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Klinik-Wissen kompakt

31. März 2025
Medizinische Versorgung im Ernstfall

„Wenn uns das jetzt trifft, sind wir blank“

Angesichts einer zunehmend angespannten Weltsicherheitslage fordern Chirurgen mit deutlichen Worten eine bessere Vorbereitung Deutschlands für den Ernstfall hinsichtlich der medizinischen Versorgung. Andere Länder sind bereits weiter.

Lesedauer: ca. 6 Minuten

„Wenn uns das jetzt trifft, sind wir blank“
Bei einem militärischen Ernstfall wäre Deutschland schlecht auf eine Lage mit vielen Verletzten vorbereitet, so die Chirurgen. (Foto: Getty Images | Keikona)

Autorin: Ute Eppinger

Sichere Chirurgie beim Massenanfall von Verletzten – sind wir vorbereitet? Die Sicherheitslage in Deutschland und Europa hat sich durch die Positionierung der US-Regierung auf der Münchner Sicherheitskonferenz und Präsident Trumps Umgang mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj deutlich verschärft.

Die zivil-militärische Zusammenarbeit zum Schutz der Bevölkerung müsse implementiert werden, forderten die chirurgischen Fachgesellschaften im Rahmen des 142. Deutschen Chirurgie Kongresses „Sichere Chirurgie für alle“.

Im Interview erklärt Prof. Dr. Dietmar Pennig, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), weshalb wir derzeit auf den Ernstfall nicht wirklich vorbereitet sind und was jetzt getan werden muss.

„Wenn uns das jetzt trifft, sind wir blank“
(Foto: picture alliance/dpa | Soeren Stache)

In den vergangenen drei Jahren hat Deutschland einen großen Teil der Kriegsopfer aus der Ukraine aufgenommen und medizinisch versorgt. Welche Rolle spielen die 48 Netzwerke des TraumaNetzwerk DGU® für die Versorgung Schwerverletzter?

Pennig: Die Schockraumkapazität, die Verfügbarkeit von Operationssälen und die Intensivkapazität stellen das Nadelöhr in der Versorgung dar. Die mehr als 630 zertifizierten Kliniken des TraumaNetzwerks mit insgesamt mehr als 35.000 Betten im Bereich Unfallchirurgie sind unverzichtbar, sie garantieren die Aufnahme von Schwerverletzten rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr und verhindern über die internen Kommunikationsstrukturen im Netzwerk eine lokale Überlastungssituation.

Wie ist das bei einem Massenanfall von Verletzten? Bei einem militärischen Ernstfall wie dem Bündnisfall oder im Fall der Landesverteidigung? Mit wie vielen Verletzten wäre zu rechnen und sind wir darauf vorbereitet?

Pennig: Würde der militärische Ernstfall eintreten, wäre Deutschland im NATO-Szenario Aufmarschgebiet mit 700.000 Soldatinnen und Soldaten. Aufmarschgebiete werden angegriffen, das ist die Kriegsrealität.

Wir müssten dann mit 1.000 Verletzten pro Tag rechnen, davon 250 Schwerstverletzte. Im TraumaRegister DGU® ist für das Jahr 2023 die Versorgung von 31.217 Schwerverletzten dokumentiert. Umgerechnet auf einen Tag sind das 85 Schwerverletzte pro Tag, die in unseren Strukturen versorgt werden müssen.

Im Ernstfall, also in einer Kriegssituation aber wären das 250 Schwerverletzte – das wäre eine Faktor-3-Steigerung. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Wenn uns das jetzt trifft, sind wir blank. Weder ist die ärztliche Realität einer solchen Situation angepasst, noch sind die Strukturen in den Krankenhäusern dafür eingerichtet.

Stichwort ärztliche Realität: Mit welchen Verletzungen bekämen Sie es zu tun?

Pennig: Das sind vollkommen andere Verletzungen als das, was der Orthopäde und Unfallchirurg in seiner Laufbahn gesehen hat. Es sind in aller Regel stumpfe Verletzungen – Verkehrsunfälle, Arbeitsunfälle.

