04. November 2021

Stromunfall: Spätfolgen auch bei glimpflichem Verlauf

Auch wenn nach einem Stromschlag die Notaufnahme häufig schnell wieder verlassen werden kann, muss mit einem breiten Spektrum an Spätfolgen gerechnet werden, so eine aktuelle französische Studie.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Breites Spektrum an Folgen nach Stromschlag

Die Folgen eines Stromschlags können je nach Stromstärke, Spannung und weiteren Faktoren deutlich variieren und reichen von einem leichten Kribbeln bis hin zum Herzstillstand. Viele Patientinnen und Patienten landen nach einer Verletzung durch elektrischen Strom zwar in der Notaufnahme, können diese aber oft zeitnah wieder verlassen. Gegenstand von Untersuchungen waren bislang häufig Komplikationen nach schweren Stromunfällen.

Ein französisches Forschungsteam weist nun darauf hin, dass auch in vermeintlich glimpflichen Fällen auf Langezeitkomplikationen zu achten ist. Obwohl Stromunfälle in Frankreich eher selten aufzutreten scheinen (offiziell 500 Fälle zwischen 2004 und 2011) wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen: Insbesondere Verunfallte, die das Ereignis für gutartig halten, suchen demnach keine Notaufnahme auf. So liegt die Zahl an Stromunfällen im Haushalt und am Arbeitsplatz in Frankreich schätzungsweise bei 6.000 bis 8.000 pro Jahr.

Notfallpatienten nach mildem Stromschlag untersucht

Das Team um Dr. Nathan Hauveau vom Hôpital Sainte-Anne in Toulon hat sich zur Aufgabe gemacht, mögliche Langzeitfolgen bei leichten Stromunfällen zu identifizieren. Hierzu wurden erwachsene Personen, die einen Stromschlag erlitten hatten und in der Notaufnahme vorstellig wurden, allerdings keine Anzeichen schwerer Verletzungen aufwiesen hinsichtlich möglicher Langzeitfolgen befragt. Von der Studie ausgeschlossen wurden Personen mit Organversagen, schweren Verbrennungen und intensivpflichtige Betroffene. Die ausgewählten Patientinnen und Patienten wurden mindestens ein Jahr nach ihrer Behandlung gebeten, einen Fragebogen auszufüllen.

Häufig Männer betroffen – mehr Unfälle im Haushalt

48 der 76 infrage kommenden Personen konnten nach dieser Zeitspanne erfolgreich kontaktiert werden. Über 70% der Verunfallten war männlichen Geschlechts (35 Männer und 13 Frauen). Das Durchschnittsalter der Befragten betrug 37 Jahre. Die Hauptursachen für die erlittenen Stromschläge waren der Kontakt mit elektrischen Kabeln oder Drähten (35%), der Umgang mit elektrischen Geräten (28%), Kontakt mit Netzstecker- und Steckdosen (21%) sowie Glühlampen (8%). 45% der Verletzungen waren dabei berufsbedingt.

Als initiale Symptome nannten 53% der Verunfallten Schmerzen, die auch beim Eintreffen in der Notaufnahme anhielten. 36% klagten über leichtere Hautverbrennungen. Ebenso viele berichteten über Parästhesien in dem Bereich, der mit der Stromquelle in Berührung gekommen war. 62% beschrieben einen Reflex des Loslassens von der Stromquelle, 13% konnten sich dagegen zunächst nicht lösen. Die Behandlung umfasste in der Regel eine Laboruntersuchung und ein Elektrokardiogramm (EKG). Die durchschnittliche Verweildauer in der Notaufnahme betrug rund 5,5 Stunden.

Häufig neurologische und psychologische Komplikationen

Mindestens ein Jahr nach der Entlassung berichteten 82% der Betroffenen von einer oder mehrerer Komplikationen. Die häufigsten Langzeitkomplikationen waren:

  • Neurologische Komplikationen (65%): Parästhesien, Kopfschmerzen, Gefühl einer chronischen Asthenie
  • Psychologische Komplikationen (58%): Ängste, Schlafstörungen, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme
  • Kardiologische Komplikationen (31%): Herzrasen, Brustschmerz, Hypertonie
  • Probleme mit Augen, Ohren, Nase, Hals (42%)
  • Nicht genauer spezifizierte Schmerzen (27%)

71% der Betroffenen gaben an, innerhalb von drei Monaten nach dem Stromunfall einen Arzt oder eine Ärztin aufgesucht zu haben, meist aus der Allgemeinmedizin (67%), Kardiologie (18%) oder Psychiatrie (7%).

Patienten mit Langzeitfolgen waren länger in der Notaufnahme

Außerdem verglich das Forschungsteam die Personen, die nach mindestens einem Jahr von Symptomen berichteten (n=39) mit der Gruppe ohne Symptome (n=9). Der einzige signifikante Unterschied zwischen den beiden Gruppen war die Verweildauer in der Notaufnahme – diese war bei den Befragten mit Komplikationen länger. Außerdem ist mit Blick auf die zeitliche Entwicklung festzustellen, dass der Anteil der Befragten, die unter einer Komplikation litten, höher war, wenn der Stromschlag zum Zeitpunkt der Befragung bereits länger zurücklag. Allerdings finden sich laut dem Autorenteam in der Literatur keine Studien, die sich mit möglichen Erklärungen befassen. Zwischen der in der Notaufnahme festgestellten Anfangssymptomatik und dem Auftreten von Langzeitfolgen konnte kein signifikanter Zusammenhang festgestellt werden.

Ausblick und Studienkritik

Laut den Autoren sollte der Umgang mit Langzeitkomplikationen bei milden Stromunfällen vor allem bei notärztlich Tätigen besonders gut bekannt sein. Darüber hinaus sollten alle an der Versorgung von Opfern eines elektrischen Schlages beteiligten medizinischen Fachkräfte über das Auftreten von Spätfolgen aufgeklärt werden – insbesondere über neuropsychologische Komplikationen. Allerdings gilt in der Literatur die Beziehung zwischen anfänglicher Intensität der Elektrifizierung und dem Auftreten neuropsychologischer Komplikationen als umstritten.

Eine Schwäche der Studie ist die kleine Anzahl der Befragten. Außerdem war bei der Beantwortung der Fragen eine subjektive Komponente nicht auszuschließen, was laut dem Forschungsteam vor allem bei der Beschreibung ophthalmologischer und HNO-spezifischer Symptome (Sehstörungen, Tinnitus, vermindertes Hörvermögen) der Fall gewesen sein könnte. Zudem lagen dem Autorenteam keine Daten über die genaue Intensität der erlittenen Stromschläge vor.

1.  Chauveau N et al. Long-term consequences of electrical injury without initial signs of severity: The AFTER-ELEC study. American Journal of Emergency Medicine 2021. https://doi.org/10.1016/j.ajem.2021.09.022
2. Schmidt, Joana: Stromschlag: Unerwartete Langzeitfolgen häufiger als gedacht. SpringerMedizin; 07.10.2021.

Titelbild: © Getty Images/ljubaphoto

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