14. Juli 2021

Badeunfälle

Rückenmarkverletzung nach Kopfsprung ins Wasser

Heimische Badeseen haben sich in der Corona-Pandemie zu sommerlichen Anziehungspunkten für viele Menschen entwickelt, die nicht in den Urlaub fahren können. Auch in diesem Sommer werden wieder viele junge Menschen an die Seen fahren, um dort zu baden und gemeinsam zu feiern. Dabei kommt es immer wieder zu schweren Badeunfällen. Vor allem Kopfsprünge können schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. 1,2

Lesedauer: 3 Minuten

„Wir appellieren an alle, besonders aber junge Männer, beim Baden vorsichtig zu sein, da es immer wieder zu schweren Badeunfällen kommt“, sagt Prof. Dr. Michael J. Raschke, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Zu den möglichen Folgen zählen unter anderen HWS-Verletzungen, die zu kompletten hohen Querschnittlähmungen führen können. Betroffene sind lebenslang auf einen Rollstuhl und meist auf Hilfe anderer Menschen angewiesen. Zudem haben sie ein hohes Risiko für weitere Erkrankungen, etwa Pneumonien, Harnwegsinfektionen und Dekubital-Ulcera. 

Empfehlungen zur Vermeidung von Badeunfällen

  • keine Kopfsprünge in unbekannte Gewässer
  • nicht in alkoholisiertem Zustand schwimmen gehen
  • besondere Vorsicht bei unbekannten oder unübersichtlichen Gewässern
  • Wassertiefe vor dem Schwimmen prüfen
  • Baden und Toben im flachen Bereich immer mit Maß 

Rückenmarkverletzung nach Kopfsprung zu 99 % bei Männern

Wie groß das Problem von Querschnittlähmungen nach Kopfsprüngen ist, zeigt eine Datenanalyse von Traumatologen am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum. Laut der Studie wurden dort innerhalb von 18 Jahren 60 Menschen behandelt, die nach einem Kopfsprung eine Rückenmarkverletzung erlitten hatten. Der Anteil an männlichen Patienten lag bei knapp 99 %. Das heißt, von 60 Patientinnen und Patienten waren 59 männlich. Sie wurden mit schweren Halswirbelsäulen-Verletzungen eingeliefert, die eine traumatische Schädigung des Zervikalmarks zur Folge hatten. 30 Personen hatten alleinige HWS-Frakturen, knapp 42 % Luxations-Frakturen und rund acht Prozent Luxationen ohne Fraktur. 2

Niemand mit vollkommener neurologischer Genesung

Häufigste Lähmungshöhe war C5. Mit Ausnahme von einer Person wurden alle Verletzten operiert, die meisten sofort. 33 der 60 Verletzten hatten bei Aufnahme in die Klinik komplette hohe Querschnittlähmungen, die häufiger mit Komplikationen wie Aspirations-Pneumonien, Atelektasen und Harnwegsinfektionen einhergingen als inkomplette Lähmungen. Bei keinem der Betroffenen kam es einer Mitteilung der Fachgesellschaft zufolge zu einer vollständigen neurologischen Genesung. „Dies ist besonders tragisch, da das Alter zum Unfallzeitpunkt im Mittel bei 28 Jahren lag und so in aller Regel junge, teils jugendliche Menschen eine dauerhafte schwere Behinderung erlitten“, sagt Privatdozent Dr. Matthias Königshausen, Initiator der Bochumer Studie und Geschäftsführender Oberarzt an der Chirurgischen Universitäts- und Poliklinik am BG Klinikum Bergmannsheil Bochum.

In Deutschland ist laut der Mitteilung der Fachgesellschaft geschätzt von ca. 80 bis 100 Querschnittverletzten nach Badeunfällen pro Jahr auszugehen, die in den 26 Querschnittgelähmten-Zentren behandelt werden. Bei einer durchschnittlichen Zahl von etwa 1000 bis 1500 neu aufgetretenen akuten Querschnittlähmungen nach Unfällen in Deutschland pro Jahr haben Badeunfälle einen Anteil von ca. vier bis acht Prozent. Ein Vergleich der Bochumer Zahlen mit internationalen Studien zeigt, dass es sich um ein dauerhaftes und wiederkehrendes Problem handelt. „Die jährlichen Zahlen an Betroffenen sind seit 50 Jahren leider sehr stabil und konstant zu hoch. Auch haben sich die Risikofaktoren nicht verändert, die zu den Unfällen führen“, sagt Privatdozent Dr. Mirko Aach, Leitender Arzt der Abteilung für Rückenmarkverletzte, Universitäts- und Poliklinik am BG Klinikum Bergmannsheil Bochum.

Häufige Risikofaktoren: Alkohol und Selbstüberschätzung

In knapp 42 % der Fälle wurde Alkohol-Konsum im Zusammenhang mit dem Unfallereignis dokumentiert. „Alkohol erhöht die Risikobereitschaft und führt schnell zu übermütigem und leichtsinnigem Verhalten“, warnt Dr. Christopher Spering, Leiter der Sektion Prävention bei der DGOU. Selbstüberschätzung und Imponiergehabe seien zentrale Risikofaktoren. Komme hierzu eine mangelnde Kenntnis des Gewässers und Alkoholkonsum, könne es schnell gefährlich werden. „Ein zentrales Problem ist, dass das Unfallrisiko in einer Situation mit hoher Gruppendynamik, in Partylaune und mit Alkohol schnell in den Hintergrund tritt“, sagt Spering, Oberarzt an der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Göttingen (UMG). Daher könnten in der konkreten Situation häufig nur noch Freundinnen und Freunde, die einen kühlen Kopf behalten hätten, die fatalen Mutproben stoppen. Aber auch Eltern und Schulen seien gefordert, um frühzeitig Heranwachsende immer wieder auf die Gefahren und schwerwiegenden Folgen hinzuweisen.

Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.“

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