Die Realität beim Kriegsverletzten sind aber abgerissene Gliedmaßen, offene Körperhöhlen, schwerste Weichteiltraumata und kontaminierte Regionen, weil die Körperoberfläche durch die Explosionswirkung nach innen verschleppt wird. Also ein völlig anderes Bild.

Die DGU bietet – gemeinsam mit anderen chirurgischen Fachgesellschaften – seit sieben Jahren Kurse für Terror-und Disaster-Surgical Care an. Wie werden diese Kurse finanziert und reichen sie aus?

Pennig: Wir haben bislang 900 Absolventen in diesen Kursen gehabt, nach unserer Kalkulation brauchen wir aber mindestens weitere 3.000 Ärztinnen und Ärzte, die in diesem Bereich geschult sind. Und wir brauchen auch entsprechend geschulte Pflegekräfte.

Die Kurse veranstalten wir seit sieben Jahren, sie kosten knapp 1.700 Euro und werden entweder von den Krankenhäusern bezahlt oder von den einzelnen Personen. Das ist ein Zustand, den wir so nicht hinnehmen können, denn es geht hier um die Daseinsvorsorge, die Sache der Politik ist.

Wie reagiert die Politik?

Pennig: Das Land Baden-Württemberg hat uns jetzt gerade gebeten, zehn Kursplätze für Krankenhausärzte zu reservieren. In Anbetracht der Zahl, mit der wir kalkulieren ist das überschaubar, aber es ist zumindest ein Signal, dass einige in der Politik das verstanden haben und sich auf den Weg machen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Saarland.

Pennig: Ja, im Saarland sind diese Kurse schon seit einiger Zeit Bestandteil des Portfolios des Sozialministeriums. Das Land finanziert die Übungen und die Infrastruktur.

Dort sind die unfallchirurgischen Kliniken als kritische Infrastruktur eingestuft, das heißt, im Rahmen eines Sicherstellungsauftrags bestehen andere Zugriffsmöglichkeiten.

Im Ernstfall kann beispielsweise einfach angeordnet werden, dass alle Patienten mit Hautkrankheiten nach Hause geschickt werden, um Leichtverletzte versorgen zu können. Solche Zugriffsrechte brauchen wir. Das kann in einem föderalistischen Land wie Deutschland nicht von heute auf Morgen klappen, das braucht Vorbereitung, Bereitschaft und ein Einsehen der Politik.

Es fehlt ja nicht nur an entsprechend ausgebildeten Ärzten und Pflegepersonal, richtig?

Pennig: Es müssen Kommunikationskonzepte entwickelt werden, ein Krieg heutzutage wird hybrid geführt. Beispiel: Ein Krankenhaus wird von einem russischen Hacker angegriffen, möglichst noch eine Universitätsklinik, und plötzlich ist die Kommunikation stillgelegt. Da braucht man einen Plan B über beispielsweise ein SMS-gestütztes System.

Wie sieht es mit der Logistik aus?

Pennig: Im Moment ist die Bereitstellung von Sterilgut in nahezu allen Kliniken just in time. Man hat genug Siebe für einige Tage, aber im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung wäre das längst nicht ausreichend.

Wir brauchen steril verpackte Notfallinstrumentarien, die müssen mindestens fünf Jahre haltbar sein, das ist in unserem Bereich im Wesentlichen der Fixateur extern. Diese Materialien müssen beschafft und eingelagert werden. Haben wir die nicht zur Verfügung dann sind wir – bei drohender Unterbrechung der Lieferketten durch einen Angriff – sehr schnell nicht mehr in der Lage zu operieren.

Würden wir an einem Mittwoch mit einer solchen Situation konfrontiert, dann wäre am Wochenende keine andere Operation mehr möglich, weil wir dann alle Instrumente verbraucht haben. Lieferketten werden mit Sicherheit unter Beschuss geraten und dann wird Material fehlen. In den 630 Krankenhäusern des TraumaNetzwerkes müssen diese Fixateure eingelagert werden. Eine zentrale Bevorratung ist keine gute Idee, weil auch dann wieder die direkte Verfügbarkeit nicht gewährleistet wäre.

