08. Dezember 2021

Gleichberechtigung im Job – Unterschiede zwischen Ärztinnen und Ärzten

Knapp 2 Drittel aller Medizinstudierenden sind Frauen. Ihr Anteil liegt nach der Approbation bei etwa 48%. Ist Chancengleichheit endlich in der Medizin angekommen? Daran bestehen erhebliche Zweifel.1

Lesedauer: 4 Minuten

Frauen deutlich seltener in Führungspositionen

Der Anteil der Frauen in Führungspositionen in der Universitätsmedizin lag 2019 bei nur 13%. Und nur 31% aller Oberarzt-Positionen waren 2016 in weiblicher Hand.

Medscape wollte deshalb wissen: Gibt es zwischen Ärztinnen und Ärzten Unterschiede bei Karrierechancen oder bei der Work-Life-Balance? Wer kümmert sich etwa, wenn die Kinder krank sind? Oder haben sich so manche Ärzte und Ärztinnen gar gegen Kinder entschieden, weil der Beruf so fordernd und die Unterstützung für Familien ungenügend ist?

Die Umfrage hat etliche Kritikpunkte zu Tage gefördert. An der Befragung haben 1.040 Medscape-User teilgenommen (534 Männer, 500 Frauen; Mehrheitlich >45 Jahre; knapp 800 Teilnehmende haben Kinder). Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick.

Frauen fühlen sich häufig benachteiligt

Wenig überraschend gaben 60% aller Frauen an, dass sie sich benachteiligt fühlen. Interessant ist aber, dass sich auch 40% aller männlichen Ärzte in Geschlechterfragen benachteiligt fühlen. Die Rahmenbedingungen scheinen für Ärztinnen aber deutlich schlechter als für Ärzte zu sein, was sich mit den eingangs genannten Zahlen deckt.

Medizin ist als Studiengang für Frauen und Männer gleichermaßen interessant. Doch im Zuge ihrer Laufbahn scheinen Ärztinnen eher als Ärzte ausgebremst zu werden. Mit der Umfrage begibt sich Medscape auf Spurensuche: Welche Hürden stehen Frauen eher im Wege als Männern?

Wo drückt der Schuh?

Frauen und Männer antworteten auf die Frage, welche Themen am Arbeitsplatz ihnen die größten Sorgen bereiteten, durchaus unterschiedlich, was Gender-Problematiken im Job dokumentiert. Am Einkommen stören sich eher Männer (16%) als Frauen (10%), während Kolleginnen (8%) häufiger als Kollegen (3%) Karrierechancen vermissen.

Auch die Vereinbarkeit von Job und Kindererziehung sehen Frauen problematischer als Männer (15% versus 7%). Nach wie vor scheint Kinderbetreuung eher in der Hand von Müttern als von Vätern zu sein. Gleichstellung umfasst aber mehr als die Familie. Hier sehen 8% der Frauen, aber nur 1% der Männer Defizite. Noch ein Blick auf die Work-Life-Balance.  Von Defiziten berichten 28% der Frauen und 33% der Männer.

Bei Detailanalysen fallen Besonderheiten auf (Daten nicht grafisch dargestellt). Vor allem jüngere Männer äußern Kritik an der fehlenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In der Generation unter 45 waren es 24% der Frauen, aber 44% der Männer. Und bei den Millennials, die zwischen Anfang der 1980er- bis Ende der 1990er-Jahren geboren worden sind, kritisierten 25% versus 46% diesen Aspekt.

Interessant für die Chefs im Medizinbetrieb: Scheinbar ist die junge Generation der Health Professionals nicht mehr bereit, das Leben zu Gunsten der Praxis beziehungsweise der Klink zu opfern. In ihrem „Zukunftsbild Heilberufler 2030“ https://www.apobank.de/praxis-apotheke/gruenden/existenzgruender-analysen/zukunftsbild-der-aerzte ist die apoBank zu ähnlichen Ergebnissen gekommen

Karriere und Gehalt – wie benachteiligt fühlen sich Frauen?

Die Umfrage zeigt aber auch: Mediziner bewerten – je nach Geschlecht – ihre Karriere-Chancen im beruflichen Umfeld ganz unterschiedlich. 17% aller Ärzte haben den Eindruck, dass sie als Mann Vorteile – sehr positive plus positive Auswirkungen – bei Beförderungen haben (Frauen nur 4%).

Hingegen sprechen 42% der Frauen von negativen Einflüssen (Männer: 5%). Weder positiv noch negativ bewerten 76% der Männer, aber nur 48% der Frauen, ihre Situation.

Ein Großteil aller Männer (81%) sieht bei Verdienstmöglichkeiten keine Gender-Effekte, was 62% der Frauen ähnlich bewerten. Negative Einflüsse geben 32% aller weiblichen, aber nur 3% aller männlichen Umfrageteilnehmer zu Protokoll.

In welchen Bereichen geht es jetzt gerechter zu als vor 5 Jahren?

Ob sich beim Thema Gendergerechtigkeit in den letzten 5 Jahren viel getan hat? Die Antworten in der Medscape-Umfrage fallen je nach Themenbereich sehr unterschiedlich aus:

15% aller Männer, jedoch 24% aller Frauen, sehen keine nennenswerten Verbesserungen in zentralen Bereichen ihrer Tätigkeit. Männer nennen eher Fortschritte beim Einkommen (36%) und bei Aufstiegschancen (44%) als Frauen (jeweils 19%). Starke Übereinstimmung gibt es bei Teilzeitangeboten (59% versus 55%) und beim Homeoffice (16% versus 14%). Verbesserungen bei den Arbeitszeiten geben Männer und Frauen unterschiedlich häufig an (54% bzw. 41%).

Alles in allem ist hier viel Luft nach oben – und Arbeitgeber sollten handeln. Schon lange fehlen Fachkräfte für ärztliche sowie für pflegerische Tätigkeiten. Werden Arbeitsplätze nicht attraktiver, könnte sich die Situation weiter zuspitzen.

40:60 – Chefinnen auf dem Vormarsch

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Die Umfrage zeigt, dass 42% aller Frauen und 61% aller Männer in einer Führungsposition arbeiten. Weitere 18% bzw. 15% beaufsichtigen Kolleginnen oder Kollegen.

Langsam scheint sich die Schere zu schließen. Dies belegen weitere Umfragedaten, die aus Platzgründen nicht grafisch dargestellt werden: Deutlich mehr Frauen (39%) als Männer (24%) streben aktuell eine Beförderung an.  Geschlechterspezifische Förderprogranne sind allerdings selten (6% bzw. 5% der Nennungen); allgemeine Förderprogramme wurden häufiger genannt (22% bzw.  28%).

Wie häufig Verwechslungen mit dem Pflegepersonal vorkommen, wer sich in erster Linie um die Kinder kümmert oder für die Karriere auf diese verzichtet und welche Auswirkungen die Covid-19-Pandemie hat, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags.

  1. Gottschling C & van den Heuvel M. Report: So schlecht steht es um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Arztberuf – die Ergebnisse der Medscape-Umfrage. Medscape, 23.11.2021

Bildquelle: © Getty Images/RUNSTUDIO

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