28. Mai 2021

Risikofaktor Arbeitszeit: Mehr Tote durch Herzinfarkt und Schlaganfall

Eine Wochenarbeitszeit von mehr als 55 Stunden erhöht das Risiko, an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben. Das zeigt eine Analyse, deren Ergebnisse nun in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Environmental International veröffentlicht wurden. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Ute Eppinger

Laut der vorliegenden Analyse der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO führten lange Arbeitszeiten im Jahr 2016 zu 745.000 Todesfällen durch Schlaganfall und Herzinfarkt – das ist ein Anstieg um 29 % seit 2000.

42 % mehr Tote durch Herzkrankheiten aufgrund von Überstunden

Für ihre erste globale Analyse haben die Experten um den Genfer WHO-Epidemiologen Dr. Frank Pega Daten aus 2.300 Erhebungen aus 194 Ländern und die Erkenntnisse aus knapp 60 Studien zusammengeführt und ausgewertet. Sie fanden heraus, dass im Jahr 2016 insgesamt 398.000 Menschen, die mindestens 55 Stunden pro Woche gearbeitet hatten, an einem Schlaganfall und 347.000 an einer Herzerkrankung starben. Zwischen 2000 und 2016 stieg die Zahl der Todesfälle durch Herzkrankheiten aufgrund von Überstunden um 42 % und durch Schlaganfall um 19 %.

Fast jede 10. Arbeitskraft weltweit arbeitet 55 Stunden pro Woche oder mehr. Der Studie nach sind das vor allem Menschen im westpazifischen Raum und in Südostasien, aber auch in Afrika und in Südamerika. In Europa und Nordamerika hingegen seien die Belastungen nicht so groß. Die Studienautoren führen das auf starke Arbeitsschutz-Richtlinien zurück, die offenbar auch kontrolliert und eingehalten würden.

Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen

72 % der Todesfälle traten unter Männern auf. Bei den meisten der erfassten Todesfälle starben die Menschen im Alter von 60 bis 79 Jahren und hatten zwischen ihrem 45. und dem 74. Lebensjahr 55 Stunden oder mehr pro Woche gearbeitet.

Lange Arbeitszeit erhöht Schlaganfallrisiko um 35 %

Pega und seine Kollegen kommen zu dem Schluss, dass eine Arbeitszeit von 55 oder mehr Stunden pro Woche mit einem geschätzten um 35 % erhöhten Risiko für einen Schlaganfall und einem um 17 % erhöhten Risiko, an einer ischämischen Herzerkrankung zu sterben, verbunden ist – verglichen mit einer Arbeitszeit von 35 bis 40 Stunden pro Woche.

Insgesamt hat in den letzten Jahren die Zahl der Menschen, die lange arbeiten, zugenommen und liegt derzeit weltweit bei 8,9 %. „Der Anteil der Bevölkerung, der langen Arbeitszeiten ausgesetzt ist, ist zwischen 2010 und 2016 deutlich gestiegen. Setzt sich dieser Trend fort, ist es wahrscheinlich, dass sich dieser Anteil weiter vergrößern wird“, schreiben Pega und seine Kollegen. Im Jahr 2000 hatte der Anteil noch bei 8,1 % und im Jahr 2016 bei 8,3 % gelegen.

Die neue Analyse kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Covid-19-Pandemie ein Schlaglicht auf das Arbeitszeit-Management wirft. Nach Einschätzung der Studienautoren beschleunigt die Pandemie Entwicklungen, die den Trend zu längeren Arbeitszeiten verstärken könnten. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Arbeitszeiten nach wirtschaftlichen Rezessionen gestiegen sind; und das könnte auch nach der Covid-19-Pandemie geschehen“, schreiben sie.

Grenze zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmt durch Telearbeit

Aus Sicht von WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus hat die Covid-19-Pandemie „die Art und Weise, wie viele Menschen arbeiten, erheblich verändert. Telearbeit ist in vielen Branchen zur Norm geworden, wobei die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit oft verschwimmen“, so Tedros in einer Pressemitteilung der WHO.

Hinzu komme, dass viele Unternehmen gezwungen seien, ihren Betrieb zu verkleinern oder zu schließen, um Geld zu sparen, und die Menschen, die noch auf der Gehaltsliste stehen, müssen länger arbeiten.

„Kein Job ist das Risiko eines Schlaganfalls oder eines Infarkts wert. Regierungen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen zusammenarbeiten, um sich auf Grenzwerte zum Schutz der Gesundheit der Arbeitnehmer zu einigen“, betonte Tedros.

Auch Dr. Maria Neira, WHO-Direktorin der Abteilung für Umwelt, Klimawandel und Gesundheit, stufte eine Wochenarbeitszeit von 55 Stunden oder mehr als „ernsthaftes Gesundheitsrisiko“ ein. „Es ist an der Zeit, dass wir alle, Regierungen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, aufwachen und erkennen, dass lange Arbeitszeiten zu einem vorzeitigen Tod führen können“, sagte Neira.

Gegensteuern mit Gesetzen und Verträgen

Regierungen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer könnten die folgenden Maßnahmen ergreifen, um die Gesundheit der Arbeitnehmer zu schützen, schlagen die Organisationen vor:

  • Regierungen können Gesetze, Verordnungen und Richtlinien einführen, umsetzen und durchsetzen, die obligatorischen Überstunden verbieten und Höchstgrenzen für die Arbeitszeit sicherstellen;
  • Zweiparteien- oder Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerverbänden können die Arbeitszeiten flexibler gestalten und gleichzeitig eine Höchstzahl von Arbeitsstunden vereinbaren;
  • Arbeitnehmer könnten sich die Arbeitszeit teilen, um sicherzustellen, dass die Zahl der Arbeitsstunden nicht über 55 oder mehr pro Woche steigt.

Dieser Beitrag ist im Original auf medscape.com erschienen.

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