Wie sieht es in anderen Ländern aus? Sind die besser vorbereitet?

Pennig: Man muss nur in die Statistik der Bundesärztekammer schauen wie viele Orthopäden und Unfallchirurgen wir im Sanitätswesen der Bundesrepublik haben, das sind gerade mal 150.

Frankreich, mit einer Bevölkerung von etwas über 68 Millionen Einwohnern, hat mehr als 1.000 Militärchirurgen. In den USA rotieren pro Halbjahr 50.000 Ärztinnen und Ärzte aller Fachdisziplinen in die Militärkrankenhäuser, die Veteran Hospitals. Die Kosten dieser sechsmonatigen, speziellen Ausbildung trägt der Staat. Wir hingegen sind Lichtjahre davon entfernt eine staatliche Förderung unserer Weiterbildung zu bekommen – aber genau das müssen wir einfordern.

Andere Länder haben Hospitalschiffe und Hospitalzüge. Deutschland? Fehlanzeige. Wir haben uns militärisch komplett rückgebaut und das fällt uns jetzt leider auf die Füße. Es reicht nicht aus, Fregatten zu bestellen und Panzer fahren zu lassen – wir müssen die Bevölkerung schützen und die Bevölkerung versorgen. Denn die normalen Unfälle, die normalen Krankheitsbilder treten ja weiterhin auf. Was wir bei einem Massenanfall leisten müssen, kommt on top. 

Wie hoch schätzen Sie die Kosten, was muss jetzt investiert werden?

Pennig: Neben den Fortbildungsmaßnahmen und der Einlagerung von Material brauchen wir auch eine Krisenschulung der 48 TraumaNetzwerke, denn der Krieg macht an der Grenze nicht halt. Die Krankenhäuser des TraumaNetzwerks müssen diesen Ernstfall üben. Dazu muss man sie vom Netz nehmen.

Ein mittelgroßes Krankenhaus rechnet etwa 100.000 Euro an Kosten und Erlösausfällen pro Tag. Das kann man den Kliniken in der heutigen Situation nicht mehr zumuten, das muss staatlich abgefedert werden. Wir brauchen eine Anerkennung der TraumaNetzwerke mit den Krankenhausfachabteilungen als kritische Infrastruktur und damit den besonderen Schutz des Gesetzgebers.

Wir haben kalkuliert und wenn man das alles zusammenzählt: Die Fortbildungsmaßnahmen, die Übungen für den Krisenernstfall und die Einlagerung von Material, bezogen auf die 35 000 Betten, – dann liegen wir bei einer Gesamtsumme von etwa 480 Millionen Euro, die investiert und im Haushalt eingestellt werden müssen.

Ist der Politik klar, was alles fehlt, wie wenig vorbereitet wir sind?

Pennig: Mit dieser Forderung sind wir natürlich an die Politik gegangen, um sie in die jetzt laufenden Koalitionsverhandlungen zu tragen und dort hoffentlich entsprechende Resonanz zu finden. Karl-Josef Laumann und Katja Pähle, die die AG Gesundheit und Pflege dazu leiten, haben von uns ein Schreiben bekommen, das 10 Punkte für eine zukunftssichere Notfall- und Katastrophenversorgung auflistet. Das ist noch ein langer Weg und uns läuft die Zeit davon.

Deshalb müssen wir uns auf den Weg machen. Ich habe Familie, ich habe Kinder, ich habe ein Enkelkind und ich möchte mir nicht sagen lassen, dass ich das doch gewusst und als Generalsekretär aber geschwiegen habe. Es ist wichtig, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen und ins Bewusstsein zu tragen.

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch.

Dieser Beitrag ist im Original bei Medscape.com erschienen.

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