25. März 2020

Im Epizentrum der Corona-Epidemie

Erschöpfte Kliniker in Bergamo fordern einen Perspektivwechsel

Das Krankenhaus „Papa Giovanni XXIII“ in Bergamo in der italienischen Region Lombardei wurde von der Covid-19-Epidemie regelrecht überrollt. Die dort tätigen Ärzte haben sich nun in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt. Sie fordern einen Perspektivwechsel und reflektieren, wie man sich auf die Pandemie vorbereiten sollte. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Mit fast 70.000 Infizierten (Stand, 25.03.2020, Johns Hopkins Universität) und über 6800 Toten steht Italien im Epizentrum der Coronavirus-Krise in Europa. Allein in Bergamo habe es mehr als 4300 Covid-19-Patienten gegeben, schreiben die 13 italienischen Ärzte um den Intensivmediziner Mirco Nacoti.

Eine patientenzentrierte Versorgung reicht nicht aus“

Ihr Bericht im Fachblatt „NEJM Catalyst“ soll ein Weckruf an die Öffentlichkeit sein. Darin schildern sie ein System, das völlig außer Kontrolle geraten ist. Man sei gezwungen „weit unter den üblichen klinischen Standards zu arbeiten.“ Aus diesem Grund fordern sie einen Perspektivwechsel: Bei der Bewältigung einer Pandemie reiche es nicht aus, die Versorgung allein auf Patienten in der Klinik zu fokussieren. Vielmehr müsse die gesamte Gemeinde miteinbezogen werden.

Die Lage im Krankenhaus: „Die Situation ist sehr bedrückend“

Ihr eigenes Krankenhaus in Bergamo sei in höchstem Maße kontaminiert, erzählt der Arzt: Von 900 Betten seien 300 mit Covid-19-Patienten belegt. Außerdem seien 70% der Betten auf der Intensivstation für schwerkranke Patienten reserviert, die noch eine gewisse Überlebenschance haben.

Patienten müssten stundenlang auf ein Intensivpflegebett warten. Die Situation sei sehr bedrückend, schreiben die Ärzte. „Ältere Patienten werden nicht wiederbelebt und sterben ohne Angehörige und ohne angemessene Palliativersorgung.” Familien erführen von dessen Tod per Telefon von einem völlig ausgelaugten und emotional erschöpften Arzt.

Die umliegenden Krankenhäuser hätte es jedoch noch härter getroffen. Sie seien überfüllt und es fehle dort an Medikamenten, mechanischen Beatmungsgeräten, Sauerstoff und Schutzausrüstung. Patienten müssten hier sogar auf Matratzen auf dem Boden liegen.

Grundversorgung gefährdet

Außerem, so Nacoti, sei eine normale Grundversorgung, wie die Geburtshilfe, kaum mehr zu gewährleisten. „In den Krankenhäusern sind die Mitarbeiter des Gesundheitswesens auf sich alleine gestellt. Außerhalb der Kliniken werde die Gemeinde vernachlässigt”, schreiben die italienischen Ärzte. So würden etwa Impfprogramme auf Eis liegen.

Lösungen für die gesamte Bevölkerung erforderlich

Lösungen für eine solche Pandemie müssen die gesamte Bevölkerung miteinbeziehen, nicht nur Krankenhäuser. Hierfür seien Experten für öffentliche Gesundheit und Epidemiologie erforderlich, die Entscheidungsträger auf nationaler, regionaler und Krankenhaus-Ebene beraten. Es brauche Wissen über speziellen Maßnahmen, um „epidemiologisch negatives Verhalten“ zu reduzieren.

Sie hätten aus dem Erlebten gelernt, dass Krankenhäuser eine Hauptübertragungsquelle des Virus darstellen und so eine Gefahr für alle nicht-infizierten Personen dort sind. Alle asymptomatischen Mitarbeiter des Gesundheitswesens, wie auch der Rettungsdienst, tragen ebenfalls zur Verbreitung des Virus bei.

Massiver Ausbau mobiler und häuslicher Pflege notwendig

Um ein solches Szenario zu vermeiden, müsse aus ihrer Sicht die häusliche und mobile Pflege massiv ausgebaut werden. Nur so ließen sich unnötige Transporte umgehen und Krankenhäuser entlasten.

Eine Sauerstofftherapie und eine Überwachung mit Pulsoxymeter von Patienten mit leichten Symptomen können auch zu Hause ermöglicht werden. Für eine umfassende Betreuung sei der Einsatz telemedizinischer Geräte erforderlich. Patienten könnten so gut zu Hause in Isolation überwacht und mit Nahrungsmitteln versorgt werden.

Die Forderungen der Ärzte lauten:

  • Der Schutz des medizinischen Personals in Krankenhäusern muss Vorrang haben.
  • Bei der Umsetzung von Protokollen dürfen keine Kompromisse gemacht werden.
  • Schutzausrüstung muss verfügbar sein.
  • Maßnahmen zur Verhinderung von Infektionen müssen überall, auch in den Rettungswagen, streng umgesetzt werden.
  • Spezielle „Covid-19-Krankenhauspavillons und -betreiber” sind notwendig, um die Infizierten von Virus-freien Bereichen zu trennen.

Wir brauchen einen langfristigen Plan für die nächste Pandemie“

„Dieser Ausbruch ist mehr als nur ein Phänomen der Intensivmedizin, er ist vielmehr eine Krise des öffentlichen Gesundheitswesens und der humanitären Hilfe”, resümieren die Ärzte um Nacoti.

Zukünftig müssten Sozialwissenschaftler, Epidemiologen, Logistikexperten, Psychologen und Sozialarbeiter zur Bekämpfung miteinbezogen werden. Um die Infektion einzudämmen, müssten „mutige Maßnahmen” wie in China ergriffen werden. Hier habe die Einhaltung der sozialen Distanz die Übertragung des Virus um etwa 60% reduzieren können.

Weiterer Ausbruch nach Lockerung der Restriktionen

Die Ärzte rechnen mit einem weiteren Höhepunkt der Pandemie, sobald die restriktiven Maßnahmen gelockert würden. Sie fordern deshalb einen langfristigen Plan für die nächste Pandemie.

„Das Coronavirus ist das Ebola der Reichen und erfordert eine koordinierte transnationale Anstrengung. Es ist nicht besonders tödlich, aber es ist sehr ansteckend. Je stärker die Gesellschaft medizinisch organisiert und zentralisiert ist, desto weiter verbreitet sich das Virus. Diese Katastrophe, die sich in der reichen Lombardei entfaltet, könnte sich überall ereignen”, so die Warnung der Ärzte.

1. Mirco Nacoti et al: At the Epicenter of the Covid-19 Pandemic and Humanitarian Crises in Italy: Changing Perspectives on Preparation and Mitigation. NEJM Catalyst March 21, 2020

Bild: © picture alliance / AP Photo

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