31. März 2020

Interview

„Das große Problem ist der Personalmangel“

Der Intensiv- und Notfallmediziner PD Dr. Johannes Winning (Universitätsklinikum Jena) berichtet über die Vorkehrungen seiner Klinik auf den Höhepunkt der Covid-19-Epidemie und die Herausforderungen, die er dabei sieht.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Marina Urbanietz, Christoph Renninger. Das Interview wurde am 30.03.2020 geführt.

Wie bereiten Sie sich in Ihrer Klinik auf den Höhepunkt der Covid-19-Epidemie vor?

Bei der Vorbereitung spielen bei uns einige Faktoren eine wichtige Rolle. 

PD Dr. Johannes Winning, Leiter des Funktionsbereich Notfallmedizin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Universitätsklinikum Jena
PD Dr. Johannes Winning, Leiter des Funktionsbereich Notfallmedizin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Universitätsklinikum Jena

(Über)regionale Vernetzung: Ein wesentlicher Faktor ist, dass man sich als Krankenhaus in die Region miteinfügt. Wir haben gute Verbindungen in den Krisenstab der Stadt Jena und versuchen das Universitätsklinikum in das Gesamtsystem zu integrieren. Zudem müssen wir uns auch über die Region hinaus vernetzten. Das ist besonders wichtig für die Nutzung von Ressourcen, Transportsysteme, den Rettungsdienst oder für die Betreuung von Altenheimen.  

Reorganisation der Notaufnahme: Wichtig ist auch, mehr Platz in der Klinik zu schaffen, u.a. auch für eine größere Notaufnahme. Viele Kliniken haben inzwischen eine zweite Notaufnahme in Betrieb genommen. Wir haben ein System vor der Klinik etabliert, damit infektiöse und nicht-infektiöse Patienten separiert werden können. Zudem haben wir Seminarräume, die für den Unterricht von Studierenden gedacht sind und gegenüber der Notaufnahme liegen, für die Notaufnahme umfunktioniert.  

Stationäre Ressourcen: Ein weiteres Thema sind die stationären Ressourcen. Die eigentliche Infektionsstation musste bereits mehrfach umziehen, weil wir einen Gebäudeteil komplett leergeräumt haben, in dem wir die Covid-19-Patienten unterbringen können. Neben den Betten für normale Stationen müssen auch Intensivbetten geschaffen werden. Da haben wir deutlich zugelegt – von ursprünglich 80 Betten auf jetzt 140. Und wir sind noch dabei, dies weiter zu steigern. 

Personal: Das nächste große Problem ist das Personal. Wir gehen davon aus, dass in den heißen Phasen der Epidemie bis zu zwei Drittel des Personals ausfallen. Dementsprechend ist es wichtig, dass wir zusätzliches Personal haben. Mitarbeiter, die bei uns bereits einmal tätig waren, beispielsweise im Rahmen der Facharztausbildung oder auch in der Krankenpflege, werden wieder zurückgeholt und neu eingearbeitet. 

Ärzte und Pfleger ohne Erfahrung sollen im Krisenfall intensivmedizinische Aufgaben übernehmen. Kann das aus Ihrer Sicht überhaupt funktionieren?

Dr. Winning: Unser Ziel ist es, dass wir zunächst die Kolleginnen und Kollegen, die relativ gut ausgebildet sind, in den Bereichen einsetzen, in welchen wir Covid-19-Patienten haben. Aber wir haben ja noch sehr viele andere Aufgaben. Wir haben elektives Programm gestoppt, aber es gibt trotzdem noch immer Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Polytraumata.

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Wir versuchen, die Kollegen, die weniger ausgebildet sind, nicht gerade im Hotspot arbeiten zu lassen, sondern eher in den Bereichen, die fast im Routinebetrieb laufen. Wir haben einen Pool aus Medizinstudierenden am Universitätsklinikum Jena und Studierenden der Ernst-Abbe-Hochschule, wo ich auch tätig bin, die sich bereiterklärt haben, in der kritischen Lage zu helfen (insgesamt über 800 Studierende). Jetzt versuchen wir, sie auch entsprechend einzuarbeiten.

Wie viele Covid-19-Patienten haben Sie aktuell? Wie viele davon müssen intensivmedizinisch betreut werden? 

Dr. Winning: Wir haben im Moment gar nicht so viele Patienten. Auf der Normalstation (Infektionsstation) sind es 7 bis 10. Intensivmedizinisch müssen wir gerade 2 Patienten behandeln. Eine Patientin ist leider bereits verstorben. Aufgrund der Grunderkrankung war die Lage so schlecht, dass man sich dazu entschieden hat, nicht mehr zu intubieren.  

Anhand welcher Faktoren entscheiden Sie, welche Patienten beatmet werden sollen?

Dr. Winning: Wir haben bis jetzt das Hauptziel, dass wir die sogenannte Triage vermeiden. Im Moment stellt sich die Frage auch noch nicht. Aber natürlich haben wir alle die Sorge, dass irgendwann dieser Punkt erreicht wird.

Wir haben eine Task Force gegründet, die sich mit Pflegeheimen beschäftigt, mit denen wir zusammenarbeiten. Man kann zum Beispiel schon im Vorfeld vermeiden, dass Patienten, die eine Patientenverfügung haben und gar nicht in eine Klinik wollen, zu uns gebracht werden.

Wir entwickeln derzeit eine SOP (Standard Operating Procedure) für den Rettungsdienst, mit einem Schockraumalarm für die Fälle, wenn der Patient zum Beispiel schon intubiert ist oder einen Larynxtubus hat, die Sauerstoffsättigung unter 92% liegt oder die Atemfrequenz über 29/Minute. Das sind allerdings Trigger, für die keine Evidenz vorliegt und die im Verlauf noch einmal angeglichen werden müssen.

Diese Patienten würden dann in einen Schockraum gebracht, um zu entscheiden ob sie stationär oder intensivmedizinisch aufgenommen werden müssen. Dabei spielt die Atemfrequenz, die Sauerstoffsättigung und die Herzfrequenz eine Rolle.

In Abwägung der Gesamtsituation des Patienten, aber auch der Gesamtsituation des Krankenhauses und der Bettenverfügbarkeit, muss dann eine Entscheidung getroffen werden. Hier muss man das Wort „Triage” dann doch in den Mund nehmen. Dabei orientieren wir uns an den ethischen Richtlinien, die von den Fachgesellschaften erstellt worden sind.

PD Dr. Johannes Winning ist Leiter des Funktionsbereich Notfallmedizin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Universitätsklinikum Jena und hat eine Professur für Rettungswesen und Notfallversorgung an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena inne.

Interview in voller Länge

Das Interview mit Dr. Johannes Winning in voller Länge können Sie sich in diesem Video ansehen.

Dauer: 15 Minuten

Bildquelle: © Uniklinikum Jena

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