17. Dezember 2020

Neue europäische Reanimationsrichtlinie

Alle wesentlichen Aspekte im Überblick

Die Veröffentlichung der aktuellen ERC-Richtlinien verzögert sich, coronabedingt. Auf dem diesjährigen DIVI-Kongress gab es trotzdem entscheidende Vorabinformationen. Aktuell ändert sich Einiges bei der Hypothermie, der Primärdiagnostik und beim Einsatz von Adrenalin.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf dem Vortrag von Prof. Dr. Uwe Kreimeier, der im Rahmen des diesjährigen Kongresses der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (02.-04.12.2020) vorgestellt wurde. 1 Redaktion: Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin.

Leitlinie zunächst als Vorentwurf veröffentlicht

Die auf dem virtuellen ERC-Kongress 2020 konzipierten neuen Leitlinien wurden als Vorentwurf veröffentlicht. Am 10. November 2020 endete die Frist, in der die Fachöffentlichkeit die neue Richtlinie kritisch kommentieren konnte. Diese Anregungen werden nun von der Fachkommission aufgegriffen und Ende März 2021 der Öffentlichkeit vorgestellt. “Schon jetzt lässt sich aber absehen, welche wesentlichen Aspekte in den neuen Richtlinien angesprochen werden”, berichtet Prof. Dr. Uwe Kreimeier in seinem Vortrag auf dem DIVI-Kongress Anfang Dezember.

Hyothermie sinnvoll

So wird der Hypothermie nach erfolgreicher Reanimation ein höherer Stellenwert zukommen. Eventuell gelingt es auch noch die Ergebnisse der aktuell laufenden Hypothermie Studie (TTM-2-Trial) zu integrieren. Das neue ERC-Konzept sieht eine Kühlung im Bereich 32–36 °C vor. Möglichst vor Ort eingeleitet, sollte die Hypothermie nicht mehr unterbrochen werden. Problematisch bleibt dabei die Inkompatibilität durch Schnittstellenprobleme. Denn bei klinischen Kühlsystemen sind verschiedene Hersteller am Markt aktiv. Aus diesem Grund kann es bei der Patientenübergabe im Krankenhaus zur Unterbrechung der Kühlung kommen.

“Aus wettbewerbsrechtlichen Gründen, kann in der Richtlinie aber keine Präferenz eines Kühlsystems erfolgen”, gibt Kreimeier zu bedenken. Konsens besteht darin, dass Fieberphasen bis zu 72 h nach erfolgreicher Reanimation unbedingt zu vermeiden sind. Vom Einsatz gekühlter Infusionen wird abgeraten.

Vasopressin verschwindet

Als primäres Adjuvans bei der Reanimation wird nur noch Adrenalin empfohlen. Zur Anwendung kommt die Standarddosis von einem Milligramm. Von höheren Dosierungen wird abgeraten. Vasopressin ist in den neuen Richtlinien nicht mehr vorgesehen. Die Leitlinienautoren wollen so eine stringentere, logistische Situation ermöglichen. Der Stellenwert des Adrenalins bei der Reanimation wird ausgeweitet: Bei Asystolie wird, nach Einschätzung Kreimeiers, nun der sofortige und primäre Einsatz von Adrenalin empfohlen werden.

Bei defibrillierbaren Stillständen dagegen wird Adrenalin erst nach dem ersten, frustraner Defibrillationversuch empfohlen. Der Münchner Experte betont, dass Atropin seinen Stellenwert behält. Es ist primär bei bedrohlichen Bradykardien indiziert.

Zuerst intravenöser Zugang

Primär sollte immer ein intravenöser Zugang versucht werden. Der intraossäre Weg wird erst nach erfolglosen, venösen Punktionsversuchen empfohlen. Wahrscheinlich wird hier eine Zeitspanne von zwei Minuten für den intravenösen Versuch in die Leitlinien einfließen. Die Echokardiografie bekommt im Bereich der erweiterten Reanimation einen festen Stellenwert. Die neuen Leitlinien empfehlen den Einsatz im Rahmen der klinischen Erstversorgung. “Hierbei geht es nicht um prognostische Aussagen, sondern darum reversible Ursachen des Kreislaufstillstands zu erkennen”, berichtet Kreimeier.

Schutzkleidung anlegen

Und auch die Coronaproblematik findet sich in den neuen Leitlinien wieder. Bei der Laienreanimation sollte demnach das Abhören der Atmung durch Annäherung an den Patienten unterbleiben. Die Atemspende wird weiter problematisiert und eventuell durch einen Vorschlag zur alleinigen Kompression ersetzt. Dem zugrunde liegt die Vorstellung, dass die Atemwege aus Infektionsschutzgründen möglichst nicht geöffnet werden sollten. Bei Patienten mit bekannter Coronainfektion muss vor Beginn der Reanimation obligat eine Schutzausrüstung angelegt werden.

Juristisch verbindlich

Die neuen ERC-Richtlinien haben in Deutschland auch juristische Relevanz, betont Kreimeier. Wer von diesen Leitlinien abweicht, muss im Nachhinein triftige Gründe vorweisen. Der 25. März 2021, wenn die neuen ERC-Richtlinien in Antwerpen virtuell vorgestellt werden, ist also für alle Ärzte ein wichtiges Datum, betont der Münchner Experte.

  1. 20. Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. (DIVI).  Die neuen Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation des ERC 2020 Symposium, Vortrag: Erweiterte lebensrettende Maßnahmen, Prof. Dr. Uwe Kreimeier (München).

Bildquelle: © GettyImages/shironosov

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