05. April 2019

Anästhesie: Diese Medikamente sollten Sie vorher absetzen

Moderne Narkoseverfahren sind zunehmend sicherer geworden. Gleichwohl gibt es noch Medikamente, die vor einer Narkose abgesetzt werden sollten. Erfahren Sie hier, um welche es sich handelt.1

Lesedauer: 4 Minuten

Der folgende Beitrag beruht auf einer Übersichtsarbeit in der aktuellen Arzneiverordnung in der Praxis1 der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Mortalität infolge von Narkosen deutlich gesunken

Die anästhesieassoziierte Mortalität konnte in den letzten 40 Jahren deutlich gesenkt werden. Auch schwere lebensbedrohliche Nebenwirkungen wie anaphylaktischer Schock oder Leberzellnekrosen durch Narkosemedikamente sind in den letzten Jahren selten, schreiben die Autoren Dr. Mathias J, Schreiner und Prof. Dr. Franz Kehl vom Städtischen Klinikum Karlsruhe.1

Dies sei auf Verbesserungen in der Gerätetechnik und den Narkoseverfahren, insbesondere auch beim Atemwegsmanagement sowie auf die heute zur Verfügung stehenden Narkotika zurückzuführen.

Da die heute verfügbaren volatilen Anästhetika Leber und Niere praktisch nicht belasten, hat sich ein Wandel vollzogen: Wurden früher bei Patienten mit einer vorgeschädigten Leber volatile Anästhetika eher gemieden, werden diese heute bevorzugt eingesetzt, da sie die Leber nicht belasten, eine quantitativ zu vernachlässigende Metabolisierungsrate aufweisen und sich sogar durch organprotektive Effekte auszeichnen.2

So lautet die Empfehlung heute, die volatilen Anästhetika Isofluran, Sevofluran und Desfluran bei bestimmten Vorerkrankungen zu bevorzugen, wie zum Beispiel bei kardiovaskulär vorerkrankten Patienten, betonen die Autoren.2

Begleitmedikation: Zwei zentrale Fragen

Folgende Fragen hinsichtlich der Begleitmedikation sind vor einer Narkose zu klären:

1. Gibt es Arzneimittelinteraktionen mit den verwendeten Anästhetika? Direkte Interaktionen sind selten und betreffen zum Beispiel die Gabe von Pethidin bei Patienten, die mit Monoaminoxidasehemmern (MAO-Hemmer) behandelt werden (s. Tabelle unten).

2. Gibt es pharmakodynamische Wirkungen, die die Ziele einer modernen Narkoseführung kompromittieren? Hier gilt die 10-N-Regel: Normovolämie, Normotension, Normokapnie, Normoglykämie, Normofrequenz, Normoxämie, Normothermie, Normonatriämie, No fear, No pain.

Antihypertonika und Antidiabetika

Als unabhängiger Prädiktor für eine perioperative Mortalität gilt nach heutigen Erkenntnissen das Auftreten von arteriellen Hypotonien unter Narkose. So konnte ein Zusammenhang zwischen kardialen Ereignissen und der Häufigkeit des Auftretens einer Niereninsuffizienz in Abhängigkeit eines mittleren arteriellen Blutdrucks von unter (MAP) <55 mmHg und der Dauer der hypotonen Phase nachgewiesen werden.4,5 Ziel sollte es daher sein, Hypotonien während der Narkose zu verhindern. Alle Medikamente, die den Blutdruck senken, müssen daher weggelassen werden.

Ein weiteres praxisrelevantes Beispiel des Einflusses der Dauermedikation unter Narkose betrifft die Gabe von Antidiabetika. Das Ziel ist es, eine Normoglykämie während der Narkose aufrecht zu erhalten. Dabei soll sowohl eine Hypoglykämie als auch eine Hyperglykämie vermieden werden.

Besonderheiten der oralen Antidiabetika

  • Metformin ist das am häufigsten verordnete orale Antidiabetikum in Deutschland und muss bei Patienten mit Typ II Diabetes immer in Betracht gezogen werden. Eine seltene aber potenziell tödliche Komplikation ist die Laktatazidose im perioperativen Verlauf. Wenn sie auftritt, ist die Mortalität mit 39–50 %, hoch. Nach heutiger Sichtweise ist die Hauptdeterminante einer Laktatazidose im Zusammenhang mit Metformin nicht die Interaktion mit einer Allgemeinanästhesie, sondern die Kumulation bei einer höhergradigen Niereninsuffizienz mit Reduktion der glomerulären Filtrationsrate. Diese kann präoperativ bestehen, oder sich auch postoperativ entwickeln.

    Wichtig: Eine nicht angepasste Dosierung bei reduzierter glomerulärer Filtrationsrate ist daher der Hauptgrund für eine Laktatazidose, weshalb Metformin entsprechend 48 Stunden vor dem Eingriff pausiert werden sollte.6

  • SGLT-2-Inhibitoren hemmen die renale Glukosereabsorbtion. Der antihyperglykämische Effekt ist abhängig von der Ausscheidung der Nierenfunktion. Ab einer GFR von < 60 ml/min, ist der Einsatz der SGLT-2-Inhibitoren nicht mehr wirksam. Es sind Fälle von normoglykämischer Ketoazidose unter SGLT-2-Medikationen beschrieben. Vom Hersteller wurde auf die Notwendigkeit des Absetzens der SGLT-2-Inhibitoren bei akuten Erkrankungen und größeren chirurgischen Eingriffen hingewiesen. In den Fachinformationen findet sich keine Festlegung auf die präoperative Einnahmepause.

    Empfehlung: Aus Sicherheitsgründen empfehlen die Autoren ein 48-stündiges präoperatives Pausieren der Medikamenteneinnahme. Es sollte postoperativ erst bei normaler Nierenfunktion fortgeführt werden.

Ältere Patienten

Im älteren Patientenkollektiv geht die Gabe von Medikamenten mit einem höheren Risiko für das Auftreten eines Delirs einher. Hier sind vor allem Pethidin, Antihistaminika, Spasmolytika, trizyklische Antidepressiva und Atropin zu erwähnen.

Tabelle: Wichtige Dauermedikamente in der Übersicht

Die Autoren haben die Empfehlungen im Umgang mit präoperativ und präanästhesiologisch bestehenden Dauermedikamenten tabellarisch zusammengefasst. Sie finden sie in der folgenden Bildergalerie:

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653