09. April 2020

DIVI-Sprecher:

„Wir dürfen die Welt nicht nur in Covid-19 und gesund einteilen“

Wie sollten sich Kliniken auf eine Covid-19-Epidemie vorbereiten? Wie könnte eine gute räumliche und organisatorische Lösung in der Notaufnahme aussehen? Antworten auf diese und weitere Fragen, die vielen Kliniken unter den Nägeln brennen, gibt hier Prof. Dr. André Gries, Sprecher der Sektion „Strukturen Klinische Akut und Notfallmedizin“ der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Lesedauer: 5 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

Wie sieht eine gute räumliche und organisatorische Lösung in der Notaufnahme aus?

Kommunikation: Ich halte es in erster Linie für wichtig, Prozesse und Patientenpfade im Vorfeld mit den an der Versorgung beteiligten Abteilungen und Bereichen abzusprechen und entsprechende SOPs (Standard Operating Procedure) zu etablieren. Die Kommunikation zwischen der Notaufnahme und allen anderen Abteilungen muss reibungslos funktionieren. Wichtig ist auch, wie die Patienten angemeldet werden. Was wird abgefragt? Welche Kriterien soll der Rettungsdienst im Vorfeld erfassen und dann bei der Übergabe entsprechend weitergeben?

Wegführung der Patienten: Die Wegführung der Patienten (bestätigte Fälle, unklare Fälle, etc.) ergibt sich aus den vereinbarten Prozessen und den Absprachen im Vorfeld.  Es kann auch sinnvoll sein, kritische Patienten mit hochgradigem Verdacht direkt auf die Intensivstation zu überführen. Hierfür sind entsprechende Schleusenbereiche gleich beim Zugang zur Notaufnahme bzw. in das Klinikum notwendig, in denen Patienten im Zusammenhang mit Covid-19 gesichtet werden.

Bei den bestätigten Covid-19-Fällen, die z.B. aus der häuslichen Quarantäne aufgrund akuter Zustandsverschlechterung ins Krankenhaus gebracht werden, würde ich auf jeden Fall den direkten Weg in die entsprechende Klinikabteilung empfehlen. Die Notaufnahme oder andere Bereiche sollten hier aus hygienischen Gründen möglichst „gebypasst“ werden.

Prof. Dr. André Gries, Sprecher der Sektion „Strukturen Klinische Akut und Notfallmedizin“ der <span>DIVI</span>. Foto: © Universitätsklinikum Leipzig
Prof. Dr. André Gries, Sprecher der Sektion „Strukturen Klinische Akut und Notfallmedizin“ der DIVI. Foto: © Universitätsklinikum Leipzig

Andere Krankheitsbilder beachten: Ein Aspekt, den ich in der aktuellen Situation besonders betonen möchte: Wir dürfen die Welt nicht nur in Covid-19 oder gesund einteilen. Es gibt nach wie vor viele Patienten mit ernsthaften Krankheitsbildern (u.a. Traumata, Herzinfarkt, Schlaganfall), die aber zusätzlich auch mit SARS-CoV-2 infiziert sein können. Bei einem Patienten mit akuter Atemnot kann z.B. eine Lungenembolie oder ein Herzinfarkt vorliegen – dies dürfen wir auf keinen Fall außer Acht lassen. Unsere etablierten Vorgehensweisen sind nach wie vor richtig und Grundlage zur differentialdiagnostischen Abklärung dieser Krankheitsbilder, deren kausale Versorgung nicht zu Letzt zeitkritisch ist.

Corona-Test-Ambulanzen: Viele Kliniken arbeiten bereits mit den sogenannten Corona-Test-Ambulanzen als erste Anlaufstelle für Menschen ohne bzw. mit geringer oder fraglicher klinischer Symptomatik. Hier erfolgt die Vorstellung und Beratung mit der Möglichkeit, sich auf eine SARS-CoV2-Infektion testen zu lassen, bei z.B. nicht auszuschließendem Kontakt mit infizierten Personen, etc. Diese Lösung ist aus meiner Sicht für viele Krankenhäuser empfehlenswert. Die meisten positiv getesteten Patienten werden bei milden Symptomen und klinischem Wohlbefinden zunächst beraten und in die häusliche Quarantäne entlassen.

Der Fall wird aber auch an das Gesundheitsamt gemeldet – nicht zuletzt als Basis zur Abschätzung des Verlaufs der Pandemie. Falls sich der Zustand dieser Patienten verschlechtern sollte und eine stationäre Aufnahme zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt, wissen wir bereits, dass sie mit SARS-CoV-2 infiziert sind und können schnell entsprechende Maßnahmen einleiten. Wichtig ist aber auch, dass bei vielen Menschen der Verlauf der Infektion ohne kritische Probleme verläuft.

