23. Juli 2019

Fast 400 etablierte Methoden ohne Grundlage

Eine Analyse von über 3000 klinischen Studien stellte bei knapp 400 im medizinischen Alltag etablierten Methoden keinen oder nur einen geringen Nutzen fest. Eine Kehrtwende bei der Anwendung findet jedoch nicht immer statt.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation bei eLife, die Christoph Renninger für Sie zusammengefasst hat.1

Studien aus renommierten Zeitschriften

Nicht alle Prozeduren und Therapien, die im Alltag in Praxis und Klinik angewandt werden, haben eine solide empirische Grundlage. Es gibt Bemühungen, wie die Initiative „Klug entscheiden“, die sich für evidenzbasierte Entscheidungen stark macht, doch manchmal fehlt die wissenschaftliche Basis oder sie widerspricht dem geläufigen Vorgehen, welches manchmal sogar in Leitlinien auftaucht.

US-amerikanische Wissenschaftler werteten 3017 randomisierte, kontrollierte Studien aus, die in den 3 führenden medizinsichen Fachzeitschriften (The Lancet, JAMA und New England Journal of Medicine) zwischen 2003 und 2017 veröffentlicht worden sind. Dabei stießen sie auf insgesamt 396 Studien, deren Ergebnis zu einer Änderung der gängigen Praxis führen sollte.

Die meisten Kehrtwenden betrafen kardiovaskuläre Krankheiten, gefolgt von Präventionsmaßnahmen und Intensivmedizin. Am häufigsten waren Medikamente betroffen, jedoch auch zu Verfahren, Nahrungsergänzung und Geräten gab es keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage für eine Empfehlung. Weitere Details der Studienergebnisse finden Sie in der Bildergalerie.

5 Beispiele für medizinische Wenden

  • Kompressionsstrümpfe und -strumpfhosen werden seit den 1930er-Jahren zur Prävention tiefer Venenthrombosen (TVT) eingesetzt. In US-amerikanischen Leitlinien wird die Nutzung zur Risikoreduktion von TVT und Lungenembolien empfohlen, obwohl ein Mangel an Studien zur Wirksamkeit bei Schlaganfall-Patienten besteht.

    Eine Lancet-Studie untersuchte die Pflege mit und ohne Kompressionstherapie bei Patienten nach einem akuten Schlaganfall. Es zeigte sich, dass kein Unterschied bei symptomatischen und asymptomatischen Venenthrombosen. Im Gegenteil traten bei der Gruppe mit der Kompressionstherapie mehr unerwünschte Ereignisse auf.2 Auch ein Cochrane-Review konnte keine Evidenz für einen Nutzen der Therapie nach einem Schlaganfall finden.3

  • Antibiotika-resistente Bakterien sind eine zunehmende Herausforderung und um ihre Ausbreitung zu vermindern, empfehlen die Centers for Diesease Control and Prevention (CDC) Vorsichtsmaßnahmen beim Kontakt mit Patienten. In einer JAMA-Studie jedoch wurden zwei Gruppen von Intensivstationen miteinander verglichen: eine hielt sich an das Standardprotokoll, in der anderen trugen alle Mitarbeiter bei jedem Patientenkontakt Handschuhe und Schutzkleidung.4

    Es fanden sich keine signifikanten Unterschiede bei der Verbreitung von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) und Vancomycin-resistenten Enterokokken (VRE). Daher scheint ein universeller Schutz bei allen Patientenkontakten nicht notwendig, so auch das Ergebnis eines systematischen Reviews.5

  • Die Antidepressiva Sertralin und Mirtazapin werden häufig bei älteren Patienten verordnet, Mirtazapin sogar als Mittel der ersten Wahl. Allerdings zeigte eine Studie, dass diese Medikamente bei Alzheimer-Patienten keinen Vorteil gegenüber Placebo haben.6 Ein Review bestätigte die Ergebnisse. 7

    Dies sollte zu einer Änderung der Behandlung von Depressionen bei dieser Patientengruppe führen, da die Erkrankung möglicherweise auf anderen Mechanismen als bei der Allgemeinbevölkerung beruht.

