09. Februar 2021

Notfall des Monats

Betrunkener Mann kündigt Suizid an

Kurz vor Mitternacht wählt ein Mann den Notruf und gibt an, sich umbringen zu wollen. Polizei und Rettungskräfte machen sich ohne Sondersignal auf den Weg.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieser Bericht wurde als “Fall des Monats” bei der Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen (AGNNW) veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung.1 Redaktion: Christoph Renninger

Situation am Einsatzort

7 Minuten nach der Alarmierungsmeldung treffen Notarzt und Rettungswagen am Einsatzort ein, einem Mehrfamilienhaus in einer Kleinstadt, ein. Die Polizei ist noch nicht vor Ort. Daraufhin nochmalige Abfrage evt. weiterer Informationen bei der Rettungsleitstelle.

Von der Leitstelle können nur wenig beruhigende Auskünfte gegeben werden: Der Anrufer hätte seinen Suizid telefonisch angekündigt. Zeitgleich sei die Information der Polizei erfolgt. Der Anrufer ist bei den Ordnungshütern kein Unbekannter (illegaler Waffenbesitz, zeitweilige Beherbergung eines Kampfhundes in der Wohnung).

Die Polizei trifft 2 Minuten später an der Einsatzstelle ein. Die Polizeibeamten des ersten Einsatzfahrzeugs warten aufgrund des möglichen Gefahrenpotentials noch auf Verstärkung. Vom Notarzt wird auf die Dringlichkeit des Zugriffs hingewiesen. Ein zweiter Einsatzwagen trifft nach weiteren zwei Minuten ein.

Die Wohnung des Notfallpatienten befindet sich im 3. Obergeschoss des Mehrfamilienhauses. Nach Schellen bei den noch beleuchteten Wohnungen auf der Parterre-Ebene ist ein rascher Zugang der Beamten zum Treppenhaus möglich.

Nun Schellen die Beamten an der Wohnung des Anrufers, unter Klarstellung des Polizei-Einsatzes. Der Notfallpatient öffnet die Wohnungstür. Ein Kampfhund wird nicht angetroffen.

Mann unter Alkoholeinfluss

Deutlich wankendes Gangbild des Patienten bei Foetor alkoholicus. Rotes, leicht aufgequollenes Gesicht, verwaschene Sprache. Nun Abfrage des aktuellen Geschehens durch den Notarzt:

Der 40-jährige Mann berichtet mit leicht verwaschener und stockender Sprache, dass er jetzt mit allem Schluss machen wolle! (Dennoch ist aber eine demonstrative telefonische Vorankündigung des Suizidversuchs erfolgt ).

Der Mann gibt an, er habe die Tabletten von 2 Schachteln Ibuprofen, anderthalb Schachteln Paracetamol und 1 Schachtel Tavor geschluckt. Die Tablettenschachteln habe er bereits im zentralen Müllabwurfschacht des Mehrfamilienhauses entsorgt.

Außerdem habe er mehr als eine halbe Flasche Möbelpolitur getrunken. Es steht eine zu 2/3 geleerte Flasche Möbelpolitur auf dem Wohnzimmertisch. Zur getrunkenen Alkoholmenge kann bzw. will der Patient keine Angaben machen. Leere Tablettenblister finden sich nicht in der Wohnung.

Der Patient betont, dass er sterben will. Er ist auch bei der eingeleiteten Primärdiagnostik wenig kooperativ.

Erstdiagnostik und Erstmaßnahmen

Ein Alkoholtest der Polizei ist bei Widerstand des Patienten nicht möglich. Bei fortgesetztem Widerstand des Patienten und bestehender Vitalgefährdung wird der Mann von 3 Beamten überwältigt, mit Handschellenanlage.

Der Transport aus dem 3. Obergeschoss gestaltet sich anfangs schwierig, kurze Zeit später ist der Widerstand des Patienten etwas geringer. Eine Blutdruckmessung ist bei rückwärtiger Armfixierung möglich:

  • Blutdruck: 150 / 90 mmHg
  • Puls: 110 /Min.

Die pulsoxymetrische Bestimmung der Sauerstoffsättigung ist an den unruhigen Händen und bei Widerstand nicht durchführbar, ist aber am Ohr möglich: Sauerstoffsättigung: 90 %

Die unter Schwierigkeit kurzzeitig realisierbare EKG-Ableitung (Extremitäten-Ableitung) zeigt einen zumindest orientierend unauffälligen Befund. Ein intravenöser Zugang kann am proximalen Unterarm unter Schienen und Bindenfixierung gesichert werden.

Transport in die Klinik & Giftnotruf

Während des Transports zum 15 km entfernt gelegenen Krankenhaus mit Intensivbett und Dialyse-Möglichkeit, das laut Leitstelle nicht abgemeldet sei, erfolgt das Telefonat mit der Vergiftungszentrale einer nahegelegenen Uniklinik.

Nach Verbindungsaufbau soll rasch der Arztkontakt vermittelt werden. Nach 6 Minuten Warteschleife, dann die Mitteilung des Pflegers, dass der Arzt notfallmäßig involviert und unabkömmlich sei. Man solle es bei der Vergiftungszentrale Berlin versuchen.

Daraufhin sofortiger Telefon-Kontakt mit der Berliner Vergiftungszentrale. Hier ist die Telefon-Verbindung aber zeitweilig sehr schlecht und wird einmal unterbrochen.

Die Ärztin der Berliner Vergiftungszentrale informiert kurz über Petrodestillate, eventuell auch aromatische und halogenierte Kohlenwasserstoffe und Terpentinöl in Möbelpolituren und die hier mögliche Anwendung von Kohle pulvis  und Paraffinum subliquidum (pastösem Paraffinöl ). Ein Erbrechen des Patienten soll unbedingt verhindert werden. Die Frage der Berliner Ärztin nach der eingenommenen Paracetamol-Menge kann nicht gesichert beantwortet werden.

Eintreffen in der Notfallaufnahme

Während dieses 2.Telefonats trifft der RTW in der Notfallanfahrt des Krankenhauses ein. Die diensthabende Internistin empfängt das Rettungsteam bereits vor der Tür des Schockraums und teilt mit, dass sie keinen freien Intensiv-Versorgungsplatz hätten und seit einer Stunde abgemeldet seien. Hier sei offensichtlich eine Fehlinformation durch die Rettungsleitstelle erfolgt.

Daraufhin wird – auf Insistieren des Notarztes hin – der Hintergrunddienst der Abteilung angerufen und bestätigt am Telefon die Unmöglichkeit der Primärversorgung bei fehlendem Intensivbett.

Wie die Ärzte vorgehen, welche überraschenden Ergebnisse die Laboruntersuchung bringt und wie es dem Mann ergeht, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags.

  1. Müntefering G. Fall des Monats Mai 2020. AGNNW

Bildquelle: © Getty Images/Denis Torkhov

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