20. März 2020

Covid-19 in Italien

„Jeden Abend schaut man sich den Verlauf der Daten an und hofft”

Dr. Patrick Welte ist als Facharzt für Pneumologie am Zentralkrankenhaus in Vicenza tätig. Wir haben mit ihm über die Situation in Italien gesprochen. Außerdem berichtet er von seiner klinischen Erfahrung mit Covid-19 und verrät, was in Deutschland noch heute geschehen muss, um eine weitere Ausbreitung einzuschränken.

Lesedauer: 4 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling; das Interview fand am 19.03.2020 statt.
Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des befragten Arztes wider.

Wie ist die derzeitige Situation an Ihrer Klinik?

Dr. med Patrick Welte ist Facharzt für Pneumologie an der <span>HUB</span> Unit Pneumologie Vicenza und Vertragsprofessor an der Universität Verona.
Dr. med Patrick Welte ist Facharzt für Pneumologie an der HUB Unit Pneumologie Vicenza und Vertragsprofessor an der Universität Verona.

Dr. Welte: Hier in Venetien haben wir einen etwas flacheren Verlauf, nicht exponentiell wie in der Lombardei. Deshalb konnten wir nach und nach Krankenhausplätze schaffen. Bisher können wir es, was die Aufnahmekapazität anbelangt, noch bewerkstelligen. Es wird aber zunehmend schwieriger, nicht invasive Beatmungsgeräte und Material bereitzustellen, um die Intensivabteilung nicht mit Patienten zu überschwemmen. 

Was würden Sie deutschen Ärzten empfehlen?

Dr. Welte: Wir haben viel Platz geschaffen, unsere Infektionsabteilung wurde komplett auf Covid-19-Fälle umgestellt. Darüber hinaus wurden Operationssäle in Intensivabteilungen umgewandelt. Weiterer Platz ist für Semi-Intensivbehandlung vorgesehen.

Medizinisch wende ich mich an meine Kollegen aus der Pneumologie und die Intensivärzte in der Klinik: Die Tests sind gelegentlich falsch negativ. Wenn Labor und Symptomatik für eine Infektion sprechen und beidseitige wandständige Lungeninfiltrate zu sehen sind, dann führen Sie eine Bronchoskopie durch, um Material für die PCR zu gewinnen. Haben Sie wenige Infiltrate im Röntgen aber einen Verdacht, führen Sie ein CT durch. Die Infiltrate mit typischer Verteilung sieht man dann sofort. 
Außerdem ist die Beatmungstechnik sehr wichtig. Die ersten Anzeichen einer Verschlechterung in der Blutgasanalyse sind ein Alarmsignal. Die Alveolen fangen dann an zu kollabieren und es braucht eine nicht-invasive Beatmung mit hohem PEEP. Die Lunge öffnet sich recht schnell wieder und ist erstaunlich compliant, nicht wie beim ARDS. Bei weiterer Verschlechterung sollten Sie im Sinne eines ARDS intubieren und beatmen. Es gilt, plötzlichen Verschlechterungen zuvorzukommen: Der Zustand des Patienten kann sich sehr schnell verändern. Denken Sie auch über kleine Versuchsprotokolle für neue Therapieansätze nach.

Wo gibt es die größten Probleme?

Das größte Problem sind Beatmungsgeräte. Wir haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, in den nächsten Tagen sollen jedoch neue Geräte angeliefert werden. Auch die Schutzausrüstung wird langsam knapp, Nachschub sollte aber kommen.

Wie gehen Sie persönlich mit der Covid-19-Gefahr um?

Dr. Welte: Wenn ich vor ein Problem gestellt werde, fokussiere ich mich auf die wichtigsten Aspekte und gehe voran. Das hilft. Aber vor ein paar Tagen wurde ein Intensivkollege und Freund von mir, mit einem sehr schweren Verlauf in die Klinik eingewiesen. Das musste ich erst mal wegstecken. Auch der Gedanke, dass ich die Krankheit nach Hause bringen kann, beschäftigt einen natürlich.

In Europa ist Italien am stärksten vom neuartigen Coronavirus betroffen. Welche Fehler wurden gemacht, dass die Situation dort derart eskalieren konnte?

Dr. Welte: Ich würde sagen, dass Italien bisher am stärksten getroffen wurde. Da Italien ein zentrales Gesundheitssystem hat und das Krankenhaus die zentrale Anlaufstelle ist, wurden hier sehr schnell sehr viele Tests gemacht. Dies ist leider in anderen Ländern nicht geschehen. Der Hauptfehler dagegen war es wohl, nicht gleich den Shutdown zu machen. Man hat aus ökonomischen Beweggründen gewartet. China und Korea hatten durch die SARS-Epidemie bereits Erfahrung und haben schneller reagiert. Ich fürchte, daraus hat man woanders nicht gelernt. 

Ihre Einschätzung: Wann wird sich die Lage in Italien stabilisieren?

Dr. Welte: Aktuell gibt es in Bergamo die ersten Anzeichen, dass die Kurve abflacht. In Brescia hingegen geht sie noch nach oben. Hier in Venetien scheint es einen flacheren Verlauf zu geben. Ich hoffe, dass im Süden noch eine lokale Kontrolle, wie zum Beispiel im Ort Vo‘ in Venetien, möglich sein wird. Jeden Abend um 18 Uhr schaut man sich den Verlauf der Daten an und hofft. 

Was sollte in Deutschland heute noch passieren, damit eine Ausbreitung des Virus eingeschränkt werden kann? Kann ein Szenario wie in Italien überhaupt noch vermieden werden?

Dr. Welte: Ich rate den Leuten, zu Hause zu bleiben, alle Arten von Ansammlungen zu meiden, auch keine Kaffeekränzchen zu veranstalten. Die Bevölkerung muss mitmachen, sonst wird es sehr hart werden!

Hals-Nasen-Abstriche bei möglichen Kranken sollten über ein mobiles System daheim gemacht werden. Ich sehe in Deutschland viele kleine Herde, wenig Abstriche für Diagnostik und statistisch viel zu wenig die registrierte Todesursache Covid-19. Ich fürchte, dass häufig die Haupttodesursache angegeben wurde und Covid-19 so nicht erfasst wurde. Ich denke, ein Shutdown ist das Minimum, was gemacht werden muss. Härtere Eingriffe sind in einer Demokratie schwierig. 

Welchen Rat geben Sie Ihren Kollegen in Deutschland mit auf den Weg?

Dr. Welte: Erst einmal testen, testen, testen. So weiß man, an welchem Punkt man steht (Beispiel: Südkorea). Darüber hinaus muss der Bevölkerung klar gemacht werden, dass sie ihr eigenes Schicksal bestimmt. 

Ich habe volles Vertrauen in meine deutschen Kollegen und weiß, dass sie alles tun werden, was in ihrer Macht steht. Wenn alles vorbei ist, hoffe ich, den einen oder anderen auf ein Glas Valpolicella begrüßen zu können.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des befragten Arztes wider. 

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