04. August 2020

Notfall des Monats

Junger Mann mit Überdosis Psychopharmaka

An einem Freitagabend geht der Notruf einer jungen Frau ein. Sie berichtet, dass ihr 27-jähriger Bruder in seiner Wohnung kollabiert sei. Der Notarzt und der Rettungswagen kommen fast gleichzeitig an einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt an. Die Anruferin führt das Rettungsteam in die Parterrewohnung. Erfahren Sie mehr über das Vorgehen der Rettungskräfte.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Bericht wurde als “Fall des Monats” bei der Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen (AGNNW) veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung.1 Redaktion: Christoph Renninger

Die Vorgeschichte des Notfalls

Die Frau berichtet dem Notarzt, dass bei ihrem Bruder vor ca. 2-3 Jahren eine psychotische Episode mit Unruhezuständen bestanden habe, die anschließend unter psychiatrischer Behandlung und einer Melperon- und Sertralin-Kombinationsmedikation zufriedenstellend behandelt werden konnte. Die neuroleptische Medikation konnte nach einem halben Jahr  wieder abgesetzt werden.

Am heutigen Abend sei sie nun von ihrem Bruder angerufen worden. Er habe berichtet dass er seit einigen Tagen im beruflichen und privaten Bereich einem für ihn erheblichen Stress ausgesetzt gewesen sei. Aufgrund der daraufhin wieder aufgetretenen Unruhezustände habe er am heutigen Abend 7 Tabletten von dem in seinem Medikamentenschrank noch vorhandenen Melperon eingenommen.

Kurze Zeit nach der Medikamenteneinnahme habe dann das Gefühl einer zunehmenden Atemnot eingesetzt. Er habe daraufhin seine Schwester angerufen. Als diese in der Wohnung eintraf, sei der verkrampft auf einem Stuhl sitzende Patient bei Wechsel zwischen schneller und stockender Atmung und Schwäche dann kurzzeitig kollabiert, erfreulicherweise ohne resultierendes Sturztrauma.

Die Situation vor Ort

Ein 27-jähriger Mann wird auf der Couch sitzend angetroffen. Der Patient ist wach und hebt den Kopf in Richtung Notarzt, als er ihn von der Seite anspricht.

Die Antwort des Patienten ist nun auffällig stockend mit immer wieder auftretenden Sprechpausen. Er gibt an, dass er phasenweise schlecht Luft bekäme.

Der Erstbefund:

  • Atemfrequenz: 8-10/Minute
  • Sauerstoffsättigung: 92%
  • keine Zyanose feststellbar
  • Radialis-Puls gut tastbar
  • Blutdruck: 115/80 mmHg
  • Puls: 110/Minute, rhythmische Herzaktion
  • EKG: Schmalkomplex-Tachykardie ohne weitere Auffälligkeiten

Die anamnestischen Angaben bezüglich der eingenommenen Melperon-Medikation ergibt für das vor Ort vorhandene und eingenommene Butyrophenon (100 mg) eine mögliche Gesamtdosis von 700 mg des Wirkstoffs. Es erfolgt die telefonische Kontaktaufnahme mit der Giftnotrufzentrale.

Die mitgeteilte Dosis des Wirkstoffs würde – nach Ansicht des Giftnotrufs – bei dem vom Aspekt eher untergewichtigen Patienten (Körpergewicht ca. 60-65 kg ) nahe an der gefährlichen Dosis des Butyrophenons von 10 mg/kg Körpergewicht liegen.

Der weitere Verlauf

Im Verlauf der Erstuntersuchung tritt dann bei dem Patienten ein zunehmend stockender Atemrhythmus auf. Insbesondere bei der Einatmung tritt wiederholt ein Stopp in der Inspirationsbewegung auf, wobei der Patient kurzzeitig  blau anläuft. Auf das Kommando des Notarztes „weiter zu atmen“, das durch Klopfen mit der flachen Hand auf den Rücken (zwischen den Schulterblättern) unterstützt wird, kann dieser Inspirationstopp dann rasch wieder gelöst werden.

Nun erfolgt  eine kurze Besprechung im Team hinsichtlich des weiteren Vorgehens. Die Durchsicht der im NEF mitgeführten Medikationsliste ergibt , dass das für Intoxikationen mitgeführte Medikationsspektrum annähernd der Bremer Intoxikationsliste, also der „Minimalliste“, entspricht.

Die sogenannte „Bremer Liste“ unfasst 5 Antidota:

  • Atropin (100 mg)
  • 4-Dimethylaminophenol (4-DMAP)
  • Naloxon
  • Toloniumchlorid
  • Aktivkohle

Mehrfache Atemstörungen treten auf

Das kurze Zeit später erneute Auftreten dieser Atemstörung kann ebenfalls durch lautere Aufforderung zum „Weiteratmen“ mit entsprechendem Klopfstimulus auf den Rücken beendet werden.

Die hier beschriebenen Atemstörungen treten anschließend mehrfach und in immer kürzeren Zeitabständen auf. Die nächste Klinik mit freiem Intensivbett liegt in 30-minütiger Entfernung.

Wie die Symptomatik eingeordnet wird, welche Diagnose die Rettungskräfte stellen und im weiteren Verlauf vorgehen, lesen Sie im zweiten Teil.

  1. Fall des Monats Februar 2019. Dr. Gerrit Müntefering, AGNNW

Bildquelle: © Getty Images/JimmyR

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