19. Juli 2019

Kommentar

Kahlschlag aus Gütersloh: Die Hälfte aller Kliniken kann weg

Wirtschaftliche Hiobsbotschaften aus Krankenhäusern sind Ärzte gewohnt. Doch nun kommt es ganz dicke. Gleich die Hälfte aller Kliniken kann weg, meint die Bertelsmann Stiftung. Ein politischer Testballon? Und warum gerade jetzt?

Ein Kommentar Ihres Kollegen Dr. med. Horst Gross

Düstere Zukunft der deutschen Kliniken: An der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums sitzt jemand, dem man eine Aktion Krankenhaussterben durchaus zutraut. Bild: © Getty Images/lightkey
Düstere Zukunft der deutschen Kliniken: An der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums sitzt jemand, dem man eine Aktion Krankenhaussterben durchaus zutraut. Bild: © Getty Images/lightkey

Gewagte Hochrechnung

In wessen Interesse die Bertelsmänner ihre steilen Thesen platziert haben, wollen sie der Öffentlichkeit nicht mitteilen. Dazu ist der Inhalt der Studie vielleicht auch zu brisant: Die deutsche Kliniklandschaft sei im internationalen Maßstab eine Art Schlaraffenland. Ausgehend von europäischen Vergleichszahlen gehört jeder zweite Patient überhaupt nicht in ein Krankenhaus. Medizin auf europäischem Niveau bedeutet demnach, dass alle kleineren Kliniken schließen sollten. Die erreichen sowieso notorisch ihre Mindestmengen nicht, können Notfallpatienten nur suboptimal versorgen und binden unnötig Fachpersonal.

Autor: Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin
Autor: Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin

Rechnet man die regionalen Zahlen der Studie auf das Bundesgebiet hoch, würde sich der deutsche Klinikbettenbestand von 480.000 auf 285.000 reduzieren. Übrig bleiben nur ca. 600 Häuser der Regel- und Maximalversorgung. Gleichzeitig bedeutet dies, dass fast die Hälfte aller heutigen Krankenhauspatienten in Zukunft in ambulanten Strukturen versorgt werden.  Wie die aussehen sollen, darüber schweigt die Studie. Doch das wäre ja genau der springende Punkt.

Sinnlose Europäisierung

Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum wir uns eigentlich an die europäischen Zahlen anpassen müssen. Statistische Vergleiche sind ja keine qualitativen Aussagen. Die unterschwellig geäußerte Vermutung, dass in Deutschland Patienten geschädigt werden, vielleicht sogar sterben, weil wir zu viele kleine Krankenhäuser haben, müsste erst einmal valide belegt werden. Und wo bleibt der Beweis dafür, dass wir zu wenig Maximalversorgung haben? Wer stationär behandelt wird, obwohl das auch ambulant möglich ist, wird ja auch nicht geschädigt. Und warum soll sich ein reiches Land wie Deutschland diesen Luxus nicht in einem gewissen Umfang leisten dürfen?

Harte Konsequenzen

Wenn man die Krankenhauslandschaft auf europäisches Niveau bringt, also die Krankenhausfälle um die Hälfte reduziert, alle kleineren Krankenhäuser schließt und die Kapazitäten der Regel- und Maximalversorger ausbaut, dann gibt es zwar keine Kliniken mehr ohne Psychiatrie, Herzkatheter und Stroke Unit. Dafür müssen aber 68 % der heute stationär behandelten Patienten mit einer Grippe bzw. Pneumonie, 70 % mit einer Depression und 64 % mit Herzinsuffizienz ambulant versorgt werden. Gleichzeitig würde der drängende Personalmangel in unseren Krankenhäusern beseitigt, so die Vermutung.

Die Großkliniken könnten das freigewordene Personal entsprechend aufsaugen. Selbst die Anfahrtswege von Patienten und Angehörigen zur Klinik sind nicht unzumutbar lange, wie die Studie zeigt. Trotzdem ist so ein abrupter, bürokratisch gelenkter Umbau unserer Kliniklandschaft ein gewagtes Unterfangen. Schließlich gibt es keine Garantie dafür, dass die am Reißbrett geplanten neuen Superkliniken tatsächlich die Qualität abliefern, die wir uns erhoffen.

Der wahre Grund

Die in der Bertelsmann-Studie geäußerten Thesen sind zudem auch nicht neu. Sie sind nur erstmalig, mit bemerkenswert hohem methodischem Aufwand, für eine Beispielregion durchgerechnet worden. Da ist die Frage schon gerechtfertigt, warum nun plötzlich diese Diskussion so massiv angestoßen wird? Die Antwort liegt auf der Hand: Das Fallpauschalensystem hat das Stadium der Agonie erreicht. Geplant war ja, dass rund ein Drittel der deutschen Kliniken mit wirtschaftlichem Druck in die Pleite getrieben wird.

Doch die Krankenhäuser haben Gegenstrategien entwickelt. Statt die Kosten zu senken, haben die Fallpauschalen das Gesundheitssystem verteuert und verschlechtert. Dass in unseren Kliniken einiges aus dem Ruder läuft, alarmiert mittlerweile auch die Bevölkerung. Das erzeugt politischen Druck. Es bedarf offenbar einer Kahlschlagaktion, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Die wird schwer durchzusetzen sein. Aber an der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums sitzt ja jemand, dem man eine Aktion Krankenhaussterben durchaus zutraut.

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