02. April 2019

Die Nachwehen der „Team-Wallraff“- Reportage:

Was stimmt mit unserem System nicht?

Starker Fäkalien-Geruch, Visite auf dem Flur, Essensentzug als Strafe – diese Zustände deckt Günter Wallraff und sein Team in der kürzlich ausgestrahlten Undercover-Reportage über deutsche Psychiatrien auf. Die Zuschauer sind schockiert, die Zuständigen veröffentlichen eine Stellungnahme nach der anderen. Was stimmt mit unserem System nicht?

Lesedauer: 4 Minuten

Günter Wallraff deckt schockierende Zustände in deutschen Psychiatrien auf. Doch auch an der Glaubwürdigkeit seines Films wird gezweifelt – es sollen manche angeblich live gedrehten Szenen nachträglich zusammengeschnitten worden sein. Bild: ©RTLnow
Günter Wallraff deckt schockierende Zustände in deutschen Psychiatrien auf. Doch auch an der Glaubwürdigkeit seines Films wird gezweifelt – es sollen manche angeblich live gedrehten Szenen nachträglich zusammengeschnitten worden sein. Bild: ©RTLnow

Professor Thomas Busse, Direktor des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR), beantwortet hier einige der Fragen, die nach der Ausstrahlung offengeblieben sind. Interview: Marina Urbanietz und Laura Cabrera

  • In der RTL-Sendung „Team Wallraff-Reporter undercover“ decken der Investigativjournalist Günter Wallraff und sein Team immer wieder medienwirksam Skandale auf. In der Ausgabe von 18.03.2019 berichteten die Reporter über die Zustände in zwei deutschen Psychiatrien und einer Jugendhilfeeinrichtung. Dafür schleusten sie sich als angebliche Pflegepraktikanten ein und filmten mit versteckter Kamera – ein juristisch wie ethisch kontrovers diskutiertes Vorgehen.

    Bild: ©RTLnow
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    Auf der Akutstation des Klinikums Frankfurt Höchst kam es aufgrund des Versorgungsauftrages immer wieder zu Überbelegungen. Die Reporter zeigten u. a. eine depressive alte Dame, die sich ein Zimmer mit einer sehr lauten, wahrscheinlich psychotischen Frau, teilen musste. Auch sollen die Chefarzt-Visiten mit allen Patienten auf dem Flur stattgefunden haben – unter Missachtung der Schweigepflicht. Das Klinikum reagierte in einer Stellungnahme 1 auf die Dokumentation.

    Die Psychiatrie Stuttgart Furtbach geriet in der Dokumentation in die Kritik, genesene Patienten nicht zu entlassen und zum Teil bewusst falsche Diagnosen zu stellen, um mehr Geld abrechnen zu können. Auf einer Station der Berliner Vivantes-Gruppe 2 dokumentierten die Journalisten, wie einem Patienten heimlich Medikamente ins Essen gemischt wurden.

    Schließlich wurde auch in den Wohngruppen des „Case Project“ in Wanderath in der Eifel gefilmt. Die Reporter berichten über Essensentzug und andere inadäquate pädagogische Methoden der Jugendhilfe-Einrichtung. Ebenso sollen Patienten gegen ihren Willen in ein Isolationszimmer gebracht und dort nicht angemessen betreut werden. Die Einrichtung hat in ihrer Pressemitteilung 3 Wallraff und sein Team der verfälschten Darstellung bezichtigt. Dem Spiegel gegenüber musste RTL sich bereits rechtfertigen, wegen einer offensichtlich unsauberen Aneinanderreihung von Szenen. 4

Herr Professor Busse, überraschen Sie die aufgedeckten Probleme?

Professor Busse: Die aufgezeigten Zustände überraschen in der vorgefundenen Dimension schon, wobei es definitiv sehr große Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Krankenhäusern gibt. Das Problem von psychiatrischen Abteilungen in Akut-Krankenhäusern ist aber generell, dass sie nicht unbedingt imagefördernd sind und eher etwas am Rande geführt werden. Zudem haben psychisch kranke Menschen in der Regel keine gute Lobby.

Wie ist die aktuelle Stimmungslage in der stationären Versorgung?*

Professor Busse: Nach den Aussagen der letzten OP-Barometer verschlechtert sich die Lage in den meisten Krankenhäusern. Dies betrifft insbesondere das wenige Personal, schlechte Organisationsprozesse, starre Hierarchien und eine immer weniger akzeptierte Unternehmenskultur. Besorgniserregend ist aber auch der starke Anstieg derjenigen, die diesen Beruf nicht mehr ergreifen würden. Sie verbreiten zu Hause, in der Freizeit und über soziale Netzwerke ein sehr schlechtes Image des Berufs Arzt oder Pflege und schrecken so mögliche Interessenten ab. Hier zeigt das OP-Barometer deutliche Tendenzen auf, die wir unbedingt ernst nehmen sollten.

