20. März 2020

Interview

„Covid-19 wird uns noch länger begleiten“

Prof. Dr. Thomas Iftner, Direktor des Instituts für Medizinische Virologe und Epidemiologie der Viruskrankheiten des Universitätsklinikums Tübingen, spricht über seine Prognose des weiteren Verlaufs, die Herausforderungen in der Klinik und neue Pandemien.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Wie ist Ihre Einschätzung des bisherigen und des weiteren Verlaufs der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland?

Der bisherige Verlauf ist klar, wir haben in Deutschland knapp 11.000 Fälle und nur 20 Tote [RKI-Zahlen vom 19.03.]. Das ist eine geringe Mortalitätsrate, gerade im Vergleich mit Ländern wie Italien oder Spanien. Spanien hat 11.800 nachgewiesene Infektionen und 533 Todesfälle. Es gibt aber eine hohe Dunkelziffer an Infizierten, da 80% der Infektionen asymptomatisch oder sehr mild verlaufen.

Der weitere Verlauf ist schwer vorhersehbar, es wird sicherlich nicht in den nächsten Wochen zu einem Abflachen kommen. Ob die Containment-Maßnahmen (Einschränkung des öffentlichen Lebens, Vermeidung von sozialen Kontakten, Schließung von Schulen und Kindergärten, …) greifen, bleibt abzuwarten. Wenn dadurch eine 50%ige Reduzierung der Transmissionen erreicht wird, dann kommt es zu einer Abflachung („Flattening the curve“). Die Krankheit wird uns aber noch über Monate begleiten.

Experten sagen voraus, dass wir eine weltweite Pandemie haben, die, unabhängig von der Jahreszeit, andauern wird bis sich 60-70% der Bevölkerung infiziert haben werden. Es gibt Simulationen der Harvard Public Health School, die sagen, dass es, ähnlich wie bei Influenza, zu einem jährlichen saisonalen Auftreten kommen kann. Aber aufgrund der Entwicklung einer vorübergehenden Immunität durch vorherige Infektionen und mögliche, dann verfügbare Impfungen, wird es sich auf keinen Fall so verheerend auswirken wie in diesem Jahr.

Die Lage ist ernst, aber wir sind in den Kliniken gut vorbereitet. Es werden Maßnahmen getroffen, um Patienten mit schweren Verläufen aufnehmen und behandeln zu können, dazu haben wir z.B.  große Beatmungskapazitäten.

In China sind die Fallzahlen inzwischen rückläufig. Worauf führen Sie dies zurück?

Wir haben dort vermutlich die Situation, dass 60-70% der Bevölkerung infiziert sind und es so zu einer Herdenimmunität kommt. Die Wahrscheinlichkeit für Transmissionen ist deutlich reduziert.

Das wollen wir auch hierzulande durch ähnliche Maßnahmen erreichen. Was bei den Maßnahmen der Politik allerdings kontraproduktiv ist, sind die Sperrungen der Grenzen. In einigen Bereichen haben wir bereits Versorgungsengpässe und jetzt stecken LWKs, die uns Mund- und Nasenschutzmasken liefern sollen, in Rumänien fest.

Niedergelassene Ärzte, aber auch private Labore, haben das Problem keine Schutzausrüstung mehr zu haben. Dadurch können keine Abstriche genommen und Testungen mehr durchgeführt werden. Das Bundesgesundheitsministerium will die Materialien nun zentral verteilen. Aber niemand weiß, nach welchem Verteilungsschlüssel und wann die Lieferungen kommen.

Wer sollte getestet werden? Sind die Kapazitäten bereits erreicht?

Bislang wird bei der Testung die Strategie verfolgt bei positiven Befunden auch die Kontaktpersonen zu überprüfen und Infektketten zu unterbrechen. Das scheint nun nicht mehr möglich zu sein, da inzwischen auch positiv getestete Person auftreten, bei denen man nicht weiß, wo sie sich infiziert haben. Sie waren weder in Risikogebieten, noch hatten sie Kontakt zu Infizierten, sind aber positiv.

Wir haben eine hohe Testkapazität in Deutschland, von ca. 28.000 Tests am Tag, die im Moment auch durchgeführt werden. Das ist allerdings langsam am Anschlag, deshalb geht die Strategie hin zu Risikogruppen, wie stationären Patienten und Mitarbeitern mit Symptomen auf kritischen Stationen (Hämatologie, Onkologie, Intensiv

Ist die aktuelle Pandemie mit früheren Situationen vergleichbar?

Die SARS-Pandemie 2002/2003 war eine einmalige Angelegenheit und hatte auch nicht diese Ausmaße (8000 Infizierte), allerdings eine höhere Mortalitätsrate.

Außerdem gab es 2009/2010 die Mexiko- oder Schweinegrippe (H1N1), die sich noch wesentlich schneller verbreitet hat, aber dieses Virus war weitaus weniger pathogen. Hier waren, im Gegensatz zur Grippe, vor allem junge Menschen betroffen.

Außerdem muss man Vergleiche zur jährlichen Grippewelle ziehen. Wir haben bei weitem nicht die Zahl an Todesfällen und Infektionen erreicht, wie sie 2017/2018 bei der Influenza gesehen wurden. Wir hatten in jener Saison Millionen Infizierte und 25.000 Todesfälle in Deutschland.

Muss man in Zukunft mit neuen Pandemien rechnen?

Als Virologe habe ich immer erwartet, dass so etwas kommt, sei es aviäre Influenza, die auf den Menschen übergeht, oder Ausbrüche mit neuartigen Viren. Wenn die Bevölkerung immunologisch naiv und das Immunsystem auf den Erreger völlig unvorbereitet ist, dann hat es derartige Auswirkungen, wie wir sie momentan beobachten können.

Was können Ärzte tun, um die Ausbreitung von Covid-19 zu verringern?

Ärzte können vor allem versuchen Infizierte anhand der klinischen Symptomatik zu erkennen. Nach der Aufnahme in Kliniken sind wir für eine umfassende Behandlung gut aufgestellt. Es gibt inzwischen auch monoklonale Antikörper (z.B. Anti-Interleukin-6) gegen die Lungenschädigung durch eine zu starke Immunabwehr („Zytokinsturm“).

Bei der Impfung bin ich wenig optimistisch, ich erwarte sie nicht vor 2021. Auch aufgrund der Zulassungsverfahren ist das früher schwer vorstellbar.

Prof. Dr. Thomas Iftner ist Direktor des Instituts für Medizinische Virologe und Epidemiologie der Viruskrankheiten des Universitätsklinikums Tübingen und Prodekan der Medizinischen Fakultät. Zu seinen klinischen Schwerpunkten zählen humanpathogene Papillomviren. Seit 2011 ist er Vorstandsmitglied der International Papillomavirus Society und Mitglied im Editorial Board mehrerer virologischer Fachzeitschriften.

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Bildquellen: © Universitätsklinikum Tübingen

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