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Klinik-Wissen kompakt

06. März 2025

Medizinische Innovationen während der Napoleonischen Kriege

Kriege und Notfallmedizin gehen Hand in Hand. Während der Napoleonischen Kriege hat besonders ein Arzt für weitreichende Innovationen gesorgt, die uns auch heute noch beeinflussen: Dominique Jean Larrey.

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Schlacht bei Hanau 1813, Ambulanz
Der französische Militärarzt Dominique Jean Larrey (1766-1842), im Einsatz bei einer Amputation: Schlacht bei Hanau, 30./31. Okt. 1813. (Foto: picture alliance / akg-images | akg-images)

Autorin: Bernadette Neuhauser | Redaktion: Marc Fröhling

Die Napoleonischen Kriege (Koalitionskriege, 1792 – 1815) brachten viel Leid über die beteiligten Völker. Gerade auf dem Schlachtfeld war die Menge an Verletzten groß und nicht wenige bezahlten mit ihrem Leben. Doch vor allem ein Arzt sorgte in all diesem Leid für Hoffnung: Baron Dominique Jean Larrey

Kindheit und erste Jahre der Ausbildung

Dominique Jean Larrey wurde 1766 in Beaudean, Südfrankreich geboren. Seine Eltern starben früh und so ging er mit 13 Jahren zu seinem Onkel und studierte unter dessen Anweisung Medizin. Aus Mangel an Alternativen legte er den Weg von seinem kleinen Heimatdorf nach Toulouse in einem fünftägigen Fußmarsch zurück. 

Mit nur 19 Jahren gewann Jean Larrey einen Medizinpreis und zog anschließend nach Paris, um Hilfschirurg der französischen Marine zu werden. Dort machte ihm jedoch die Seekrankheit zu schaffen und nach nur 6 Monaten verließ er das Schiff wieder. 1792 brach der Krieg aus und der aufstrebende Arzt wurde als Chirurg der Rheinarmee zugeteilt. Insgesamt nahm er hier an 25 Feldzügen und 60 Schlachten teil. 1-3 

Das Konzept der „fliegenden Ambulanzen“ 

Vor den Innovationen durch Jean Larrey waren die Militärkrankenhäuser eine Meile vom Schlachtfeld entfernt. Verletzte blieben auf dem Feld, solange die Schlachten andauerten. Erst nach dem Abklingen der Kämpfe wurden sie abgeholt und zum Feldlazarett transportiert. Oftmals vergingen 24 – 36 h von der Verletzung bis zur Behandlung und viele Soldaten starben in dieser Zeit. 3 

Jean Larrey entwickelte ein System, das auf dem Einsatz von Kutschen beruhte. Diese waren gefedert und mit Matratzen, Tragen und chirurgischem Material ausgestattet. Erste Tests dieser Kutschen fanden 1793 in der Schlacht von Metz statt, dort bewährten sie sich und wurden bei dem Italienfeldzug Napoleons im Jahr 1796 – 1797 erfolgreich eingesetzt. Die schnellere Evakuierung sorgt für deutlich bessere Überlebenschancen der Soldaten.3 

Bis heute noch essentieller Bestandteil der Notfallmedizin: Die Triage 

Vor der Entwicklung des Konzepts der Triage wurden Verwundete erst nach Schlachten versorgt, was zu großen Verlusten führte. Neben Jean-Larrey war auch der Arzt Pierre-Francois Percy eine wichtige Figur bei der Entwicklung dieses neuen Systems. Sein Ansatz war es jedoch, vorrangig Offiziere zu behandeln. Außerdem lag der Fokus bei ihm darauf, Soldaten wieder kampffähig zu machen. Männer, bei denen das nicht möglich war, wurden auf dem Schlachtfeld zurückgelassen.4 

Im Gegensatz dazu teilte Jean Larrey die Soldaten unabhängig ihres Ranges in die einzelnen Kategorien der Triage ein, die auch heute noch so ähnlich existieren. Ziel seines Konzepts war es, möglichst viele Leben zu retten. Er teilte die Verletzten in die drei Kategorien „schwer verletzt“, „mittelschwer verletzt“ und „leicht verletzt“ ein. Hinzu kam, dass er auch verwundete Feinde nach dem gleichen Prinzip behandelte, was von seinen hohen moralischen Prinzipien zeugt.3,4 

Chirurgische Innovationen 

Doch nicht nur in der Organisation der Rettung brachte der Mediziner große Innovationen. Auch chirurgisch sorgte er für viele neue Erkenntnisse. So perfektionierte er seine Technik der Amputation so weit, dass er z.B. ein Bein in weniger als einer Minute amputieren konnte. Dadurch sank die Sterblichkeit drastisch. Bei der Schlacht von Borodino (1812) führte er an einem Tag 200 Amputationen durch und senkte durch seine effiziente Technik die Sterblichkeit von über 90 % auf unter 25 %.2,3

