08. Juli 2021

Anästhesisten scheinen auch nach neuerer Datenlage besonders suizidgefährdet

Anästhesistinnen und Anästhesisten haben im Vergleich zur Normalbevölkerung ein deutlich höheres Suizidrisiko, wie eine aktuelle Literaturanalyse bestätigt.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Autorin: Maria Weiß

In der Literatur wird immer wieder angegeben, dass Ärzte und Ärztinnen, insbesondere aus dem Fachbereich Anästhesie, im Vergleich zur Normalbevölkerung ein deutlich höheres Risiko haben, an einem Suizid zu versterben. Überwiegend beruhen diese Aussagen auf historischen Daten. Eine britische Wissenschaftlerin hat daher in einer neuerlichen Literaturanalyse nachgeforscht, wie es um das Suizidrisiko von Anästhesisten und Anästhesistinnen bestellt ist.

Fachkräfte aus dem Anästhesiebereich gehören wahrscheinlich zu den Arztgruppen, die den leichtesten Zugang zu potenziell tödlichen Medikamenten haben und auch damit umzugehen wissen. Damit scheint es plausibel, dass Selbstmordgedanken häufiger auch in die Tat umgesetzt werden. Mehrere epidemiologische Untersuchungen wiesen tatsächlich daraufhin, dass sich die Narkosefachleute häufiger das Leben nehmen als andere Fachgruppen.

Evelyn Plunkett von der Abteilung für Anästhesie an der Universität Birmingham und ihre Arbeitsgruppe suchten in der weltweiten Fachliteratur seit 1990 nach Artikeln, die spezifisch das Suizid-Risiko von Anästhesisten thematisierten. 54 Arbeiten erfüllten ihre methodischen Anforderungen und wurden in die Analyse einbezogen.

Sieben der Studien enthielten epidemiologische Daten, davon stammten vier aus dem Zeitraum nach 2000. In den drei älteren Studien zeigte sich ein erhöhtes Suizidrisiko für weibliche Anästhesistinnen (standardisierte Mortalitätsrate SMR 1,68 – 2,15), die männlichen Kollegen hatten eher ein geringeres Risiko als die Normalbevölkerung. In den neueren Studien war der Anteil der Todesfälle durch Suizid unter den Anästhesisten beiderlei Geschlechts höher als in der Normalbevölkerung.   

Hohe Rate an Suizidgedanken und psychischer Belastung

Bei elf Studien handelte es sich um Umfragen unter ärztlichen Fachkräften für Anästhesie und Intensivmedizin. Gefragt wurde unter anderem nach Suizidgedanken (6 Studien), Suizidversuchen (4 Studien) und Selbstmorden in Zusammenhang mit Substanzmissbrauch. Über Suizidgedanken berichteten 3,2 – 25 % der Befragten. 0,5 bis 2,0 berichteten in den entsprechenden vier Studien von Suizidversuchen. Darüber hinaus gaben viele in diesen Umfragen auch weitere psychische Probleme wie Burnout (4-75 %), Depression (12- 28,9 %) und andere psychische Störungen oder Stress (13 – 34 %).

14 Studien beschäftigten sich mit der psychischen Gesundheit von Anästhesie-Fachkräften im Allgemeinen.  Hier lag der Anteil von Burnout zwischen 44 und 78 % und ein hoher Anteil der Befragten berichteten über Stress und katastrophale belastende Erlebnisse bei der Arbeit mit Angst- und Schuldgefühlen.

Selbsttötung zumeist mit Überdosis an Anästhetika

In fünf Arbeiten wurde auch die angewandte Methode bei Selbstmorden und Suizidversuchen thematisiert. Hier bestätigte sich, dass der leichte Zugang zu Anästhetika eine Rolle spielen könnten. Der Anteil von Todesfällen durch überdosierte Anästhetika (meist Propofol) war mehr als 20-mal höher als bei anderen Arztgruppen und eine Vergiftung war bei 80 % der Suizide die Todesursache (in der Normalbevölkerung 5 %).

Aufgrund ihrer Ergebnisse empfehlen die Autoren, die hohe psychische Belastung von Fachkräften in der Anästhesie und Intensivmedizin im Hinterkopf zu behalten und entsprechende Hilfsangebote zu machen. Noch nicht mit eigeflossen sind hier Daten zu möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf diese in den letzten eineinhalb Jahren besonders geforderten Fachkräfte.

  1. E. Plunkett et al; Suicide in anaesthetists: a systematic review; Anaesthesia (2021); doi:10.1111/anae.15514

Bildquelle: © gettyImages/SDI Productions

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