*Professor Busse hat im Jahr 2017 bereits zum sechsten Mal eine Mitarbeitenden-Befragung in den Bereichen OP-Pflege und Anästhesie-Pflege in Krankenhäusern („OP-Barometer“) durchgeführt.

Klinik-Qualitätsberichte sind zu Hochglanzbroschüren verkommen

Dr. med. Jann E. Schlimme, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Interview mit einer Reporterin aus dem Team Wallraff Bild: ©RTLnow

In der Wallraff-Reportage fordert Jann Schlimme, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, mehr Transparenz über die Zustände in geschlossenen Psychiatrien und schlägt „einen regelmäßigen Psychiatrie-Report im Auftrag der Bundesregierung“ vor.

Ist ein regelmäßiger Psychiatrie-Report für mehr Transparenz sinnvoll?

Professor Busse: Ehrlich gesagt, geht fast jede „Reform“ für die Krankenhäuser heute mit einem enormen administrativen Aufwand einher, der die wenigen Ärzte und Pflegekräfte immer weiter vom Patientenbett entfernt. Es gilt sowohl bei der Krankenhausfinanzierung durch Fallpauschalen als inzwischen auch bei der Qualitätssicherung das Prinzip „wer schreibt, der bleibt“. Ich kenne Krankenhäuser, die zertifiziert sind, aber denkbar schlechte Abläufe und Strukturen haben. Ihre Qualitätsberichte sind teilweise zu Hochglanzbroschüren verkommen und oft steht eher der Marketinggedanke im Vordergrund.

Ein Psychiatriereport wäre wahrscheinlich ein weiteres Instrument, das die Zeit der Mitarbeiter bindet, das auf dessen Wahrheitsgehalt überprüft werden müsste und dessen Aussagekraft den Patienten nichts nützt. Oder glauben Sie tatsächlich, dass ein vom Klinikum Höchst (eins der negativen Beispiele in der Wallraff-Reportage, Anm. der Red.) erstellter Psychiatriereport die heute zu Tage getretenen Defizite offengelegt hätte?

Was können Ärzte tun, um sich im Sinne der Patienten gegen die Geschäftsleitung durchzusetzen?

Professor Busse: Wenn ein Arzt sich gegen die Geschäftsleitung zum Wohle der Patienten durchsetzen muss, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Leider finden wir derartige Arzt-/Geschäftsführungskonflikte heute sehr häufig vor. In einem erfolgreichen Krankenhaus arbeiten Administration, Ärzte und Pflege zusammen und nicht gegeneinander. Wenn dies nicht geschieht, jeder den anderen der Unfähigkeit bezichtigt und egoistische Grabenkämpfe um Pfründe in den Vordergrund rücken, treten Verwerfungen auf, die oft auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden.

„Doch es geht auch anders“

Aufenthaltsraum in St. Marien Hospital Eickel Bild: ©RTLnow

Mit diesem Satz stellt das Team Wallraff in den letzten Minuten der Reportage das St. Marien-Hospital in Herne Eickel als positives Vorbild vor. Eine geschlossene Psychiatrie, in der die Türen nicht verschlossen sind. Große offene Räume, kein Lärm, gepflegte Patientenzimmer. Das Konzept: Patienten mit akuten psychiatrischen Erkrankungen befinden sich nicht auf der gleichen Station, sondern werden verteilt und zusammen mit „gesünderen“ Patienten untergebracht, um ein „durchschnittlich möglichst niedriges Krankheitsniveau“ zu erreichen.

Wieso schaffen es manche Kliniken, trotz Kostendruck eine gute Versorgung zu gewährleisten, andere aber nicht?

Professor Busse: Bei allen negativen Tendenzen teile ich die Ansicht, dass es auch einige Krankenhäuser gibt, die über einen hoch zufriedenen und qualitativ hervorragenden Mitarbeiterstamm verfügen. Ich glaube allerdings, dass diese Kliniken eher in der Minderheit sind. Meistens sind es übrigens die Krankenhäuser, die früh begonnen haben, die Themen Personalbindung und -beschaffung inhaltlich fundiert und nicht nur mit Luftblasen zu besetzen.

Sie investieren in ihre Mitarbeiter, während andere leider bis heute noch glauben, ein hartes Spardiktat und eine autoritäre, hierarchische Mitarbeiterführung würden zum Erfolg führen. Diese Häuser stehen schon lange am Abgrund, sie merken es nur oft nicht! Ich wage sogar die These, dass Krankenhäuser, die nicht rechtzeitig begonnen haben, sich stetig zu verbessern, dies heute kaum noch aufholen können.

