13. Juli 2020

Notfall- und Intensivmedizin: 10 aktuelle Studien, Tweets & Co.

Soziale Medien spielen inzwischen weltweit für die medizinische Weiterbildung eine große Rolle. Heute möchten wir Ihnen die medizinische Initiative “#dasFOAM” vorstellen.

Lesedauer: 4 Minuten

“#dasFOAM” ist eine Gruppe von MedizinerInnen aller Berufsgruppen (Rettungsdienst, Studierende, Pflegende und (Ober-)ÄrztInnen verschiedener Fachrichtungen). Sie berichten über aktuelle Themen in der Notfall- und Intensivmedizin, die als FOAM (Free Open Access Medical Education) verfügbar sind. Dazu präsentieren sie in regelmäßigen Abständen interessante Podcasts, Blogs, Studien oder auch Tweets der jüngeren Zeit.

Anm. der Redaktion: Der folgende Artikel wurde zuerst auf dasfoam.org veröffentlicht.

1. Akustische Zeitansage bei traumatologischen Notfällen

„Sag mal, wie lange sind wir eigentlich schon hier?“ – In dynamischen und komplexen Einsätzen verschiebt sich unsere zeitliche Wahrnehmung: Curtis et al. haben in einer prospektiven Studie untersucht, ob bei traumatologischen Notfällen die Einführung einer akustischen Zeitansage Einfluss auf die Verweildauer des Arzt-Paramedic-Teams an der Einsatzstelle hat. Dazu wurde nach Eintreffen alle 5 Minuten die gesamte Zeit vor Ort per Funk durchgegeben. Während insgesamt ein nicht signifikanter Unterschied festgestellt wurde, konnte in der Subgruppenanalyse von PatientInnen mit GCS <8 (28 vs. 25 min, p=0,017) oder notwendiger Notfallnarkose (34 vs. 28, p=0,007) eine deutliche Reduktion der Verweildauer vermerkt werden. In einer sekundären Befragung gaben 91% der Einsatzkräfte mehr persönliche Aufmerksamkeit für die Einsatzzeit an, 76% fühlten sich jedoch zeitweise abgelenkt – doch nur 10% sprachen sich gegen den zukünftigen Einsatz eines Timers aus. Zur Studie >>

2. Double Sequential Defibrillation (DSD): Eine Pilotstudie

Double Sequential Defibrillation (DSD) als Strategie zum Durchbrechen therapierefraktären Kammerflimmerns ist ein heiß diskutiertes Thema in den letzten Jahren und treibt jedem MPG-Beauftragten Tränen in die Augen. Jetzt gibt es dazu die ersten randomisiert-kontrollierten Daten einer Pilotstudie aus 4 kanadischen Rettungsdienstbereichen, die Standarddefibrillation (entsprechend AHA-Guidelines), Wechsel des Defibrillationsvektors (vector change = VC, Anterior-lateral zu Anterior-posterior) und DSD miteinander vergleicht – aber Vorsicht: funktionelle Outcomes werden nicht betrachtet. Unter insgesamt 152 eingeschlossenen PatientInnen (Erwachsene im hyperdynamen Kreislaufstillstand nach 3 Defibrillationsversuchen), zeigten VC und DSD einen höheren Defibrillationserfolg als reine Standarddefibrillation (82% & 76,3% vs. 66,6%) und eine höheren Anteil an ROSC (39,3% & 40% vs. 25%). Unterm Strich lässt sich lediglich festhalten, dass DSD machbar ist und ein möglicher Vorteil in einer nun folgenden Hauptstudie untersucht werden muss. Interessant ist auch, dass ein einfacher Wechsel des Defibrillationsvektors etwa gleichbedeutend zur VF-/VT-Terminierung beitrug. Und abschließend für den MPG-Menschen: Bei DSD wurde eine kurze Verzögerung zwischen beiden Schockabgaben durch eine einzelne BedienerIn gewährleistet, sodass kein Defibrillator beschädigt wurde. Zur Studie >>

3. HEART SCORE

Der HEART SCORE wurde als Risikostratifizierungstool für den nicht-traumatischen Brustschmerz entwickelt. Low risk-PatientInnen können hiermit in der Notaufnahme rasch und zuverlässig identifiziert und dann zügig und mit ausreichend Informationen entlassen werden. Momentan wird ein Major Adverse Cardiac Event (MACE) Risiko für low-risk PatientInnen (0-3 Punkte) von 1.9%, mäßiges-Risiko (4-6) von 13% und high-risk von 50% angenommen. Mark et al. haben in einer neuen retroperspektiven Analyse des modified HEART SCORE ein 60-Tage MACE Risiko für PatientInnen mit ≥4 HEART SCORE Punkten von 2% (CI 1.8–2.3) errechnet. Die Analyse unterliegt einigen Limitierungen, jedoch sind die Ergebnisse von Mark et al. vergleichbar mit denen einer in 2018 veröffentlichen Kohorten Studie von Sharp et al. Zur Studie >>