Außerdem entwickelte er neue Techniken bei der Thoraxchirurgie und drainierte erstmals Lungenverletzungen wie z.B. einen Hämatothorax. Auch erste Wiederbelebungsversuche führte er im Rahmen von assistierter Beatmung mit Hilfe eines Blasebalgs in die Nasenhöhlen durch. Geradezu revolutionär war seine Erkenntnis, infektiöse Patienten voneinander zu trennen, lange bevor Mikroorganismen als Ursache hierfür erkannt wurden.3

Das Prinzip der therapeutischen Hypothermie 

Kälteverletzungen waren in Kriegen oft ein großes Problem. Durch genaues Beobachten erkannte Jean Larrey allerdings, dass nicht die Kälte zu den Hautproblemen führte, sondern zu schnelle Erwärmung. Er erkannte, dass sich vor allem bei Soldaten, die sich direkt am Feuer aufwärmten, häufig ein Gangrän entwickelte. 

Seine Lösung dafür war folgende: Die Männer sollten sich betroffene Körperteile mit Schnee einreiben und anschließend mit „spirituösen Tonika“ behandeln, wie z.B. Brandy oder Essig. Das Prinzip der langsamen Erwärmung bei Unterkühlung ist mittlerweile wissenschaftlich belegt.5 

Weiterhin bemerkte er, dass Soldaten mit eingefrorenen Gliedmaßen weniger Schmerz bei der Amputation empfanden und erkannte, dass kalte Temperaturen für Schmerzlinderung und Schockprävention genutzt werden können. Die „therapeutische Hypothermie“ wird auch heute noch angewendet, z.B. bei Trauma oder Schlaganfall.5 

„Der tugendhafteste Mann, den ich je kannte“

Portrait von Dominique Jean Larrey (1766-1842)
Portrait von Dominique Jean Larrey (1766-1842), 1804. (Foto: picture alliance / Heritage Images | Fine Art Images)

„Der tugendhafteste Mann, den ich je kannte“: Mit diesen Worten lobte Napoleon seinen Leibarzt. Die humanistische Einstellung Jean Larreys sorgte dafür, dass er ein hohes Ansehen hatte. Gerade, weil er Soldaten unabhängig von ihrem Rang behandelte – sogar die aus feindlichen Truppen. Aber natürlich sorgten auch seine vielen Innovationen, die nicht wenigen das Leben retteten, für seinen Status als Heilsbringer. Als er bei dem Russlandfeldzug 1812 in Gefahr geriet, riefen die Soldaten „Rettet unseren Retter!“ und trugen ihn über eine Brücke.3

Schließlich wurde er jedoch 1815 bei der Schlacht von Waterloo gefangen genommen und sollte hingerichtet werden. Seine Rettung war ein preußischer Offizier, dessen Sohn er das Leben gerettet hatte und der ihn wiedererkannte und die Hinrichtung verhinderte.3 

Letzte Jahre und Tod 

Nach der Niederlage Napoleons arbeitete Jean Larrey in französischen Militärkrankenhäusern weiter. Napoleon hinterließ ihm in seinem Testament als Dank für seine Arbeit 100.000 Francs. 1842 erkrankte der Chirurg während einer Algerien-Reise und starb kurz darauf.3

Fazit 

Die Innovationen, die Dominique Jean Larrey voran brachte und heute immer noch in der Medizin wichtige Rollen spielen, hätten wohl für drei Leben gereicht. Die Triage ist in der Notfallmedizin ein täglich angewendetes Hilfsmittel und seine „fliegenden Ambulanzen“ haben den Grundstein für moderne Systeme wie „Medevac“, welche zur Evakuierung aus Kriegsgebieten genutzt werden, gelegt.1 

Eine weniger sichtbare Innovation war jedoch für die damalige Zeit genauso beeindruckend: Die Behandlung von Soldaten unabhängig von Rang und nationaler Zugehörigkeit. Jean Larrey hat es geschafft, diese scheinbar unüberwindbaren Unterschiede beiseite zu legen und jeden zu sehen, als das, was er in dem Moment war: Ein Patient, der seine Hilfe benötigt. 

Alles in Allem ein Mann, an dessen Eifer, Neugierde und moralischen Standards man sich auch heute noch ein Beispiel nehmen kann. 

Dieser Beitrag ist im Original bei Univadis.de erschienen. 

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