Psychiatrie ist nicht lukrativ, um dort zu investieren

Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, im Interview mit Günter Wallraff Bild: ©RTLnow

Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, stellt in der Reportage klare Forderungen, um den Zustand der psychiatrischen Versorgung zu verbessern, darunter bauliche Maßnahmen und eine bessere Finanzierung.

Welche Maßnahmen sollten von politischer Seite ergriffen werden, um die Situation zu ändern?

Professor Busse: Natürlich taucht der Ruf nach mehr Geld, mehr Personal und einer besseren Ausstattung sofort reflexartig auf und ist sicherlich auch gerechtfertigt. Ich glaube allerdings, dass bei den Krankenhäusern heute die finanziellen Mittel durchaus vorhanden wären. Es gibt aber Investitionsbereiche, die deutlich lukrativer sind als psychiatrische Abteilungen und es wird eben eher dort investiert. Der Fachkräftemangel in der Pflege ist ja mittlerweile durchaus bekannt, hier helfen dauerhaft nur langfristige Konzepte. Das Abwerben von Fachkräften aus dem Ausland halte ich in diesem Zusammenhang übrigens für sehr kurzsichtig und moralisch hinterfragbar.

Gewisse Politiker sollten auch mal aufhören, die Pflege in Sonntagsreden hervorzuheben, aber gleichzeitig die Frage zu stellen, ob Pflege Abitur braucht oder vielleicht auch von nicht dafür ausgebildeten Arbeitslosen bewerkstelligt werden kann. Was sicherlich sinnvoll sein könnte, wäre verbindlich zu definieren, welche strukturellen Voraussetzungen gegeben sein müssen, um eine psychiatrische Abteilung im Hinblick bspw. auf Patienten, Therapieangebote, Betreuungsschlüssel überhaupt betreiben zu dürfen.

  • In der RTL-Sendung „Team Wallraff-Reporter undercover“ decken der Investigativjournalist Günter Wallraff und sein Team immer wieder medienwirksam Skandale auf. In der Ausgabe von 18.03.2019 berichteten die Reporter über die Zustände in zwei deutschen Psychiatrien und einer Jugendhilfeeinrichtung. Dafür schleusten sie sich als angebliche Pflegepraktikanten ein und filmten mit versteckter Kamera – ein juristisch wie ethisch kontrovers diskutiertes Vorgehen.

    Bild: ©RTLnow
    Bild: ©RTLnow

    Auf der Akutstation des Klinikums Frankfurt Höchst kam es aufgrund des Versorgungsauftrages immer wieder zu Überbelegungen. Die Reporter zeigten u. a. eine depressive alte Dame, die sich ein Zimmer mit einer sehr lauten, wahrscheinlich psychotischen Frau, teilen musste. Auch sollen die Chefarzt-Visiten mit allen Patienten auf dem Flur stattgefunden haben – unter Missachtung der Schweigepflicht. Das Klinikum reagierte in einer Stellungnahme 1 auf die Dokumentation.

    Die Psychiatrie Stuttgart Furtbach geriet in der Dokumentation in die Kritik, genesene Patienten nicht zu entlassen und zum Teil bewusst falsche Diagnosen zu stellen, um mehr Geld abrechnen zu können. Auf einer Station der Berliner Vivantes-Gruppe 2 dokumentierten die Journalisten, wie einem Patienten heimlich Medikamente ins Essen gemischt wurden.

    Schließlich wurde auch in den Wohngruppen des „Case Project“ in Wanderath in der Eifel gefilmt. Die Reporter berichten über Essensentzug und andere inadäquate pädagogische Methoden der Jugendhilfe-Einrichtung. Ebenso sollen Patienten gegen ihren Willen in ein Isolationszimmer gebracht und dort nicht angemessen betreut werden. Die Einrichtung hat in ihrer Pressemitteilung 3 Wallraff und sein Team der verfälschten Darstellung bezichtigt. Dem Spiegel gegenüber musste RTL sich bereits rechtfertigen, wegen einer offensichtlich unsauberen Aneinanderreihung von Szenen. 4

Prof. Thomas Busse ist Direktor des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und – recht (ZGWR) und leitet den Studiengang MA Pflege- und Gesundheitsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences. Außerdem ist er Senior Consultant der Beratung im Krankenhaus (B.I.K) in Frankfurt am Main.

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  1. Stellungnahme des Klinikums Frankfurt Höchst
  2. Pressemitteilung Vivantes-Gruppe
  3. Stellungnahme “Case Project” Wanderath
  4. Spiegel online: RTL erläutert unglückliche Bildmontage”, 19.03.2019

Bildquelle: Alle Bilder in diesem Beitrag sind Screenshots aus der Reportage „Team Wallraff-Reporter undercover“ Staffel 6 Folge 1: „Undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe“, abrufbar auf RTLnow.

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