06. Februar 2020

MB-Monitor 2019

Klinikarbeit macht Ärzte krank

Permanente Arbeitsüberlastung, hoher Zeitdruck und immer mehr Bürokratie – so sieht der Berufsalltag vieler angestellter Ärzte in Krankenhäusern aus. Der Marburger Bund hat in seinem MB-Monitor die Arbeitsbedingungen und die Gesundheit von Ärzten analysiert.

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf der Mitgliederbefragung des Marburger Bundes 2019 (MB-Monitor).1 Redaktion: Christoph Renninger

Arbeitszeit vs. Gesundheit

74% der mehr als 6400 befragten Ärzte gaben in der Online-Umfrage an, dass sich die Gestaltung ihrer Arbeitszeiten negativ auf die eigene Gesundheit auswirke. Dies kann sich beispielsweise in Form von Schlafstörungen oder häufiger Müdigkeit äußern. Bei der Frage nach der Schlafqualität bewerteten sie 16% als schlecht oder sehr schlecht. Die psychische Belastung war bei 15% der Klinikärzte schon so stark, dass sie in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung waren.

Gerade einmal 27% schaffen es im Arbeitsalltag auf die eigene Gesundheit zu achten, 11% gehen sehr nachlässig mit ihrer Gesundheit um. Bei der Mehrheit (62%) ist das Bewusstsein für die Problematik zwar ausgeprägt, sie schaffen es aber dennoch nicht, mehr auf das eigene Wohlbefinden zu achten. Für die notwendigen Ruhepausen bleibt allerdings oft keine Zeit. 19% der Klinikärzte verzichten täglich auf ihre geforderten Arbeitspausen, bei 41% ist dies mehrmals in der Woche der Fall. Nur 10% können stets ihre Pausenzeiten einhalten.

Wochenarbeitszeit: Wunsch & Wirklichkeit

Ein Großteil der Ärztinnen und Ärzte (41%) arbeitet 49 bis 59 Stunden in der Woche inklusive aller Dienste und Überstunden. Mehr als ein Fünftel (22%) gibt an, 60 bis 80 Stunden pro Woche im Einsatz zu sein. 36% der Befragten haben eine tatsächliche Wochenarbeitszeit von weniger als 49 Stunden. Die Antwort auf die Frage nach der bevorzugten Wochenarbeitszeit offenbart eine große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Denn eigentlich wünschen sich mehr als 90% der Befragten eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von maximal 48 Stunden inklusive aller Dienste und Überstunden. Nur 9 % bevorzugen eine Wochenarbeitszeit von durchschnittlich mehr als 48 Stunden.

Angestellte Ärzte leisten durchschnittlich 6,7 Überstunden pro Woche. Etwa ein Fünftel (21%) gibt sogar an, wöchentlich 10 bis 19 Überstunden zu leisten. Bei 47% der Befragten werden diese überwiegend mit Freizeit ausgeglichen und bei 28 Prozent überwiegend vergütet. Etwa ein Viertel der Ärzte (26%) geht leer aus und erhält weder Freizeitausgleich noch Vergütung. Bemerkenswert ist, dass sich die große Mehrheit der Ärzte (84%) für ihre Überstunden einen Freizeitausgleich wünscht; nur 16% möchten ihre Überstunden vergütet bekommen.

Zeitfresser Bürokratie und Ruf nach Unterstützung

Viel Zeit für die Patientenversorgung geht durch administrative Tätigkeiten verloren. Der tägliche Zeitaufwand für Verwaltungstätigkeiten und Organisation (z.B. Datenerfassung und Dokumentation, OP-Voranmeldung), die über rein ärztliche Tätigkeiten hinausgehen, ist weiter angestiegen. Im MB-Monitor 2013 gaben erst 8% der Befragten an, mehr als 3 Stunden pro Tag mit Verwaltungstätigkeiten befasst zu sein. Im Jahr 2015 waren es schon 13%, die ihren täglichen Zeitaufwand für Verwaltungstätigkeiten auf mehr als 3 Stunden schätzten.

2 Jahre später verdoppelte sich der Anteil: 26 % sagten, sie würden mehr als drei Stunden am Tag mit Verwaltungstätigkeiten befasst sein. In der jüngsten Mitgliederbefragung des Marburger Bundes ist dieser Prozentanteil erneut gestiegen: Nunmehr schätzen 35% der Ärzte den Zeitaufwand für Verwaltungstätigkeiten und Organisation auf mindestens 4 Stunden pro Tag.

Unterstützung bei der Arbeit erhoffen sie sich angesichts der zeitraubenden administrativen Tätigkeiten vor allem von Verwaltungsmitarbeitern und Sekretariaten (77%). Mit größerem Abstand folgt der Wunsch nach Unterstützung durch die Pflege (46%) und andere Berufsgruppen, wie Physio- bzw. Ergotherapeuten, Psychologen oder Physician Assistants.

Informationen zum MB-Monitor

In der alle 2 Jahre durchgeführten Online-Umfrage des Marburger Bundes nahmen im Jahr 2019 insgesamt 6474 Ärzte teil. Dabei war erstmals die Mehrheit (51%) weiblich. Die am stärksten vertretenen Altersgruppe waren die 31-40-Jährigen (38 %) sowie die 41-50-Jährigen (21 %). Hinsichtlich der Geschlechter- und Altersverteilung ist die Umfrage repräsentativ für die deutsche Kliniklandschaft.

Die meisten Umfrageteilnehmer waren Ärzte in der Weiterbildung (42%), es folgten Oberärzte (24%) und Fachärzte (23%). Die meisten Befragten waren in kommunalen Krankenhäusern beschäftigt (39 ), gefolgt von Universitätskliniken (18), kirchlichen Kliniken (16%) und Kliniken privater Träger (16%). Dabei sind 32% in Krankenhäusern mit mehr als 800 Betten berufstätig.

  1. MB-Monitor 2019: Überlastung führt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Marburger Bund, Januar 2020

Bildquelle: © Getty Images/PRImageFactory

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