23. März 2021

Endlich belastbare Krankenhausdaten

Gesundheitssystem: Kein Kollaps trotz Corona

Statt der erwarteten Patientenflut gab es 2020 in unseren Kliniken eine Flaute. Das betraf auch Intensiv- und Beatmungsfälle, so das Fazit der aktuell veröffentlichten Daten der Initiative Qualitätsmedizin (IQM).1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Horst Gross

Belastbare Behandlungsdaten

Der gemeinnützige Verein IQM will durch die Bereitstellung von präziseren Behandlungsdaten die Qualität der medizinischen Versorgung verbessern. Insgesamt 431 Kliniken liefern ihre Daten in das System. Neben den 89 Kliniken der Helios Gruppe, sind weitere 72 private Kliniken, 74 freigemeinnützige Häuser, 179 öffentlich-rechtliche und 17 Universitätsklinika bei IQM beteiligt. Insgesamt repräsentiert IQM nach eigenen Angaben 36 % der deutschen DRG-Fälle.

Keine Daten aus dem InEK

Ganz im Gegensatz zur IQM-Analyse hat das offiziell zuständige Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) für 2020 noch keine umfassende Berichterstattung zur Coronaauswirkung auf das deutsche Gesundheitssystem geliefert. Ein im Grunde nicht nachvollziehbarer Mangel, gibt Prof. Dr. Ralf Kuhlen zu bedenken (Vorsitz wissenschaftlicher Beirat IQM). Denn längst übermitteln alle deutschen Kliniken ihre DRG-Kodierungen sofort zur Auswertung. Der technische und organisatorische Aufwand für eine zeitnahe Analyse sei deshalb erstaunlich gering, merkt Kuhlen an. Von offizieller Seite wird er trotzdem nicht geleistet. Das IQM füllt mit seinen Daten genau diese Lücke.

Drastischer Einbruch

Die Corona-Krise hat die klinische Versorgung in Deutschland massiv beeinflusst. Doch nicht so, wie landläufig vermutet.

Gegenüber 2019 fiel im Pandemiejahr 2020 die Zahl der Krankenhausbehandlungen. Die IQM-Kliniken registrierten ein Minus von fast einer Million Klinikfälle. Betroffen waren alle Indikationsbereiche. Ende 2020 wurden 15 % weniger Krankenhausfälle verzeichnet. Im ersten Lockdown reduzierte sich die Zahl der Klinikbehandlungen sogar kurzfristig um 40 %.

Dr. Francesco De Meo ist Präsident im IQM-Vorstand und Vorsitzender der Geschäftsführung der Helios Kliniken. Er vermutet, dass sich die coronabedingte Reduzierung der Behandlungsfälle verstetigen wird. Vor der Pandemie lagen die stationären Behandlungszahlen in einigen Indikationsbereichen über dem europäischen Durchschnitt. Pandemiegetriggert folgt nun offenbar der Angleich an das allgemeine Niveau.

Weniger Beatmungen trotz Pandemie

Entgegen den Erwartungen fiel 2020 die Zahl der Intensivpatienten um 5 %. Besonders auffällig: Auch die Zahl der Patienten, die wegen einer schweren respiratorischen Atemwegsinfektion (SARI) stationär behandelt werden mussten, reduzierte sich um 10 %. Was dazu führte, dass, trotz Pandemie, weniger Patienten invasiv beatmet wurden (-6 %). In dem Zusammenhang ist auch zu berücksichtigen, dass die Intensivaufenthaltsdauer und in der zweiten Welle auch die Beatmungsdauer im Jahr 2020 verglichen zu 2019 erhöht waren.

Die konkrete Coronabilanz

Insgesamt wurden in den IQM-Häusern knapp 70.000 Coronapatienten stationär behandelt. Bei gut zwei Drittel dieser PCR-bestätigten Fälle (68 %) kam es zu einer schweren respiratorischen Komplikation (SARI). Die Mortalität der Betroffenen lag mit 18 % über der von Patienten mit nicht-corona-assoziiertem SARI (15 %). In der ersten Welle mussten 18 % beatmet werden. Ihre Mortalität betrug 39 %. In der zweiten Welle sank die Rate der beatmungspflichtigen Coronapatienten zwar auf 12 %. Gleichzeitig stieg deren Sterblichkeit aber auf 51 %.

Weniger Krankenhauspatienten – Mehr ambulante Tote?

Während des ersten Lockdowns mieden auch viele Notfallpatienten die Klinik. Mit tödlichen Konsequenzen? Das lassen die Daten zumindest vermuten, gibt Prof. Kuhlen, zu bedenken. Die Sterbestatistik (Destatis) weist in den anschließenden Sommermonaten eine deutliche Übersterblichkeit aus. Offizielle Interpretation: Sommerhitze. Kuhlen dagegen vermutet, dass sich in der ungewöhnlich hohen und lange anhaltenden Sommerübersterblichkeit auch die Todesfälle infolge der verpassten Akuttherapien im ersten Lockdown verbergen. Ein Aspekt, der unbedingt weiter vertieft werden muss, meint der Experte.

  1. Pressegespräch 10.3.2021: Fakten statt Mythen: Eine Stunde Wahrheiten aus deutschen Krankenhäusern – Was uns die Analyse von Routinedaten über die Effekte der SARS-CoV-2 Pandemie auf die stationäre Versorgung 2020 verrät, IQM Initiative Qualitätsmedizin e.V.

Titelbild: © Getty Images/matejmo

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