14. April 2021

Lazarus-Phänomen: Wenn Tote wieder auferstehen

Immer wieder wird von Fällen berichtet, in denen Patienten mit Herzstillstand nach erfolgloser Beendigung der Reanimationsmaßnahmen einen Spontankreislauf zurückerlangen. Ein aktueller Review untersucht, welche Faktoren dazu beitragen und wie das Auftreten verhindert werden kann.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Auto-Reanimation: Belastend für medizinisches Personal und Angehörige

Das Lazarus-Phänomen (Auto-Reanimation) beschreibt die spontane Rückkehr des Kreislaufs, nachdem die eigentlichen Reanimationsmaßnahmen infolge eines Herzstillstandes ohne Erfolg eingestellt wurden. In der Literatur wurde das Phänomen erstmals 1982 beschrieben.

Auto-Reanimationen wurden sowohl in klinischen als auch in ambulanten Situationen beobachtet. Internationale Befragungen haben gezeigt, dass zwischen 37% und 50% der Notfall- und Intensivmediziner das Phänomen bereits erlebt haben.

Das Auftreten einer Auto-Reanimation kann belastend für medizinisches Personal und Angehörige sein und möglicherweise zur Frage führen, ob die Reanimationsmaßnahmen korrekt durchgeführt oder zu früh beendet wurden.  

63 Fallberichte – vollständige Erholung in rund 30% der Fälle

Ziel der im Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergengy Resuscitation veröffentlichten Studie war es, aus den Fallberichten Faktoren für das Auftreten des Lazarus-Phänomens zu identifizieren um daraus praktische Maßnahmen abzuleiten, um die Wahrscheinlichkeit des Auftretens zu minimieren.

Hierzu wurden 1372 Publikationen untersucht, unter denen 63 Patientenfälle identifiziert wurden, in denen das Lazarus-Phänomen retrospektiv beschrieben wurde. Die Fallberichte mussten dabei den folgenden Kriterien entsprechen:

  • Herzstillstand des Patienten mit anschließender Herz-Lungen-Wiederbelebung.
  • Bei der Wiederbelebung wird ein Punkt erreicht, an dem angenommen werden muss, dass der Patient verstorben ist.
  • Der Patient wird für tot erklärt und alle weiteren Interventionen abgebrochen.
  • Später werden Vitalzeichen wie Atembewegungen beobachtet, die länger als einige Sekunden andauerten, sodass die Patientenversorgung wieder aufgenommen werden muss.

Von den 63 beschriebenen Fallberichten erreigneten sich 34 außerklinisch und 29 in stationärem Setting. Das mittlere Alter der Patienten betrug 61 Jahre. Über zwei Drittel der beschriebenen Auto-Reanimationen trat bei Patienten mit einem Alter von über 60 Jahren auf. In den meisten Fällen wurde bei Abbruch der Reanimation eine Asystolie festgestellt. Die mediane Dauer der Wiederbelebungsmaßnahmen betrug 30 Minuten. In 14 der 63 Fälle wurden die Maßnahmen weniger lang als die empfohlenen 20 Minuten durchgeführt.

In knapp der Hälfte der Fälle wurden Lebenszeichen weniger als fünf Minuten nach dem Ende der Reanimationsmaßnahmen festgestellt, weitere 22% zeigten Lebenszeichen nach 6-10 Minuten. Nur vereinzelt traten Lebenszeichen mehrere Stunden nach dem vermeintlichen Tod auf. In 22 der 63 Fälle überlebten die Patienten, 18 davon (28%) erholten sich vollständig ohne neurologische Schäden. 41 verstarben – der Großteil an hypoxischer Hirnschädigung oder aufgrund kardialer Probleme.

Gründe für das Lazarus-Phänomen – und Maßnahmen zur Vermeidung

Die Erkenntnis, dass sich in rund 30% der beschrieben Fälle die totgeglaubten Patienten wieder vollständig erholten, unterstreicht die Bedeutung des Phänomens und lenkt den Blick auf die Reanimationspraxis und die Entscheidung darüber, wann diese beendet werden sollte, sowie die Feststellung des Todes. Die Auto-Reanimation trat in den untersuchten Fällen meist nach der Herz-Lungen-Wiederbelebung infolge eines nicht-traumatischen Herzstillstandes auf.

Das internationale Autorenteam führt daher das Phänomen auf die verzögerte Wirkung medizinischer Interventionen während der Reanimation zurück, wobei ein klarer Mechanismus, der zur Autoreanimation geführt hat, nur in wenigen Fällen identifiziert werden konnte.

Aus den Schlussfolgerungen der Autoren der einzelnen Fallberichte, haben die Studienautoren fünf Maßnahmen abgeleitet, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Auto-Reanimation verringern sollen:

  1. Die Wiederbelebungsmaßnahmen bei Herzstillstand sollten 20 Minuten andauern. In 22% der untersuchten Fälle wurde diese Zeitspanne nicht eingehalten.
  2. Nach erfolglosen Defibrillationsversuchen sollten die Reanimationsmaßnahmen nicht unmittelbar eingestellt werden, da es nach der Defibrillation eine transiente Asystolie auftreten kann.
  3. Eine zu intensive Beatmung bei der kardiopulmonalen Reanimation soll vermieden werden, um keine Hyperinflation zu verursachen.
  4. Bei refraktärem Herzstillstand sollten die Reanimationsmaßnahmen nicht eingestellt werden, wenn ein potenziell behandelbarer Herzrhythmus vorliegt.
  5. Nach erfolgloser Beendigung der Reanimationsmaßnahmen sollte der Patient bis zu zehn Minuten überwacht werden. Bei einer zehnminüten EKG-Überwachung traten in den beschriebenen Fällen 69% der Auto-Reanimationen auf, bei fünfminütiger Beobachtung waren es nur 47%.

Als mögliche Einschränkung ihrer Arbeit geben die Autoren an, dass ältere Fälle in gedruckter Form möglicherweise nicht mehr verfügbar waren. Viele Fallberichte enthielten zu wenige Daten, um in den Review aufgenommen zu werden.

Häufig wurde auch die kontinuierliche Überwachung der Patienten nach erfolgloser Reanimation abgebrochen, wodurch der Moment, ab dem erneut Lebenszeichen auftraten, kein exakter zeitlicher Anhaltspunkt für die Rückkehr des Spontankreislaufes ist.

1. Gordon, L. et al: Autoresuscitation (Lazarus phenomenon) after termination of cardiopulmonary resuscitation – a scoping review. Scand J Trauma Resusc Emerg Med 28, 14 (2020). https://doi.org/10.1186/s13049-019-0685-4.

Titelbild: © Getty Images/STEEK.

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