24. Februar 2021

Suchtmittel Kratom: Was Ärzte wissen sollten

Woher stammt Kratom, wie wirkt es, wie wird es konsumiert, welche Symptome sind bekannt und welche Möglichkeiten für Diagnostik und Therapie gibt es? Eine Zusammenfassung für behandelnde Ärzte. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation in der Fachzeitschrift „Der Notarzt“ und wurde von Sebastian Schmidt für Sie zusammengefasst und ergänzt.1

Herkunft und Verwendung

Kratom wird aus den Blättern des Kratombaums bzw. Mitragyna speciosa Korth. gewonnen. Dieser ist in Südostasien heimisch, vornehmlich in Malaysia und Thailand. Die Blätter werden meist zu Pulver zerrieben, welches mit der Nahrung aufgenommen wird. Alternativ wird Kratom geraucht, als Kapsel geschluckt oder als „Teeaufguss“ getrunken. Kratom wird meist als Genuss- und Rauschmittel eingesetzt, findet aber auch in der Entwöhnung von Opioiden und als Stimulans Anwendung.2

Verbreitung und rechtliche Lage

Für Deutschland gibt es keine erfassten Zahlen zu Verbreitung und Konsum von Kratom. Der zuständige Sachverständigenausschuss im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vertagt einen Beschluss zu Kratom seit 2010.3-4 Aktuell fällt Kratom damit weder unter das Betäubungsmittelgesetz noch unter das Arzneimittelgesetz. Anders als beispielsweise in der Schweiz, wo Kratom seit 2017 auf der Liste der zu kontrollierenden Substanzen steht.

Auch in anderen europäischen Ländern ist Kratom Teil der kontrollierten Substanzen.5 Die US-amerikanische FDA warnt ebenfalls vor dem Konsum von Kratom.6 Auch laut einer aktuellen Veröffentlichung von Florian Lautenschlager und Kollegen an der Universität Regensburg am Bezirksklinikum Regensburg liegen zum Konsum in Deutschland keine eindeutigen Zahlen vor. Klinisch beobachten die Ärzte dort jedoch eine zunehmende Verbreitung.1

Wirkungsweise und Halbwertszeit

Kratom enthält mehrere Alkaliode, darunter Mitragynin und 7-Hydroxmitragyrin. Deren Wirkung erfolgt über Opioidrezeptoren. Die Blätter wirken in niedrigen Dosen stimulierend, größere Mengen haben eine dämpfende und psychoaktive Wirkung. Dabei ist, so schreiben es auch die Mediziner um Lautenschlager, „der genaue Wirkmechanismus noch nicht gänzlich geklärt“.

Weiter erwähnen sie „die agonistische Wirkung von Mitragynin auf alpha-2-adrenerge postsynaptische Rezeptoren“ sowie die Möglichkeit von proarrhythmogenen Effekten. Hinzu kommt eine „dosisabhängige muskelrelaxierende Wirkung“, die sowohl „die Kontraktilität als auch die Innervation des Diaphragmas negativ beeinflusst“ und so bei hohen Dosen für eine letale Lähmung der Atemmuskulatur sorgen könne. Die lange Halbwertszeit (HWZ) von an die 24 Stunden, wie auch ein großes Verteilungsvolumen stellen für die Behandlung weitere Herausforderungen dar.

Symptomatik

Weil die Wirkungsweise stark von der Dosierung abhängt, ist auch die klinische Symptomatik heterogen. Hinzu kommt, dass die Droge bei der Aufnahme in den Körper oft gemeinsam mit weiteren Substanzen konsumiert wird, sodass es für behandelnde Ärzte oft schwierig ist, die Symptome eindeutig zuzuordnen.

Mögliche Symptome im Rahmen von Kratonintoxikation

  • Im Zentralen Nervensystem (ZNS): Agitation, Wahnvorstellungen, Verwirrtheit, optische Halluzinationen, epileptische Anfälle, Koma bzw. Vigilanzminderung, Miosis
  • Kardiovaskolär: Torsade de pointes, Kammerflimmern, Asystolie, Hypertonie, aber auch Hypotonie, AP-Beschwerden
  • Hepatisch: Leberschädigung bis hin zum Leberversagen
  • Pulmonal: Bradypnoe, Atemdepression
  • Renal: Nierenversagen
  • Sonstiges: Übelkeit, Fieber Elektrolytentgleisung, Rhabdomyolyse

Diagnostik

Um den Kratom-Wirkstoff Mitragynin nachzuweisen, empfehlen Lautenschlager und Kollegen eine Flüssigchromatografie mit Massenspektrometrie-Kopplung LC/MS im Urin. Teststreifen zur Detektion der Alkaloide im Kratom sind ihnen bisher nicht bekannt. „Erschwerend für Diagnostik und Therapie können Mischintoxikationen und die Unkenntnis der Substanz sein.“

Therapie bei Kratomintoxikation

Die Therapie, wie sie Lautenschlager und Kollegen vorschlagen, erfolgt bei einer Kratomintoxikation überwiegend symptomatisch. „In einem Fallbericht konnte zur Beendigung einer Sedierung und Atemdepression nach Intoxikation mit Kratom Naloxon erfolgreich angewendet werden. Allerdings muss auf die potenziell muskelrelaxierende und schwer therapierbare Wirkung des Kratom bei extrem hohen Dosen geachtet werden.“ In solchen Fällen erscheine nur eine symptomatische Therapie mit invasier Beatmung zielführend.

Wichtig zu beachten: Wegen der langen Halbwertszeit des Wirkstoffs und der Problematik einer möglichen Atemdepression unter Kratom solle eine intensivmedizinische Überwachung auch nach „erfolgreicher“ Gabe von Naloxon erfolgen. „Bei schwerem Kreislaufversagen nach Intoxikation mit Kratom und entsprechender Reanimation wurde auch von der intravenösen Gabe einer Lipidinfusion mit dem Effekt einer kurzzeitigen hämodynamischen Stabilisierung berichtet.“

Denkbar sei es auch, Erregungszustände primär symptomatisch mit Benzodiazepinen zu behandeln. So könne man den agitierten Patienten unter ausreichender Überwachung der Vitalparameter transportieren. Nicht zuletzt könnten auch epileptische Anfälle symptomatisch mit Antikonvulsiva und Benzodiazepinen behandelt werden.

1. Lautenschlager, Florian et al. „Kratom – Worauf ist bei einer Intoxikation zu achten?“, Notarzt 2021:37, 9-11, erschienen am 12 Februar 2021 im Thieme Verlag.

2. Pharmawiki.ch „Kratom (Mytragyna speciosa)“, abgerufen am 23.Februar 2021

3. 35. Sitzung des Sachverständigenausschusses nach § 1 Abs. 2 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) am 03.Mai 2010, abgerufen am 23.Februar 2021

4. 51. Sitzung des nach § 1 Abs. 2 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und nach § 7 Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) zu hörenden Sachverständigenausschuss am 06.Mai 2019, abgerufen am 23.Februar 2021

5. MedWatch: „Blätter des Kratom-Baums: Gefährlich statt gesund“, Stand: 04.April 2019, abgerufen am 23.Februar 2021

6. FDA (2019): FDA and Kratom, Stand: 11.September 2019, abgerufen am 23.Februar 2021

Bildquelle: ©GettyImages/Yanawut

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