen, und auch Pflaster in verschiedenen Größen gehören zur Grundausstattung. Ein paar 10 ml Ampullen NaCl 0,9 % sind ebenfalls hilfreich, falls die Wunde gespült werden muss. Sinnvoll auch, wenn Fremdkörper oder reizende Stoffe aus dem Auge gespült werden sollen.

Eine hilfreiche Ergänzung des Verbandskastens im Auto kann ein Extremitäten-Tourniquet zur Stillung arterieller Blutungen an den Extremitäten sein. Wahrscheinlich wird es nie gebraucht, wenn doch, dann ist es lebensrettend.

Plötzlich bewusstlos 

Die stabile Seitenlage bei Bewusstlosen reicht nicht immer aus, um die Atemwege freizuhalten. Dann ist der Guedeltubus lebensrettend. Ein Mindestsortiment von drei Größen, für Kinder, kleine und große Erwachsene, gehört zur Grundausstattung. Für Kolleginnen und Kollegen mit entsprechenden Kenntnissen (z. B. Anästhesie) kann die Ausstattung um einen Ambubeutel und eine Maske ergänzt werden, die ebenfalls als preiswerte Einwegartikel verfügbar sind.

Die eigene Smartwatch mit EKG-Funktion kann, wenn sie dem Patienten angelegt wird, bei unklaren Synkopen oder Schwächezuständen wichtige Hinweise auf Rhythmusstörungen geben (z. B. intermittierendes Vorhofflattern). Man muss nur daran denken.

Verdacht auf Herzinfarkt 

Bei akuten Herzschmerzen zählt jede Minute. Bis der Rettungsdienst eintrifft, schafft das Blutdruckmessgerät (z. B. preiswerte Handgelenkgeräte) Klarheit darüber, ob ein kardiogener Schock mit Hypotonie vorliegt. Bei normalem oder erhöhtem Blutdruck kann Nitrospray die Symptome lindern. Gibt es herzkranke Angehörige im unmittelbaren Wohnumfeld, stellt sich die Frage nach einem automatischen externen Defibrillator (AED). Diese Geräte sind mittlerweile erschwinglich und, frühzeitig eingesetzt, sehr effektiv.

Medizinische Alltagsprobleme 

Neben akuten Notfällen treten im Alltag häufig auch weniger dringliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Reisekrankheit oder Zahnschmerzen auf. Für Ärztinnen und Ärzte ist es sinnvoll, auch auf solche Situationen vorbereitet zu sein. Mindestens ein Antiemetikum und das Allheilmittel Ibuprofen gehören deshalb auch ins Notfallset. Tramadol ist wegen seiner emetischen Wirkung problematisch. Das  Set muss natürlich zentral gelagert und regelmäßig überprüft werden. Es soll ja im Notfall sofort griffbereit sein.

Rechtliche Aspekte  

Ärztinnen und Ärzte sind zur Ersten Hilfe verpflichtet. Bei bewusstlosen Patientinnen und Patienten und lebensbedrohlichen Notfällen besteht ein gewisser Haftungsschutz durch den Staat. Die Nachbarschaftshilfe bei kleineren Notlagen ist dagegen nicht ohne Risiko. Unausgesprochen kommt es zwischen dem Hilfesuchenden und dem Arzt zu einem Behandlungsvertrag.

Wer also in der Nachbarschaft etwa Metamizol verteilt, ohne nach potenzieller Unverträglichkeit zu fragen, ist voll in der Haftung. Da in unseren Breiten der Rettungsdienst funktioniert und jeder Notfall schnell in der Klinik sein kann, ist von invasiven Maßnahmen in der Wohnung (z. B. i.v. Injektionen) schon aus Haftungsgründen abzuraten. Die Haftpflichtversicherung des Arbeitgebers gilt nicht außerhalb der Klinik. Auch die private Haftpflichtversicherung greift hier meist nicht. Da hilft nur eine entsprechende Zusatzversicherung.  

Impressum anzeigen
Zurück zum Seitenanfang