4. Sauerstoffgabe bei Covid-19-Patienten: Unter oder über einer MNS?

PatientInnen mit infektiösen Atemwegserkrankungen (natürlich Covid-19, aber auch TBc, MRGN- und MRSA-Kolonisation, etc.) werden prä- und innerklinisch fast immer mit einem eigenen chirurgischen Mund-Nasen-Schutz (MNS) ausgestattet, um die Verteilung von Tröpfchen und Aerosol in Innenräumen und im unmittelbaren Kontakt zu verringern. Gibt es jedoch gleichzeitig Anlass zu einer O2-Insufflation via (Reservoir-)Maske, stellt sich dem Personal häufig die Frage, ob die Sauerstoffmaske mit MNS kombinierbar ist, darüber oder darunter getragen werden kann oder doch gänzlich mit dem MNS getauscht werden muss. Dazu gibt es jetzt einen kleinen publizierten Versuch, bei dem in den erwähnten Konstellationen die inspiratorische Sauerstoffkonzentration mit einer Nebenstrom-Messung an der Lippe abgeleitet wurde: die FiO2 unterschied sich bei über dem MNS getragener Sauerstoffmaske nur unwesentlich von einem direkten Aufliegen auf dem Gesicht (FiO2: 0,50 vs. 0,54). Es bleibt letztlich aber zu beachten, dass eine (vermeintliche) Barriere zwischen rettendem Sauerstoff und Mund bei dyspnoeischen PatientInnen nicht unbedingt zu deren Komfort und Compliance beiträgt und das Vorgehen individuell abgestimmt werden muss. Zur Studie >>

5. Sauerstoffflaschen als MRSA-Überträger in den USA

Bei Abschlagproben von Sauerstoffflaschen in einem Rettungsdienstbereich in Alabama (U.S.) wurden 9 von 9 Proben (100%) positiv auf MRSA getestet. Weiterhin waren 67 von 70 Flaschen in einem Lagerungsbereich ebenso kolonisiert. Das lässt den Schluss zu, dass die Oberfläche von Sauerstoffflaschen (u.a. aus Sicherheitsgründen) selten bis gar nicht desinfiziert wird und die Möglichkeit für eine Kontamination nicht nur im Einsatzdienst besteht, sondern auch während Lagerung, Befüllung und Auslieferung – eine Sauerstoffflasche geht eben durch viele Hände. Allerdings muss bei einer fraglichen Übertragbarkeit der Ergebnisse beachtet werden, dass in den USA sog. community-acquired MRSA im Gegensatz zu Deutschland mit einer höheren Inzidenz epidemisch verbreitet ist. Zur Studie >>

6. Herzversagen & PEA: Abhilfe durch EKG?

Duc et al. haben retrospektiv bei 140 PatientInnen, die einen innerklinischen Kreislaufstillstand mit PEA erlitten, die kontinuierliche EKG-Aufzeichnung der letzten 24h auf Zeichen einer Rechtsherzbelastung untersucht (RVS= right ventricle strain, definiert als morphologische Veränderung / verzögerte Depolarisation in V1 plus entweder Zeichen rechtsventrikulärer Ischämie oder Abweichung der Herzachse nach rechts). In 47% der untersuchten EKG ging eine Rechtsherzbelastung dem Kreislaufstillstand durchschnittlich 7 Minuten voraus. Davon konnten nur rund 4% auf Lungenembolien zurückgeführt werden. Die Autoren schlussfolgern, dass eine rasche pulmonalarterielle Drucksteigerung auch bei respiratorisch-hypoxischer Genese zu Rechtsherzversagen und konsekutiver PEA führen kann und entsprechende, kontinuierliche EKG-Veränderungen einen gewissen prädiktiven Wert besitzen. Zur Studie >>

7. Neue Anamnese- und Übersetzungs-App

Das Ulmer Traumateam hat kürzlich auf die vielversprechende Anamnese- und Übersetzungs-App aidminutes.rescue aufmerksam gemacht, die von der Universitätsmedizin Göttingen, der Universitätsmedizin Würzburg, dem Malteser Hilfsdienst e.V., dem Rettungsdienst der Feuerwehr Braunschweig und des Landkreises Helmstedt, sowie der Charité entwickelt wurde (für iOS und Android verfügbar).

8. Wie entstehen Uhrglasnägel?

Wer schon immer einmal genau wissen wollte, wann, wie und warum Uhrglasnägel entstehen, wird in diesem Tweetorial fündig.

9. SALAD-Technik

Und an dieser Stelle ein schöner Artikel zur SALAD Technik beim Airwaymanagement, einfach, praktisch, gut! (Volltext nach kostenloser Anmeldung)

10. Point-of-Care-Ultraschall

@DocScribbles hat auf Twitter eine schöne Grafik zum echokardiographischen Untersuchungshergang bereitgestellt.

Hinweis der Autoren
Wie immer gilt: Der Einzelfall entscheidet. Der Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit und die genannten Empfehlungen sind ohne Gewähr. Die Verantwortung liegt bei den Behandelnden. Der Text stellt die Position der Autorin dar und nicht unbedingt die etablierte Meinung und/oder Meinung von dasFOAM.

  1. FOAM’s world #18; BY CGLATZ. DASFOAM THINK TANK; 05.07.2020.

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653