10. November 2020

Notfall des Monats

Sturz einer älteren Dame

In der Gartenanlage eines Einfamilienhauses in der Mitte eines kleinen Ortes findet ein Mann zufällig seine Nachbarin auf dem Pflasterweg liegen und wählt den Notruf.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Bericht wurde als “Fall des Monats” bei der Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen (AGNNW) veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung.1 Redaktion: Christoph Renninger

Was ist geschehen?

Eine 81-jährige Frau wird auf dem Pflasterweg zum Geräteschuppen der Gartenanlage liegend vorgefunden. Sie wurde von ihrem Nachbarn eher zufällig entdeckt. Der Zeitraum von diesem (Sturz)-Ereignis bis zur Leitstellenalarmierung ist daher unklar.

Zum Zeitpunkt des Auffindens war die Verletzte angabegemäß leicht schläfrig gewesen, jedoch ansprechbar und konnte einsilbig, aber noch adäquat auf Fragen antworten. Vom Nachbarn wurde (in guter Absicht) versucht, die Frau aus der Rückenlage zum Sitzen aufzurichten, was aber nicht gelang. Daraufhin erfolgte die Alarmierung der Rettungsleitstelle.

Zu Vorerkrankungen der 81-jährigen Frau berichtet die telefonisch sofort hinzugezogene Schwester der Patientin, dass die Seniorin bisher immer noch recht rüstig und mobil gewesen sei. Noch 3 Tage zuvor sei sie am rechten Auge operiert worden.

Die Operation (eines grauen oder grünen Stars, hier ist sich die Schwester unsicher) sei wohl ohne Probleme durchgeführt worden. Medikamentös therapiebedürftige kardiale oder pulmonale Erkrankungen der Patientin werden von ihrer Schwester verneint.

Der Erstbefund

Die in Rückenlage liegende Frau reagiert auf lautere Ansprache des Notarztes mit Augenöffnung und zunächst gerichteter Blickwendung. Auf gestellte Fragen antwortet sie – bei erkennbar zunehmender Somnolenz – einsilbig mit „Ja“ oder „Nein“, dies aber wohl noch situationsadäquat.

Am Kopf ist eine temporale Schürfung feststellbar, jedoch keine tieferen Hautläsionen, keine lokalen Schwellungen oder Hämatome. Die Prüfung der Pupillenweite / Pupillenreaktion ergibt am operierten rechten Auge eine im Vergleich zur Gegenseite diskret erweiterte Pupille, mit leicht verlangsamter Licht- und Konvergenz-Reaktion.

  • Der Radialis-Puls ist etwas abgeschwächt um 70 /Minute tastbar. Palpatorisch keine Arrhythmie.
  • Blutdruck: 95/60 mmHg,
  • Atemfrequenz : 12 Züge/Minute,
  • Körperkerntemperatur: 36,0 °C
  •  Pulsoximetrie: SaO2 90%,
  • BZ-Stix: 105 mg/dl,
  • die EKG-Ableitung ist unauffällig.

Die orientierende Untersuchung der Wirbelsäule, der Thoraxregion, des Abdomens und der Extremitäten ergibt keine pathologischen Befunde

Erstmaßnahmen und Kontrolldiagnostik

  • Anlage einer stabilisierenden HWS-Orthese und Anlegen eines intravenösen Zugangs,
  • Lagerung der Patientin auf eine Vakuummatratze,
  • Erneute Pupillenkontrolle => Die Pupillendifferenz besteht unverändert

Bei der Vigilanzkontrolle – unmittelbar nach Umlagerung – wird eine progrediente Somnolenz festgestellt mit nur noch sehr schwacher, nicht mehr gerichteter Reaktion auf lautere Ansprache.

Periphere Reflexprüfung: Lebhafte Reflexe der unteren Extremität mit angedeuteten Muskelkloni. Babinski negativ.

Bei zunehmender Eintrübung der Patientin wird die Klärung der Aufnahme-Bereitschaft des ca. 50 Kilometer entfernten Klinikums der Maximalversorgung veranlasst und gleichzeitig auch die Verfügbarkeit eines RTH abgeklärt. Der infrage kommende RTH ist allerdings gerade im Einsatz.

Der diensthabende Arzt des Großklinikums wird nach Anforderung eines Arzt-zu-Arzt-Gesprächs telefonisch vom Befund der Patientin informiert.

Der Klinikarzt verweist anschließend auf die aktuell begrenzten Kapazitäten des Klinikums und rät zunächst das nächstgelegene Krankenhaus mit der Möglichkeit der CT-Diagnostik anzufahren. Befundabhängig könne man die Verletzte dann immer noch im Großklinikum aufnehmen.

Wie die Ärzte in der Klinik vorgehen, welche Diagnose gestellt wird und wie der Fall für die Patientin ausgeht, erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags.

  1. Müntefering G. Fall des Monats Februar 2020. AGNNW

Bildquelle: © Getty Images/gpointstudio (Symbolbild mit Modell)

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653