  • Zigarettenrauchen während der Schwangerschaft erhöht das Risiko für Geburtskomplikationen und Frühgeburten. Trotzdem rauchen zwischen 6 und 22% der Schwangeren in Industrieländern. Eine verhaltenstherapeutische Beratung und eine Nikotinersatztherapie werden in verschiedenen Leitlinien empfohlen. Doch eine NEJM-Studie zeigte keinen Vorteil von Nikotinpflastern im Vergleich zu Placebo bei der Raucherentwöhnung der Frauen. 8^

    Auch laut einem Cochrane-Review gibt es keine Evidenz für positive oder negative Effekte einer Nikotinersatztherapie auf den Verlauf und Ausgang der Schwangerschaft.9

  • In der Vergangenheit empfahl die Amerikanische Krebsgesellschaft für Frauen zwischen 40 und 49 Jahren alle 1-2 Jahre eine Mammographie. Allerdings ist der Nutzen für Frauen unter 50 nicht belegt. In einer Studie mit über 160.000 Frauen zeigte sich beim Vergleich zwischen Frauen, die zwischen 40 und 48 jährlich zum Screening gingen und einer Kontrollgruppe ohne Mammographie keine Unterschiede bei der Brustkrebsmortalität.10

    Ein Cochrane-Review fasst zusammen, dass die Chance, das eine Frau vom Screening profitiert gering ist, und das Risiko einer Fehldiagnose und daraus folgender Schäden wesentlich höher ist.11

Unabhängige Studien für bessere Medizin

Die Autoren betonen, dass die Abkehr von ineffizienten medizinischen Praktiken zu einer Verbesserung der Patientenversorgung und auch einer Kostenreduktion für das Gesundheitssystem führen könne. Allerdings ist es ihrer Ansicht nach schwierig eine Methode wieder abzuschaffen, wenn sich diese erst etabliert hat. Meist geschieht dies nur langsam und unter Widerstand.

Außerdem weisen sie auf die Bedeutung unabhängiger und staatlich finanzierter Studien hin, da die Mehrheit der Studien (63,9%), die zu einer Kehrtwende führen (sollten) aus diesem Bereich stammten. Im Gegensatz dazu wird knapp die Hälfte aller klinischen Studien von pharmazeutischen Unternehmen gesponsort.

  1. Herrera-Perez D et al. Meta-Research: A comprehensive review of randomized clinical trials in three medical journals reveals 396 medical reversals. eLife 2019; 8: e45183
  2. Dennis M et al. Effectiveness of thigh-length graduated compression stockings to reduce the risk of deep vein thrombosis after stroke (CLOTS trial 1): a multicentre, randomised controlled trial. The Lancet 2009; 373:1958–1965
  3. Naccarato M et al. Physical methods for preventing deep vein thrombosis in stroke. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010; 8: CD001922
  4. Harris AD et al. Universal Glove and Gown Use and Acquisition of Antibiotic-Resistant Bacteria in the ICU A Randomized Trial. JAMA 2013; 310: 1571– 1580.
  5. De Angelis G et al. Infection control and prevention measures to reduce the spread of vancomycin-resistant enterococci in hospitalized patients: a systematic review and meta-analysis. Journal of Antimicrobial Chemotherapy 2014;69(5): 1185–1192
  6. Banerjee S et al. Sertraline or mirtazapine for depression in dementia (HTA-SADD): a randomised, multicentre, double-blind, placebocontrolled trial. The Lancet 2011; 378: 403–411.
  7. Orgeta V et al. Efficacy of Antidepressants for Depression in Alzheimer’s Disease: Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Alzheimer’s Disease 2017; 58(3): 725-733.
  8. Coleman T et al. A randomized trial of nicotine-replacement therapy patches in pregnancy. New England Journal of Medicine 2012; 366: 808–818.
  9. Coleman T et al. Pharmacological interventions for promoting smoking cessation during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015; 12: CD010078
  10. Moss SM et al. Effect of mammographic screening from age 40 years on breast cancer mortality at 10 years’ follow-up: a randomized controlled trial. The Lancet 2006; 368: 2053–2060.
  11. Gøtzsche PC & Jørgensen KJ. Screening for breast cancer with mammography. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013; 6: CD001877

Bildquelle: © Getty Images/Marta Ortiz

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