02. März 2021

Notfall des Monats

Betrunkener stürzt Treppe hinab

Ein 65-jähriger Mann stürzt die Treppe hinab und erleidet eine große Platzwunde am Kopf. Da der Patient stark alkoholisiert ist, verkompliziert sich der Einsatz des Notfallteams.

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Bericht wurde als “Fall des Monats” bei der Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen (AGNNW) veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung.1 Redaktion: Christoph Renninger

Informationen zur Vorgeschichte durch die RTW-Besatzung

Die RTW-Besatzung ist alarmiert worden nach einem Treppensturz eines 65-jährigen Mannes. Der Patient ist in alkoholisiertem Zustand eine 15-stufige steilere Treppe heruntergestürzt und, entsprechend den erkennbaren Blutspuren, vermutlich mit dem Kopf gegen die Kante eines dort befindlichen Eckschranks und anschließend auf den Steinboden geprallt.

Zwei im Haus anwesende Bekannte des Notfallpatienten halten sich in der ersten Etage des Hauses auf. Die beiden Männer sind alkoholbedingt zu Details des Unfallhergangs nicht auskunftsfähig.

Der Patient wird von der RTW-Besatzung auf dem Boden liegend und ansprechbar vorgefunden. Bei dem Sturz zieht sich der Patient eine schräg verlaufende langstreckigere Skalpierungsverletzung im Scheitelbeinbereich des Schädels zu mit zunächst wohl stärkerer Blutung.

Die Notfallsanitäter erhalten bei der Befragung des Mannes zum Unfallhergang und zur aktuellen Schmerzlokalisation alkoholbedingt keine verwertbaren Auskünfte. Sofort wird eine stabilisierende HWS-Orthese angelegt und der Patient unter Rekrutierung von 2 weiteren Hilfspersonen (hilfsbereite Bewohner des Nachbarhauses) vorsichtig auf ein Spineboard gelegt.

Die Skalpierungsverletzung wird bei nachlassender Blutung mit einem Kopfverband versorgt. Dann erfolgt der Austausch der HWS-Orthese gegen den Headblock des Spineboards.  

Der Patient wird anschließend – auf dem Spineboard mit Gurtsystem gesichert – in den RTW transportiert. Aufgrund der wechselnden Vigilanzzustände des alkoholisierten Patienten, mit auch längeren reaktionslosen Phasen, erfolgt zeitnah die Nachforderung des Notarztes.

Befund bei Eintreffen des Notarztes

Der 65-jährige Patient reagiert auf laute Ansprache mit verwaschener Sprache. Er ist zu den eigenen Stammdaten orientiert, zum Unfallhergang besteht Amnesie. Der Patient fragt wiederholt nach, was denn passiert sei?

Der Patient zeigt Unruhezustände und versucht, sich vom Spineboard aufzurichten, was das Gurtsystem des Spineboards verhindert. Erfreulicherweise kann er dann – mit moderater Handanlage – von der Notwendigkeit einer konsequenten Immobilisierung überzeugt werden und wird von der nun erforderlichen Überwachung in der Klinik informiert.

Notärztlicher Untersuchungsbefund und Erstmaßnahmen

  • Blutdruck: 105/70 mmHg
  • Puls: 105 /Min
  • Sauerstoffsättigung: 92 %

Der Kopfverband zeigt keine neueren frischeren Einblutungen. Bei der vorsichtigen Palpation sind keine Impressionen oder Konturstufen im Bereich der Schädelkalotte feststellbar.

Es bestehen keine Blutungen aus Nase oder Ohren. Die Pupillen sind mittelweit seitengleich. Reaktion auf Licht und Konvergenz ist vorhanden, aber erkennbar verlangsamt.

Der Patient klagt nun über Rückenschmerzen, die er bei vorsichtiger Palpation des Notarztes im zervikothorakalen Übergangsbereich und im LWS-Bereich lokalisiert. Die periphere Motorik und Sensibilität und der Reflexstatus der oberen und unteren Extremität sind unauffällig.

Bei der Extremitätenuntersuchung mit vorsichtig passiv geführten Arm- und Beinbewegung keine Anhaltpunkte für Extremitätenfrakturen, jedoch Schmerzangabe des Patienten im zervikothorakalen Übergang und LWS-Bereich, die periphere Sensibilität ist regelrecht.

Die orientierende Untersuchung von Thorax und Abdomen verläuft unauffällig. Eine Beckenistabilität besteht nicht. Ein intravenöser Zugang wird gelegt. Die Blutzucker-Messung ergibt einen Wert von 115 mg/ dl. Es erfolgt eine Infusion von kristalloider Infusionslösung.

Transportplanung

Es wird Kontakt mit der Zentralen Notaufnahme der in 30 Minuten erreichbaren Uni-Klinik aufgenommen.

Nach der notärztlichen Schilderung von Befund und Unfallhergang fragt der diensthabende leitende Arzt der zentralen Notaufnahme, ob bei noch ansprechbarem Patienten mit Schädeltrauma ohne signifikante Minderung des Glasgow-Coma-Scales nicht zunächst ein Schädel-CT in einem wohnortnahen Krankenhaus durchgeführt werden könnte.

Schilderungsgemäß handele es sich doch nicht um ein Verletzungsmuster, das unbedingt in einer Klinik der Maximalversorgung erstbehandelt werden müsse.

Welche Entscheidung das Notfallteam trifft, welche Diagnose gestellt wird und wie es dem Mann weiter ergeht, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags.

  1. Münteferin G. Notfall des Monats Juli 2020. AGNNW

Bildquelle: © Getty Images/ah_photobox

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