Testung vor jeder stationären Aufnahme: In machen Kliniken werden alle stationär aufgenommenen Patienten erst einmal auf eine SARS-CoV2-Infektion getestet. Bis zum Testergebnis befinden sie sich idealerweise in den entsprechenden Isolationsbereichen. Dieses Vorgehen ist aus meiner Sicht eine sinnvolle Lösung. Die konkrete Umsetzung hängt allerdings auch von den räumlichen Strukturen des jeweiligen Krankenhauses ab.

Covid-19: Empfehlungen für die Intensivstation
Vertreter mehrerer deutscher Fachgesellschaften haben konkrete, umfassende Empfehlungen zur intensivmedizinischen Behandlung von Covid-19-Patienten veröffentlicht und diese in einem Video für Sie zusammengefasst. Zum Beitrag >>

Wie erfolgt die Weiterversorgung in den Kliniken – welche gute organisatorischen Lösung gibt es?

Räumliche Trennung: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, zwischen einer Isolations- (Intensiv-) station für Covid-19-Patienten und einer (Intensiv-) Station für alle anderen Patienten zu trennen.

„Überlaufmöglichkeiten“: Auch sogenannte „Überlaufmöglichkeiten“ sind bei steigenden Patientenzahlen in vielen Krankenhäusern sinnvoll, d.h. neben den beiden oben genannten Intensivstationen z.B. noch eine Covid-19-Intensivstation parat zu haben. Wenn die erste Station zu drei Viertel ausgelastet ist, muss die zweite Station entsprechend personell besetzt werden.

Regionale Vernetzung: Durch die räumliche und personelle Infrastruktur sind manche Krankenhäuser für ein größeres Patientenaufkommen besser geeignet als andere. Eine entsprechende Verteilung der Patienten ist nur durch die Zusammenarbeit zwischen den Kliniken einer bestimmten Region möglich. All dies muss natürlich heute schon, noch vor einer möglichen großen Welle, geklärt werden. So kann die Disposition beispielsweise auch über die Rettungsleistelle organisiert werden, indem die vorhandenen Kapazitäten entsprechend elektronisch hinterlegt und abgebildet werden.

Deutschlandweit gibt das Intensivregister der DIVI einen guten Überblick der vorhandenen Kapazitäten sowohl für Low- als auch für High-Care-Bereiche.

Was soll das Personal in Hinblick auf den Mangel an Schutzausrüstung beachten?

Wir sollten eher überlegen, wie wir ausrechend Schutzausrüstung erhalten. Ich bin mir sicher, dass Deutschland in der Lage ist, dies zu organisieren bzw. auch selbst herzustellen. Das ist auch mein Anspruch: wir müssen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausreichend schützen können.

Dabei sind natürlich auch klare Anweisungen, welcher Schutz in welchen Bereichen getragen werden muss, in jeder Klinik wichtig, um knappe Ressourcen nicht unnötig zu verschwenden.

Denken Sie, es wird aus Mangel an Intensivbetten zu einer Triagierung wie in Italien kommen?

Prof. Uwe Janssens, Präsident der <span>DIVI</span>. Foto: © Mike Auerbach
Prof. Uwe Janssens, Präsident der DIVI. Foto: © Mike Auerbach

Von den italienischen Verhältnissen sind wir noch weit entfernt. Aktuell haben wir genug Ressourcen, aber grundsätzlich ist dies natürlich denkbar. Eine Hilfe kann die Orientierung am Positionspapier sein, das unter der Federführung der DIVI in Zusammenarbeit mit sechs anderen Fachgesellschaften entstanden ist. Prof. Uwe Janssens, Präsident der DIVI und federführender Autor, weist allerdings in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Entscheidungen zur Weiterführung intensivmedizinischer Maßnahmen auch ohne Covid-19 auf jeder Intensivstation getroffen werden mussten, das Thema also grundsätzlich für Intensivmediziner nicht neu ist.

Wie sollten Kliniken in der Corona-Krise mit ihren personellen Ressourcen umgehen?

Aufgrund des Wegfalls des elektiven Betriebs könnten die entsprechenden Personalressourcen „umgeschiftet“ werden. Sinnvoll ist außerdem das Personal, das früher in einer Notaufnahme oder auf einer Intensivstation gearbeitet hat, erneut zu akquirieren bzw. die Einsatzmöglichkeiten zu prüfen. 

Halten Sie es für sinnvoll, medizinisches Personal ohne intensivmedizinische Vorerfahrung nach einer Schulung auf Intensivstationen einzusetzen?

Grundsätzlich können wir nicht durch Medizinstudierenden und anderes Personal ohne entsprechende Ausbildung kompetente notfall- bzw. intensivmedizinische Fachkräfte ersetzen. Allerdings können uns diese engagierten und motivierten zukünftigen Kolleginnen und Kollegen in vielen Bereichen sehr wohl unterstützen, u.a. auch in den Corona-Test-Ambulanzen oder bei der Hotline.

Bildquelle: © GettyImages/HRAUN

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