03. April 2020

Interview

„Wir befinden uns inmitten einer schweren Krise“

Prof. Dr. Peter Palese, renommierter Virologe am Mount Sinai Hospital in New York, spricht über neue Methoden bei der Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2, mögliche Therapieansätze und die dramatische Situation in der Stadt.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Was macht SARS-CoV-2 im Vergleich mit anderen Viren (Influenzaviren, SARS, MERS, …) besonders?

SARS-CoV-2 ist ein pandemisches Virus, welches Menschen überall auf der Welt infiziert. In dieser Hinsicht ähnelt es Influenzaviren, die ebenfalls in Pandemien auftreten können. Wir hatten pandemische Influenzaviren beispielsweise 1918/1919 (Spanische Grippe) und 1968 (Hongkong-Grippe). Solche Pandemien treten auf, wenn die Population immunologisch naiv ist und keine Antikörper gegen das Virus, in diesem Fall SARS-CoV-2, im Immunsystem vorhanden sind.

SARS und MERS unterscheiden sich von SARS-CoV-2 darin, dass sie weniger leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Ich muss aber auch sagen, dass wir nicht wissen, weshalb eine Übertragung dieser Viren zwischen Menschen nicht so einfach ist, bei SARS-CoV-2 hingegen schon, obwohl alle 3 zur Familie der Coronaviren zählen.  

Wie schätzen Sie den weiteren Verlauf der Pandemie ein?

Wenn SARS-CoV-2 eine Saisonalität hat, was bedeutet, dass es häufiger in den Wintermonaten als in den Sommermonaten auftritt, haben wir möglicherweise eine temporäre Atempause, da wir uns dem Sommer nähern. Eine solche Saisonalität ist für Influenzaviren in der nördlichen Hemisphäre bekannt.

Ist dies nicht der Fall, kann die Herdenimmunität (was bedeutet, dass sich viele Menschen mit dem Virus infizieren und anschließend immun dagegen sind) die Rettung sein.

Ich möchte jedoch betonen, dass wir all dies derzeit nicht wissen.

Welche Therapiemöglichkeiten sehen Sie für Covid-19?

Gegen viele Viren gibt es effektive Impfstoffe und gegen andere Viren haben wir gute Virostatika. Gegen SARS-CoV-2 ist derzeit keines von beiden vorhanden. Ich bin dennoch optimistisch, dass uns Vakzinen und Virostatika zur Verfügung haben werden. Doch wie Dr. Tony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) in Washington D.C. kürzlich sagte, wird es wohl 12 bis 18 Monate dauern bis wir eine effektive und sichere Impfung haben. Die Entwicklung eines wirksamen und sicheren Virostatikums wird ähnlich lange dauern.  

Welche Ansätze bei der Entwicklung von Impfstoffen halten Sie für erfolgsversprechend?

Eine neuartige Technologie bei Vakzinen ist die intramuskuläre Injektion von mRNA, die für das Oberflächen-Glykoprotein von SARS-CoV-2 codiert. Das ist ein sehr vielversprechender Ansatz, wir stehen aber erst am Beginn von Studien an Menschen. Außerdem gibt es klassische Strategien, die ebenfalls funktionieren sollten. Da das Virus aber erst kürzlich aufgetaucht ist, ist der Zeitraum für die Entwicklung eines Impfstoffs allerdings nicht optimal.

In der Zwischenzeit ist der Transfer von Blutserum rekonvaleszenter Patienten eine Möglichkeit zur Prävention und Therapie von Covid-19, die auch relativ schnell zur Verfügung stünde. Es gibt Bemühungen in diese Richtung in vielen Ländern, auch den USA. Auch die Verfügbarkeit eines kommerziellen Cocktails von monoklonalen Antikörpern gegen SARS-CoV-2 könnte einen Unterschied machen. Diese beiden Ansätze nutzen eine passive Immunisierung.

Wie erleben Sie die derzeitige Situation in New York?

Wir befinden uns inmitten einer schweren Krise, und es gibt wenig Hinweise, dass sich diese Pandemie zum Guten wenden wird.

Mein Sohn arbeitet als Chirurg in einer Klinik in New York City und wurde bereits gefragt, ob er auf einer Intensivstation arbeiten könne, da dort das Personal fehle, um alle Covid-19-Patienten zu versorgen. Eine seiner Assistenzärztinnen, die mit ihren Eltern zusammenlebte, hat nun innerhalb von 48 Stunden beide Elternteile durch Covid-19 verloren. Es ist wahrscheinlich, dass diese junge Ärztin sich in der Klinik mit dem Virus infiziert hat und es mit nach Hause zu ihren Eltern brachte.

Prof. Dr. Peter Palese ist Professor für Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York. Seine Forschung beschäftigt sich mit RNA-Viren, insbesondere Influenzaviren. Er konnte erstmals genetische Landkarten von Influenza A, B und C-Viren erstellen, er identifizierte die Funktion mehrer viraler Gene und entwickelte den Mechanismus der Neuraminidase-Hemmung. Er hat über 250 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und ist einer der meistzitierten Virologen weltweit. Prof. Palese ist u.a. Mitglied im Fachbeirat der FDA für Impfstoffe und Herausgeber des Journals of Virology.

Bildquelle: © Icahn School of Medicine at Mount Sinai

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